Die Kindheit entscheidet darüber, wie krankheitsanfällig der Erwachsene ist

  • Ajdacic-Gross V & al.
  • BMC Med
  • 09.04.2019

  • von Dr. Stefanie Reinberger
  • Studien – kurz & knapp
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Kernaussagen

  • Die vorliegende Studie bestätigt die Hygiene-Hypothese, nach der veränderte Lebensbedingungen und der fehlende Kontakt mit bestimmten Mikroorganismen das Immunsystem beeinträchtigen.

  • Zusätzlich zeigte sich, dass psychosoziale Vorbelastungen in der Kindheit eine große Rolle für die Krankheitsanfälligkeit im Erwachsenenalter spielen.

Hintergrund

Das Immunsystem wird bereits im Kindesalter geformt. Nach der Hygienehypothese kommt das Immunsystem durch veränderte Lebensbedingungen erst später in Kontakt mit bestimmten Mikroben, was Experten mit einer Zunahme von chronisch entzündlichen Erkrankungen, von Allergien und psychischen Erkrankungen wie Depressionen in Verbindung bringen. Die vorliegende Studie prüft, welche Faktoren in der Kindheit noch eine Rolle für die Krankheitsanfälligkeit im Erwachsenenalter spielen.

Studiendesign

Ausgewertet wurden die epidemiologischen Daten einer Kohorte von knapp 5000 Personen, die Mitte des 20. Jahrhunderts geboren wurden. Der Fokus lag dabei auf der Koninzidenz von Allergien, Infektionskrankheiten und psychosozialen Belastungen in der Kindheit.

Hauptergebnisse

  • Anhand der epidemiologischen Daten ließen sich fünf unterschiedliche Gruppen identifizieren:

    • Die größte Gruppe, zu der knapp 60% der Studienteilnehmer zählten, hat ein unauffälliges Immunsystem, das die Studienautoren als „neutral“ bezeichenen. Die Probanden in dieser Gruppe hatten eine vergleichsweise niedrige Kankheitsbelastung in der Kindheit.

    • Mehr als 20% der Personren in der Kohorte verfügten über ein besonders widerstandsfähiges „resilientes“ Immunsystem. In dieser Gruppe war die Kranheitsbelastung in der Kindheit noch niedriger. Außerdem hatten die Probanden selbst bei so genannten Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln weniger Symptome als Studienteilnehmer, die der neutralen Gruppe zugeordnet wurden.

    • 7% der Teilnehmer wurden der „atopischen“ Gruppe zugeordnet. Sie hatten vermehrt allergische Erkrankungen.

    • Rund 9% der Teilnehmer zählten zur „gemischten“ Gruppe, in der einzelne allergische Erkrankungen, sowie Erkrankungen wie Scharlach, Keuchhusten und Röteln vermehrt auftraten.

    • Rund 5% der Teilnehmer gehörten zur Gruppe derer mit traumatisierenden Kindheitserfahrungen (adverse childhood experiences, ACE). Sie waren anfälliger für allergische Erkrankungen. Im Hinblick auf die typischen viralen Kinderkrankheiten waren sie jedoch vergleichsweise widerstandsfähig.

  • Die unterschiedlichen Gruppen spiegelten sich im späteren Gesundheitszustand der Studienteilnehmer wider:

    • Probanden aus der „resilienten“ Gruppe waren im Erwachsenenalter sowohl vor chronischen als auch vor psychischen Beschwerden besser geschützt.

    • Probanden aus der atopischen und aus der gemischten Gruppe hatten ein erhöhtes Krankheitsrisiko im somatischen wie im psychischen Bereich

    • Die ACE-Gruppe zeigte eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Erkrankungen. Frauen dieser Gruppe hatten außerdem ein erhöhtes Risiko für chronische Entzündungskrankheiten.

Klinische Bedeutung

Die vorliegende Studie bestätigt zunächst die Hygiene-Hypothese. Allerdings zeigt sie auch, dass die Kindheit auch auf einer anderen Ebene über den späteren Gesundheitszustand mitentscheidet.

"Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Immunsystem wie eine Schaltstelle zwischen somatischen und psychischen Prozessen funktioniert», sagt Erstautor Vladeta Ajdacic-Gross von der Universität Zürich. «Sie helfen uns zu verstehen, weshalb auch viele Menschen ohne psychosoziale Vorbelastungen von psychischen Beschwerden eingeholt werden und weshalb umgekehrt traumatisierte Personen zu chronischen Entzündungskrankheiten neigen."

Limitierungen

  • Die Einteilung in fünf Gruppen stellt eine Vereinfachung dar – möglicherweise müssen mehr Faktoren und Gruppe berücksichtigt werden.

  • Nur eine eingeschränkte Zahl an Entzündungsmarkern wurde für die Analyse berücksichtigt.

  • Retrospektive Studie basierend auf Selbstauskunft.

Finanzierung

GlaxoSmithKline und andere