Die Keimbahn, eine „reiche Quelle“ an Informationen über Prostatakrebs


  • Studien – kurz & knapp
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Keimbahn-Tests sind ein zunehmend wichtiger Bestandteil der Beurteilung, des Managements und der Behandlung von Prostatakrebs. Identifizierte, relevante Genmutationen können die Ärzte zum einen darauf aufmerksam machen, dass bei dem betreffenden Patienten ein erhöhtes Krankheitsrisiko besteht. Zum anderen können die Patienten, wenn bereits eine metastasierende Krankheit vorliegt, in Richtung geeigneter Präzisionstherapien gelenkt werden, die mit größter Wahrscheinlichkeit einen Nutzen bringen. Die Nutzung der Vorteile von Keimbahn-Tests setzt jedoch voraus, auf dem neuesten Stand der Daten zu sein. Dies ist für Ärzte keine kleine Herausforderung, da sich das Feld schnell entwickelt.

Entsprechend waren es willkommene Neuigkeiten, als die Philadelphia Prostate Cancer Consensus Conference im Jahr 2019 einberufen wurde, um diese Entwicklungen auf dem Gebiet der Keimbahn-Tests zusammenzufassen und den Ärzten Richtlinien zu deren Anwendung zur Verfügung zu stellen. Nachdem diese Richtlinien jetzt im Journal of Clinical Oncology verfügbar gemacht wurden, bat Medscape die Hauptautorin Veda Giri, MD, Associate Professor für medizinische Onkologie, Krebsbiologie und Urologie, und Direktorin der Cancer Risk Assessment and Clinical Cancer Genetics am Sidney Kimmel Cancer Center, Thomas Jefferson University, Philadelphia, herauszustellen, was Ärzte am dringendsten wissen müssen. Das Interview wurde bezüglich Länge und Verständlichkeit bearbeitet.

Medscape: Warum haben Sie sich jetzt entschieden, diese Empfehlungen zu formulieren?

Dr. Giri: Die Durchführung von Keimbahn-Tests auf Prostatakrebs, bei denen es im Grunde um Tests auf erbliche Krebsgenmutationen handelt, nimmt rasch zu. Es gibt zunehmende Indikationen für das Testen von Männern mit metastasierendem Prostatakkrebs. Zum Beispiel wurden vor kurzem zwei Poly(-ADP-Ribose)-Polymerase (PARP)-Inhibitoren, Rucaparib und Olaparib, von der US-amerikanischen Food and Drug Administration für Männer mit metastasierendem Prostatakkrebs zugelassen, bei denen es nach der ersten Therapielinie zu einem Krankheitsprogress kam. Genetische Informationen nehmen eine immer wichtigere potentielle Rolle in Diskussionen über eine aktive Überwachung von Männern mit Krebs im Frühstadium ein, ebenso wie in der Früherkennung.

Dies sind spannende Zeiten, was die Bedeutung von Gentests bei Männern mit Prostatakrebs anbelangt, aber es gibt auch einige wichtige Überlegungen oder Herausforderungen, die sich seit Ausweitung dieser Testindikationen aufgetan haben.

Zu diesen Herausforderungen zählen zum Beispiel die steigenden Zahlen der Männer, die die Testkriterien erfüllen, evaluiert werden müssen und eine genetische Beratung benötigen. Auch gibt es Unterschiede bei den Indikationen für Gentests in den verschiedenen Leitlinien, die schwierig umzusetzen sind, was bei Ärzten zur Unklarheiten bezüglich der Entscheidung führen kann, wer getestet werden soll.

Des Weiteren gibt es auch eine Erweiterung bei den Laboren und den Optionen an Testpanels für Männer. Daher stellt die Frage, welche Testpanels zum Testen von Männern mit Prostatakrebs optimal sind, eine weitere Herausforderung dar. Außerdem besteht ein zunehmender Bedarf an genetischer Beratung, und gleichzeitig geben viele Ärzte, die nicht im Bereic der Genetik tätig sind, wie etwa Urologen und Onkologen, ihre eigenen Gentests in Auftrag.

Alle diese Herausforderungen veranlassten uns zu einer Expertenüberprüfung der Daten, um einen Rahmen für einen verantwortungsvolle Einsatz von Keimbahn-Tests für Prostatakrebs zu schaffen.

Bei wie viel Prozent der Männer liegen Prostatakrebs-Keimbahnmutationen vor?

Die Mutationen, über die in verschiedenen Studien berichtet wurde, bewegen sich in einem Prävalenzbereich. Sie bewegten sich irgendwo zwischen 12 % und 17 %, insbesondere bei Männern mit metastasierender Krankheit.

Welche Männer sollten für Keimbahn-Gentests auf Prostatakrebs in Betracht komen?

Was die Frage anbelangt, bei welchen Männern Keimbahn-Tests durchführten werden sollten, haben wir unsere Empfehlungen gestaffelt. „Empfehlen“ bedeutet, dass mindestens 75 % der Teilnehmer des Konsensausschusses zustimmten. „In Betracht ziehen“ bedeutet, dass 50 % bis 74 % der Teilnehmer des Ausschusses bei bestimmten Kriterien zustimmten.

Die stärksten Empfehlungen dazu, welche Männer für einen Keimbahn-Test in Betracht gezogen werden sollten, wurden für Männer mit metastasierendem Prostatakrebs ausgesprochen, unabhängig davon, ob sie kastrationsresistent oder kastrationssensitiv sind oder eine familiäre Krankheitsgeschichte mit Verdacht auf hereditären Prostatakrebs vorliegt. Diese familiäre Krankheitsgeschichte umfasst einen Bruder, Vater oder zwei oder mehr männliche Verwandte, bei denen in jungem Alter (

Für einen Test infrage kommen würden auch Männer mit einer fortgeschrittenen Erkrankung, wie etwa einer Erkrankung der Klassifikation T3a oder höher, sowie Männer mit intraduktaler oder duktaler Pathologie oder Männer, die eine Erkrankung mit Schweregrad 4 oder Gleason 8 oder höher aufweisen. Männer mit aschkenasisch-jüdischer Abstammung könnten in Anbetracht dessen, dass in dieser Population höhere Raten von BRCA-Mutationen auftreten, für Gentests in Erwägung gezogen werden.

Zusätzliche Empfehlungen für Tests schlossen eine breitere Familienanamnese ein, z. B. das Vorliegen von zwei oder mehr Krebsarten, die mit Syndromen assoziiert sind, die zu den hereditären Krebserkrankungen gehören, wie etwa hereditärer Brust- oder Ovarialkrebs und das Lynch-Syndrom. Eine Krebsdiagnose in jungem Alter (

Die Identifizierung von Männern, bei denen genetische Tests in Betracht kommen, könnte wesentlich für die Behandlung oder das Management sein. Bei Männern mit metastasierendem Prostatakrebs könnte der Zweck genetischer Tests darin bestehen, ihre therapeutische Entscheidungsfindung zu unterstützen. Wären sie beispielsweise für einen PARP-Inhibitor oder eine klinische Studie geeignet? Im nicht-metastasierenden Stadium oder Frühstadium wäre es aus klinischer Sicht vielleicht wichtig herauszufinden, ob eine genetische Mutation Anlass für eine aktive Überwachung geben würde. Bei Männern ohne Diagnose eines Prostatakarzinoms kann das genetische Ergebnis für Diskussionen über das Screening auf Prostatakrebs herangezogen werden.

Welche Panels sollten in Betracht gezogen und welche Gene vorrangig getestet werden?

Es gibt fokussierte Panels für Gentests auf Prostatakrebs, bei denen 5 oder 6 Gene getestet werden und für die Richtlinien für das Management oder das Screening zur Verfügung stehen. Es gibt aber auch Prostatakrebs-spezifische Panels, die etwa 15 Gene einschließen, sowie umfassendere Krebspanels für 80 und mehr Gene.

Im metastasierendes Stadium sind die Gene, für die wir Tests empfehlen, vorrangig  BRCA2, BRCA1 und die Gene für DNA-Mismatch-Reparaturproteine. Wir befürworteten umfassende Keimbahn-Panel-Tests, die diese Gene und viele andere Gene umfassen, um Männer für eine Behandlung oder klinische Studien zu identifizieren. Im Einzelfall sollte auf Basis der persönlichen Anamnese oder der Krankengeschichte der Familie auf zusätzliche Gene getestet werden.

BRCA2 erhielt eine Empfehlung mit starkem Konsens bei nicht-metastasierender Krankheit. Nochmals, es ist wichtig, auf Basis der persönlichen oder familiären Anamnese zusätzliche Gene zu testen. Bei nicht-metastasierender Krankheit gab es eine mäßige Zustimmung im Konsensgremium dafür, über die Anwendung von Reflexpanels nachzudenken. Reflexpanels sind solche, bei denen Sie die Tests mit einem kleineren Set von Genen beginnen und sich die Option offenhalten können, die Tests auf Basis der familiären oder persönlichen Krankheitsgeschichte auszuweiten.

Bei nicht erkrankten Männern umfassten die vorrangigen Gene BRCA2 und HOXB13, wobei BRCA1, DNA-Mismatch-Reparaturgene und ATM in Erwägung kamen. Bei nicht erkrankten Männern gab es einen moderaten Konsens darüber, über die Anwendung von Reflexpanels nachzudenken. Bei nicht erkrankten Männern sollte auch in Betracht gezogen werden, auf Grundlage der persönlichen oder familiären Krankheitsgeschichte zusätzliche Gene zu testen.

Welche Prostatakrebs-spezifischen Empfehlungen sollten auf Basis der genetischen Ergebnisse in Erwägung gezogen werden?

Bei metastasierender Krankheit gab es eine starke Empfehlung für Gentests, um die Entscheidung über eine Aufnahme von Männern mit Prostatakrebs in Studien mit Präzisionsmedizin zu unterstützen. Falls Männer BRCA2-Mutationen und BRCA1-Mutationen aufweisen, könnte dies Anlass für eine Therapie mit einem PARP-Inhibitor geben. Ich denke, dass dies nun, da die beiden PARP-Inhibitoren Rucaparib und Olaparib zugelassen wurden, für Männer mit metastasierendem Prostatakrebs besonders wichtig ist. Keimbahnmutationen in den DNA-Mismatch-Reparaturgenen können ebenfalls eine Entscheidung über die Behandlung mit einer Anti-PD-1(Anti-Programmed Death 1)-Therapie unterstützen, insbesondere in klinischen Studien.

Für das Frühstadium wurde empfohlen, BRCA2 bei Diskussionen im Hinblick auf eine definitive Behandlung oder vielmehr eine aktive Überwachung für das Management von Prostatakrebs zu berücksichtigen.

Bei Männern ohne Prostatakrebs-Diagnose, die Mutationsträger sind, wurde eine Überweisung in eine Klinik für Hochrisiko-Prostatakrebs und/oder eine Aufnahme in Studien zur Früherkennung empfohlen. Es gab eine starke Empfehlung dazu, dass Männer, die BRCA2-Träger sind, im Alter von 40 Jahren oder 10 Jahre vor der jüngsten Prostatakarzinom-Diagnose in einer Familie mit dem Prostatakrebs-Screening beginnen sollten. Dieselbe Empfehlung wurde für BRCA1, HOXB13, ATM und DNA-Mismatch-Reparaturgene, insbesondere MSH2, ausgesprochen.

Welche Hindernisse sollten angegangen werden, um die genetischen Tests für Prostatakrebs zu verbessern?

Eines davon ist, die praktischen Kenntnisse der Ärzte über Gentests für Prostatakrebs zu vertiefen. Wir haben einige der Ressourcen, Kurse und Tutorials aufgelistet, die online oder im Rahmen von Präsenzveranstaltungen angeboten werden, um mehr Informationen und Kenntnisse über Gentests zu erlangen.

Weitere Hindernisse, die überwunden werden müssen, umfassen die Notwendigkeit einer stärkeren Befürwortung und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit hinsichtlich Gentests für Prostatakrebs. Um den Zugang zu genetischer Beratung zu erweitern, ist ferner eine Kostenerstattung für Telemedizin und telefonische Beratung erforderlich. Zudem besteht ein steigender Bedarf an virtuellen Tumorkonferenzen oder virtuellen genetischen Konferenzen, um das Wissen über genetische Tests und die Auswertung ihrer Ergebnisse in der Ärzteschaft zu verbreiten.

Die Neudefinition von „Aktionsfähigkeit“ in Bezug auf die Kostenübernahme für genetische Tests durch Versicherungen ist ebenfalls wichtig. Oft bezieht sich diese Aktionsfähigkeit auf die familiären Auswirkungen, ist jedoch mit Herausforderungen für den Versicherungsschutz verbunden. Außerdem ist es wichtig, die Hausärzte einzubeziehen, um die Auswirkungen von Keimbahntests für Prostatakrebs auf Bevölkerungsebene zu verstärken.

Dr. Giri legte den Besitz von Aktien von Novopyxis und Rednerverträge mit Janssen und Invitae offen.

Der Artikel wurde ursprünglich auf Medscape.com veröffentlicht.