Die reichsten Norwegerinnen leben fast 16 Jahre länger als die ärmsten Norweger

  • JAMA

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Die Schere in der Lebenserwartung zwischen den reichsten und ärmsten Haushalten ist in Norwegen in den Jahren 2005 bis 2015 weiter auseinander gegangen. Für Frauen betrug der Unterschied 8,4 Jahre, für Männer sogar 13,8 Jahre.

Hintergrund

Der Vergleich der Lebenserwartung zwischen Ländern mit ähnlich hohen Lebensstandards aber unterschiedlicher Einkommensverteilung kann Hinweise auf die möglichen Folgen sozialer Ungleichheit liefern. Hier geht es um Norwegen, wo das reichste Prozent der Einwohner 8 Prozent des Gesamteinkommens bezieht, gegenüber den USA, wo die entsprechende Gruppe 20 Prozent des Gesamteinkommens auf sich vereinigt.

Design

Auswertung individueller Daten aus 4 miteinander vernetzten norwegischen Datenbanken, begrenzt auf die gesamte Population ab 40 Jahren (weil das Haushaltseinkommen von Kindern und jungen Erwachsenen nicht das Lebenszeiteinkommen als Erwachsene widerspiegelt), für die Jahre 2005 bis 2015, und ohne die untersten 3 Prozent (weil deren Einkommen bzw. Unterstützung teilweise nicht nachvollziehbar war). Gegenübergestellt wurden das Haushaltseinkommen, adjustiert für die Personenzahl, und die Lebenserwartung mit 40 Jahren sowie die Ursachen-spezifische Mortalität.

Ergebnisse

  • Während des Studienzeitraums wurden mehr als 3 Millionen Personen und annähernd 26 Millionen Personenjahre sowie 440.000 Todesfälle erfasst.
  • Mit 86,4 Jahren war die Lebenserwartung am höchsten für Frauen, die zu dem 1 Prozent der Top-Verdiener zählten. Sie lebten durchschnittlich 8,4 Jahre länger, als Frauen in der untersten Perzentile.
  • Die niedrigste Lebenserwartung hatten mit 70,6 Jahren Männer die zu dem 1 Prozent mit dem niedrigsten Einkommen gehörten. Dies waren 13,8 Jahre weniger als die Männer in der Top-Perzentile.
  • In den Jahren 2005 bis 2015 ist die Schere in der Lebenserwartung zwischen den niedrigsten und den höchsten Einkommen weiter auseinander gegangen, und zwar hauptsächlich infolge kardiovaskulärer Erkrankungen, Krebs, COPD und Demenz bei den Älteren und Drogenmissbrauch und Suizid bei den Jüngeren.
  • In diesem Zeitraum nahm die Lebenserwartung für Frauen in der höchsten Einkommensquartile um 3,2 Jahre zu, bei Frauen in der untersten Quartile nahm sie um 0,4 Jahre ab. Bei Männern hatte das reichste Viertel 3,1 Jahre länger zu leben, das unterste Viertel 0,9 Jahre.
  • Im Vergleich zu den USA waren die Unterschiede der Lebenserwartung in Abhängigkeit vom Einkommen ähnlich, wobei jedoch die unteren und mittleren Einkommen in Norwegen eine höhere Lebenserwartung hatten.

Klinische Bedeutung

Wer viel verdient, hat eine deutlich höhere Lebenserwartung. Dies gilt nicht nur für die USA, wo die Schere zwischen Arm und Reich besonders groß ist, sondern auch für Norwegen, mit seinem weitgehend steuerfinanzierten Gesundheitssystem. Der Befund unterstreicht einerseits die besondere Bedürftigkeit armer Patienten, andererseits spricht er gegen die Annahme, dass ein staatliches Gesundheitswesen per se gerechter sein muss. Im sogenannten Gini Index, der die Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft misst, liegt Norwegen auf dem 4. Platz, und die USA auf Platz 31.

Finanzierung: Norwegischer Forschungsrat (Norges forskningsråd), Norwegisches Gesundheitsinstitut (Folkehelseinstituttet).