Die Gedächtnisleistung von Menschen, die an Krebs erkranken, lässt weniger schnell nach

  • JAMA Network Open

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Ältere Menschen mit einer Krebsdiagnose haben durchschnittlich ein besseres Gedächtnis als nicht Erkrankte. Außerdem ist die Rate des Gedächtnisverlustes nach der Diagnose bei ehemaligen Krebspatienten langfristig ebenfalls geringer.

Hintergrund

Unter Menschen, die an Krebs erkrankt waren, ist die Inzidenz der Alzheimer-Krankheit geringer als in der Allgemeinbevölkerung. Eine Hypothese dazu ist, dass es eine inverse biologische Beziehung zwischen der Entstehung von Krebs und der Entwicklung neurodegenerativer Erkrankungen geben könnte. Möglich ist aber auch, dass dieses Phänomen auf einer statistischen Verzerrung (Bias) beim Nachweis der Erkrankungen und der Überlebenswahrscheinlichkeit beruht.

Design

Ziel dieser Studie war es, die langfristige Entwicklung des Gedächtnisses vor und nach einer Krebserkrankung zwischen betroffenen Individuen und Menschen ohne Krebsdiagnose zu vergleichen. Die Datengrundlage stammt von 14.583 US-Amerikanern ohne Krebs in der Vorgeschichte, die vor 1949 geboren wurden und an der Health and Retirement-Studie teilnahmen. Sie wurden zwischen 1998 und 2014 alle 2 Jahre mittels Wortlisten getestet. Dabei wies man den Teilnehmern zu Beginn einen auf 0 standardisierten Gedächtniswert zu, bei dem ein Wert von 1 einer Standardabweichung entsprechen würde.

Ergebnisse

  • Die Versuchsteilnehmer (58 % weiblich) waren durchschnittlich 66,4 Jahre alt und wurden 11,5 Jahre lang nachverfolgt. 2250 Personen erhielten in dieser Zeit eine Krebsdiagnose, die anderen 12.333 nicht.
  • Die Rate, mit der das Gedächtnis sich verschlechterte, betrug in der Dekade vor einer Krebserkrankung 10,5 % (95%-Konfidenzintervall 6,2 % - 14,9 %). Dies war geringer als bei Individuen ohne Krebsdiagnose.
  • Für Individuen, die ihre Diagnose im Alter von 75 Jahren erhielten, war die Gedächtnisfunktion unmittelbar davor um 0,096 Standardabweichungen besser als bei Menschen ohne Krebs.
  • Nach einer Krebsdiagnose verschlechterte sich die Gedächtnisfunktion kurzfristig um 0,058 Standardabweichungen. Danach war jedoch die Rate des Gedächtnisverlustes 3,9 % langsamer als bei Menschen ohne Krebsdiagnose.

Klinische Bedeutung

Die Gedächtnisleistungen von Menschen, die an Krebs erkranken, scheint dieser Studie zufolge einer anderen, flacher abfallenden Bahn zu folgen, als dies bei nicht Erkrankten der Fall ist. Für die Praxis ist diese Erkenntnis zwar nicht unmittelbar relevant – sie wird aber womöglich weitere Forschungen nach sich ziehen, die langfristig therapierelevante biologische Zusammenhänge zwischen karzinogenen Faktoren und der Neurodegeneration aufdeckten könnten.

Finanzierung: National Institute on Aging, National Cancer Institute, American Cancer Society.