Deutschland-Barometer Depression: Massive Folgen für depressiv Erkrankte durch Corona-Lockdown

  • Stiftung Deutsche Depressionshilfe

  • von Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Jeder zweite an Depression Erkrankte hat im ersten Lockdown massive Einschränkungen in der Behandlung seiner Erkrankung erlebt. Für einen kleineren Teil der Patienten waren Telefon- und Videosprechstunden eine gute Alternative. Das geht aus der Befragung „Deutschland-Barometer Depression“ hervor, deren Ergebnisse vergangenen Montag von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe veröffentlicht wurden.

Depressiv Erkrankte seien durch Corona-Maßnahmen besonders belastet, heißt es in einer Mitteilung der Stiftung. So wurde der Lockdown im März von Betroffenen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung als deutlich belastender erlebt (74 % versus 59%). Depressiv Erkrankte hätten fast doppelt so häufig unter der fehlenden Tagesstruktur wie die Allgemeinbevölkerung gelitten (75 % versus 39 %). Auch blieben Menschen mit Depressionen in häuslicher Isolation deutlich häufiger tagsüber im Bett als die Allgemeinbevölkerung (48 % versus 21%).

Depressive blieben in Quarantäne länger im Bett

„Lange Bettzeiten können die Depression jedoch weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt“, erläutert Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/Main. Während mehr als die Hälfte der Allgemeinbevölkerung (58%) angab, dem veränderten Leben in der Corona-Krise auch Positives abzugewinnen, war dies bei nur 38 Prozent depressiv Erkrankter der Fall.

Viele fühlten sich der Umfrage zufolge auch noch viele Wochen nach dem Lockdown belastet. So gaben Im Juli 68% der depressiv Erkrankten und nur 36 % der Allgemeinbevölkerung an, die Situation als bedrückend zu empfinden.

Versorgungslücken von Menschen mit psychischen Erkrankungen

Die Corona-Maßnahmen führen laut Stiftung zudem zu massiven Einschnitten in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen: Jeder zweite Betroffene (48%) berichtete von ausgefallenen Behandlungsterminen beim Facharzt oder Psychotherapeuten während des Lockdowns. Jeder zehnte an Depression erkrankte Befragte erlebte sogar, dass ein geplanter Klinikaufenthalt nicht stattfinden konnte. 13 Prozent der Betroffenen gaben an, von sich aus Behandlungstermine aus Angst vor Ansteckung abgesagt zu haben.

„Hochgerechnet auf die Bevölkerung in Deutschland haben mehr als zwei Millionen depressiv erkrankte Menschen eine Einschränkung ihrer medizinischen Versorgung mit entsprechenden gesundheitlichen Folgen durch die Corona-Maßnahmen erlebt.“, betont Hegerl. Nur bei Beachtung dieser negativen Folgen könne „die richtige Balance gefunden werden –eine Balance zwischen Leid und Tod, die durch die Corona-Maßnahmen einerseits möglicherweise verhindert und andererseits konkret verursacht werden“.

Videosprechstunden finden große Akzeptanz

Indessen gewannen digitale Angebote laut Stiftung während der Corona-Pandemie an Bedeutung: 14% der Patienten, die aktuell an einer Depression leiden, hätten von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht und in der Corona-Zeit zum ersten Mal Behandlungsangebote per Telefon oder Video genutzt.

Viele Patienten seien mit den Telefon-und Video-Sprechstunden beim Psychotherapeuten sehr zufrieden: 82 % bzw. 85% bewerten diese positiv. Auch im Zeitverlauf zeigte sich eine größere Akzeptanz digitaler Angebote: Beim ersten Deutschland-Barometer Depression 2017 sahen 40 % der depressiv Erkrankten Online-Programme als hilfreiche Unterstützungen, mittlerweile seien es 55 %.

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe befragte im Rahmen des vierten Barometers Depression 5.178 Personen zwischen 18 und 69 Jahren im Juni/Juli 2020. Gefördert wird die bundesweit repräsentative Befragung durch die Deutsche Bahn Stiftung.