Die Grenzwert-Fehde: Der Weise schwankt, nur der Narr ist sich sicher

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Einer alten Diplomatenregel zufolge bekommt jenes Rad besonders viel Fett, das besonders laut quietscht. Daran gemessen hat der habilitierte Pneumologe Dieter Köhler, Ex-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin , mit seinem Positionspapier zu den wissenschaftlichen Grundlagen der Grenz- und Messwerte von Luftschadstoffen offenbar einiges richtig gemacht. Denn gemeinsam mit einigen Mitstreitern hat Köhler Zweifel gesät und zu einer öffentlichen Debatte über jene Grenz- und Messwerte von Luftschadstoffen angeregt, die die Grundlage für Fahrverbote und reichlich Empörung sind. Erwartungsgemäß begrüßt die Automobilindustrie die Initiative von Köhler und Co. „Es ist richtig, dass wir in Deutschland jetzt eine intensive Debatte darüber führen, ob die Stickoxidgrenzwerte, die die EU vorgegeben hat, auf einem seriösen wissenschaftlichen Fundament stehen, und darüber, ob die Messstellen richtig positioniert sind“, wird Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, im „Handelsblatt“  zitiert. Und auch der Bundesverkehrsminister plädiert für eine Überprüfung der Grenzwerte. Doch Köhler und Co. bekommen nicht nur auf die Schultern geklopft, sondern einigen wissenschaftlichen und publizistischen Gegenwind. Kritiker sprechen dem Lungenfacharzt und Ingenieur nicht nur die Kompetenz in dieser Grenzwert-Diskussion ab, sondern erklären ihn sogar zum akademischen Quer- und Wirrkopf oder zum Steigbügelhalter der Automobilindustrie.

Meinungseinfalt versus Abweichlertum

Nun wird über den Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Aussagen eigentlich nicht per Abstimmung entschieden. Auch hier gilt: Masse ist nicht gleich Klasse. So manche wissenschaftlich zutreffende Erkenntnis verdankt die Menschheit gerade den Querdenkern, Aufmüpfigen und Abweichlern - und nicht immer den in Meinungseinfalt vereinten Mehrheiten. George Bernard Shaw hatte nicht ganz unrecht mit seiner Aussage: „Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“  Allerdings ist daraus nicht zu folgern, dass eine Außenseitermeinung wie die von Köhler allein dadurch schon an wissenschaftlichem Wahrheitsgehalt gewinnt, dass sie eine Außenseitermeinung ist. Ein wenig kommt es auch auf sachliche Argumente an - und sicher nicht auf teilweise diffamierende Äußerungen oder subtile Boshaftigkeiten, die einen sachlichen Diskurs eher beenden als fördern, z. B. jene zum fortgeschrittenen Alter von Dieter Köhler. Außerdem: Kritik an den Grenzwerten und vor allem der Verhältnismäßigkeit der Fahrverbote ist weder verboten, noch ehrenrührig und durchaus auch nicht grundsätzlich unangebracht. Gerade in der Wissenschaft sollte das alte schottische Sprichwort berücksichtigt werden, dass „der weise Mann schwankt und nur der Narr sich seiner Sache sicher ist“. 

Wie es nun aussieht, haben die Verfechter der herrschenden Grenzwerte und Köhler-Kritiker die besseren Sach-Argumente, zumal kernige Aussagen der „Abweichler“ wie die, dass Lungenärzte im Alltag täglich Todesfälle an COPD und Lungenkrebs sähen, aber keine Toten durch Feinstaub und NOx, wenig zur Stärkung der eigenen Position beitragen.

Gegenstimmen -  aus dem In- und Ausland

Einige Gegenargumente haben Experten und Fachgesellschaften aus dem In- und Ausland vorgebracht. Stimmen von Spezialisten aus Großbritannien und der Schweiz etwa hat das Science Media Center Germany  eingeholt und veröffentlicht. Hier ein paar Beispiele (verkürzt) 

Roy M. Harrison (Professor für Umweltmedizin, University of Birmingham, Vereinigtes Königreich):  „Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erklärung von Professor Köhler keine Fragen aufwirft, die von der Forschungsgemeinschaft im Bereich Luftverschmutzung und Gesundheit bisher nicht eingehend untersucht wurden. Sie bietet keine Grundlage, um den derzeitigen Konsens über das Verständnis in diesem Bereich in Frage zu stellen. Die in dieser Erklärung erhobenen Einwände gegen den vorherrschenden wissenschaftlichen Konsens über Luftverschmutzung und Gesundheit haben viel mit denen zu tun, die vor mehr als 20 Jahren erhoben wurden. Damals begannen sich die epidemiologischen Beweise zu verdichten, die zeigen, dass die aktuelle Höhe der Luftverschmutzung mit vorzeitiger Mortalität, Krankenhauseinweisungen und anderen Formen der Morbidität verbunden ist. Seitdem hat es eine umfassende Debatte und eine enorme Zunahme der Evidenz gegeben – einschließlich mechanistischer Studien – die die Kausalität der Zusammenhänge zwischen Luftverschmutzung und negativen gesundheitlichen Folgen belegen. Infolgedessen wird die Kausalität dieser Zusammenhänge heute sehr selten in Frage gestellt und von allen akzeptiert, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt haben. Die Evidenz für Feinstaub ist außergewöhnlich groß, aber geringer für Stickoxide.“

Prof. Dr. Michael Brauer (The University of British Columbia, Vancouver):  „Um die epidemiologische Evidenz zum Thema Luftverschmutzung kurz vorab zusammenzufassen: a) An einem Tag mit höherer Luftverschmutzung sterben mehr Menschen im Vergleich zu Tagen mit niedrigerer Luftverschmutzung. b) Menschen, die in Städten mit höherer Luftverschmutzung leben, sterben früher als Menschen, die in Städten mit niedrigerer Luftverschmutzung leben – unter Berücksichtigung anderer Faktoren, die bekanntermaßen den Tod beeinflussen. c) In Stadtvierteln innerhalb derselben Stadt, die stärker belastet sind als andere Stadtteile, sterben Menschen früher – unter Berücksichtigung aller anderen Faktoren, die bei den Menschen in den Nachbarschaften unterschiedlich sein können. d) Vor allem haben wir auch Studien, die zeigen, dass die Sterblichkeitsraten sinken und Menschen länger leben, wenn die Luftverschmutzung reduziert wird – entweder durch eine Verordnung oder durch ein ‚natürliches Experiment‘ wie eine wirtschaftliche Rezession und eine geringere Industrieproduktion oder einen Arbeitsstreik.“

Jonathan Grigg , Professor für pädiatrische Atmungs- und Umweltmedizin (Queen Mary University of London). „Die Autoren dieser Stellungnahme weisen zu Recht darauf hin, dass in epidemiologischen Studien gefundene Assoziationen nicht unbedingt kausal sind – es gibt Grenzen für alle wissenschaftlichen Studien. Um die für wichtige politische Initiativen erforderliche Evidenzbasis zu schaffen, muss die gleiche Assoziation – bereinigt um wichtige andere Faktoren – in vielen verschiedenen Studien gefunden werden. Das ist der Fall für den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Todesfällen. So zeigt beispielsweise eine Analyse von Daten aus 22 europäischen Kohorten deutlich, dass eine langfristige Feinstaubbelastung mit der Mortalität in Konzentrationsbereichen unterhalb des derzeitigen europäischen Jahresmittelgrenzwertes verbunden ist. Viele weitere Studien zeigen auch plausible biologische Mechanismen für diesen Zusammenhang. Die Ansicht der Autoren, dass es keine wissenschaftliche Rechtfertigung für die derzeitigen Grenzwerte für Luftverschmutzung gibt, kann angesichts der überwältigenden wissenschaftlichen Evidenz nicht bestehen; und es ist besonders enttäuschend, wenn sie von einer Gruppe von Ärzten stammt.“

Prof. Dr. Nino Künzli , Vizedirektor des Schweizerisches Tropen und Public Health Institut Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene des Bundesrates der Schweiz:  „Die Grenzwert-Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation beruhen auf der gesamten weltweit verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz zu den Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit. Diese experimentelle und epidemiologische Forschung schlägt sich allein in den letzten 30 Jahren in etwa 70.000 wissenschaftlichen Arbeiten nieder. Diese Literatur wird von großen interdisziplinären Fachgremien regelmäßig neu beurteilt. Die Herren Köhler, Hetzel und ihre Jünger sucht man in dieser Wissenschaftsgemeinde vergeblich. Sie haben noch nie zu diesem Thema geforscht, weshalb sie auch noch nie in wissenschaftlichen Gremien zu diesen Fragestellungen tätig sein durften. In diesen Gremien wird Sachwissen verlangt. Köhler, Hetzel und Co. verfügen über keinerlei epidemiologische Ausbildung, die sie dazu befähigen würde, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Umweltepidemiologie sachkundig zu beurteilen. Das sogenannte ‚Positionspapier‘ dieser Ärzte entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und argumentativer Kohärenz. Leider fehlt Köhler, Hetzel und Co. nicht nur die Fähigkeit, diese Wissenschaft kritisch zu würdigen, sondern auch die Einsicht über die Grenzen der eigenen Kompetenzen.“ Und: „Der Stil der Auftritte von Köhler und Hetzel lässt erkennen, dass es hier nicht um Fakten, sondern um Bauchgefühle und kochende Emotionen geht." 

Ein kleines Fazit

Es mag durchaus sein, dass Emotionen, etwa Verärgerung bei Köhler und manchen Mitstreitern eine Rolle spielen, vielleicht gefällt sich Dieter Köhler auch in der Rolle des „Renegaten“; so manches Renegatentum hat sich bei näherem Hinsehen schon als Attitüde erwiesen; und vielleicht hat ja Eitelkeit bei dem Positionspapier die „Feder“ mitgeführt. Auch unter Wissenschaftler menschelt es. Welcher Professor glaubt nicht in seinem tiefsten Inneren, dass zwar alle Menschen Würmchen seien, er aber ein Glühwürmchen. 

Doch obgleich die Kritiker des Positionspapiers in der Mehrheit sind und die besseren Argumente zu haben scheinen, wird eine erneute wissenschaftliche Diskussion und Überprüfung der Grenzwerte relevanter Luftschadstoffe unumgänglich sein. Denn nur so sei, wie es kürzlich zu Recht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß, wiederherzustellen, „was nach der gezielten Bagatellisierung von Schadstoffen durch die gut hundert deutschen Lungenärzte und das damit heraufbeschworene Kompetenzgerangel in Trümmern liegt“. Vielleicht wird nach weiteren Überprüfungen so mancher Grenzwert keineswegs „milder“, sondern stattdessen „schärfer“. Dagegen wäre doch - streng moralisch und medizinisch gedacht - kaum etwas einzuwenden. Denn wer hat schon Interesse daran, dass das Fahren erleichtert, das Atmen hingegen erschwert wird?