Deutschlandweite Analyse: Mehr als die Hälfte beatmungspflichtiger COVID-19-Patienten verstorben

  • Lancet Respiratory Medicine

  • von Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Gut ein Fünftel der COVID-19-Patienten, die im Frühjahr in deutschen Krankenhäusern aufgenommen wurden, haben nicht überlebt. Besonders hoch war die Sterblichkeit mit 53 Prozent bei Patienten, die beatmet wurden. Das geht aus einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) und der Technischen Universität Berlin hervor, die jüngst in The Lancet Respiratory Medicine veröffentlicht worden ist.

"Die hohen Sterblichkeitsraten machen deutlich, dass in den Kliniken relativ viele Patienten mit einem sehr schweren Krankheitsverlauf behandelt wurden. Diese schweren Verläufe betreffen eher ältere und gesundheitlich bereits beeinträchtigte Menschen, kommen aber auch bei jüngeren Patienten vor", wird WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber in einer Mitteilung zitiert.

Hohe Mortalitätsrate bei beatmeten Patienten

Insgesamt lagen der Untersuchung Daten von rund 10.000 Patienten zugrunde, von denen etwa 1700 beatmet wurden, drei Viertel davon erhielt eine invasive Beatmung. „Etwas mehr als die Hälfte (53%) der Patienten, die künstlich beatmet werden mussten, verstarben“, berichten die Autoren. Von den Krankenhauspatienten, die nicht beamtet wurden, starben hingegen nur 16 Prozent.

Die höchsten Mortalitätsraten traten dabei bei beatmeten Patienten in der Altersgruppe von 70 bis 79 Jahren (63 Prozent) sowie bei den Patienten ab 80 Jahren (72 Prozent) auf. Auch bei den beatmeten Patienten, die während des Krankenhausaufenthalts wegen eines Nierenversagens zusätzlich dialysepflichtig waren (27 Prozent aller beatmeten Patienten), lag laut Analyse die Sterblichkeit mit 73 Prozent sehr hoch.

Geringer Anteil beatmeter Patienten bei den über 80-Jährigen

Wer beatmet wurde und wer nicht, unterschied sich zwischen den Altersgruppen. Auffällig war dabei, dass bei den Hochbetagten (ab 80 Jahren) mit 15 Prozent vergleichsweise wenige Patienten beatmet wurden. Bei den 60- bis 69-Jährigen sowie bei den 70- bis 79-Jährigen lag der Anteil der beatmeten Patienten hingegen bei 24 beziehungsweise 25 Prozent. Christian Karagiannidis, Sprecher der DIVI-Sektion "Lunge – Respiratorisches Versagen" versicherte, „dass in Deutschland alle Patienten beatmet werden konnten, bei denen das therapeutisch notwendig erschien“.  Anders sehe dies möglicherweise in anderen Ländern aus. Hier gebe es, so Karagiannidis, Hinweise, „dass tendenziell weniger hochaltrige Menschen mit Covid-19 beatmet wurden – vermutlich auch aus Kapazitätsgründen.“

Mehr Männer als Frauen am Beatmungsgerät

Interessante Ergebnisse liefert die Analyse auch in Hinblick auf die Verteilung zwischen den Geschlechtern: So lag der Anteil der beatmeten Männer bei 22 Prozent und war damit fast doppelt so hoch wie bei den Frauen (12 Prozent), die Sterblichkeit lag hingegen zwischen den Geschlechtern auf einem vergleichbaren Niveau. „Aus den Abrechnungsdaten heraus lässt sich dieser deutliche Unterschied nicht erklären, hier besteht weiterer Forschungsbedarf", wird Karagiannidis zitiert.

Beatmete Patienten haben häufiger Begleiterkrankungen

Wie nicht anders zu vermuten war, weisen stationär behandelte Covid-19-Patienten außerdem häufig eine Reihe von Begleiterkrankungen auf. So hatten beispielsweise 24 Prozent der Patienten ohne Beatmung Herzrhythmusstörungen; bei den Patienten mit Beatmung waren es 43 Prozent. Eine Diabetes-Erkrankung lag laut Analyse bei 26 Prozent der Patienten ohne Beatmung und bei 39 Prozent der Patienten mit Beatmung vor.

Analyse umfasst mehr als 10.000 Patienten

Für die Analyse haben die Autoren die Abrechnungsdaten der AOK von rund 10.000 Patienten mit bestätigter Covid-19-Diagnose ausgewertet, die zwischen dem 26. Februar und 19. April 2020 in 920 deutschen Krankenhäusern behandelt wurden. Damit liefert die Studie „erstmals bundesweite und bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zur Behandlung der Covid-19-Patienten in Deutschland.