Die Mär von den „harten“ Männern und „wehleidigen“ Frauen

  • Social Science and Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Frauen seien besonders sensibel und übertrieben daher ihre Gesundheitsprobleme, Männer hingegen neigten zur Untertreibung, heißt es oft. Solche vorherrschenden Geschlechter-Stereotypen sollten verworfen werden; die von Frauen und Männern berichteten Gesundheitsprobleme seien gleichermaßen ernst zu nehmen, fordern Wissenschaftler vom Rostocker Max- Planck-Institut für demographische Forschung. Denn eine eigene aktuelle Untersuchung habe die Annahme oder Behauptung, dass Frauen ihre Leiden überbewerteten und empfindlicher seien, nicht bestätigt. Die Studie stelle vielmehr die vorherrschenden Geschlechter-Stereotypen in Frage, so Erstautorin Anna Oksuzyan in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Demografische Forschung Aus Erster Hand“.

Daten aus 12 europäischen Ländern ausgewertet

Anna Oksuzyan und ihre Kollegen verglichen Daten aus zwölf europäischen Ländern, die im Rahmen der „SHARE“-Studie (Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe) gesammelt wurden. Dort wird unter anderem nach einer Einschätzung der eigenen allgemeinen Gesundheit gefragt, die auf einer Skala von 1 bis 5 (sehr schlecht bis sehr gut) eingestuft werden muss. 
Die Antworten zeigten, dass Frauen dem eigenen Empfinden nach eine schlechtere Gesundheit hätten als Männer, berichtet die Forscherin. Wie zu erwarten, steige zudem mit dem Alter sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen der Anteil derjenigen, die angeben eine schlechte Gesundheit zu haben: Von den 50- bis 59-jährigen Frauen gaben dies nur 5,9 Prozent an, von den über 80-jährigen dagegen mehr als 20 Prozent. Bei den Männern steige der Anteil von der jüngsten bis zur ältesten Gruppe von 5,7 auf 15,5 Prozent. Die Geschlechterunterschiede nehmen also mit dem Alter zu – von 0,2 Prozent in der jüngsten auf fast fünf Prozent in der ältesten Gruppe. 

Und die Realität?

Aber stimmen diese Selbstauskünfte zur Gesundheit mit der Realität überein? Oder klafft zwischen den subjektiven Angaben und den objektiven Befunden eine Lücke? Um diese Fragen zu beantworten, haben Anna Oksuzyan und ihre Kollegen weitere Daten der SHARE-Studie ausgewertet, da dort auch konkrete Krankheiten  abgefragt und erfasst worden. Ergebnis des Vergleichs: Frauen sind nicht sensibler und übertreiben ihre Gesundheitsprobleme auch nicht. Außerdem machten die Analysen deutlich, dass Frauen ihre Gesundheit häufiger und stärker überschätzten als Männer. Außerdem lasse sich bei beiden Geschlechtern ein ähnlicher Trend in den verschiedenen Altersgruppen feststellen: Während 50- bis 59-jährige Frauen und Männer ihre Leiden übertrieben, schätzten die Älteren, also vor allem die über 80-Jährigen, ihren Gesundheitszustand viel besser ein, als er ihren Gebrechen und Krankheiten zufolge sein dürfte. 

Geschlechterunterschied nimmt mit dem Alter zu

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich Oksuzyan zufolge bei den Befragten, die angeben eine gute Gesundheit zu haben: Auch hier geben weniger jüngere Menschen an, eine gute Gesundheit zu haben, als es den Krankheitsdaten zufolge zu erwarten wäre. Bei älteren Befragten – ganz gleich ob Mann oder Frau – sei das Gegenteil der Fall. Darüber hinaus gebe es deutlich weniger Frauen als Männer mit guter Gesundheit. Der Geschlechterunterschied nehme mit den Jahren zu und sei bei den errechneten Werten größer als bei den Selbstauskünften. 


Finanzierung: Max-Planck-Gesellschaft, der russische Staat, Bundesministerium für Forschung und Bildung, U.S. National Institute on Aging


Das Magazin „Demografische Forschung Aus Erster Hand“ ist eine gemeinsame Publikation des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, des Rostocker Zentrums zur Erforschung des Demografischen Wandels, des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, des Vienna Institute of Demography / Austrian Academy of Sciences und des Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital.