Der Schwarze Tod: Der Ursprung der Pest-Pandemie liegt offenbar in Zentralasien

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Der Schwarze Tod, die größte Pandemie in der Geschichte der Menschheit, hatte ihren Ursprung offenbar in Zentralasien. Das lassen Analysen alter Y. pestis-Genome vermuten, die ein Wissenschaftler- Team, darunter Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der Universität Tübingen und der Universität von Stirling in Großbritannien, vorgenommen hat. Über die Ergebnisse ihrer Forschung berichten die Wissenschaftler aktuell im Fachmagazin „Nature“.

 

1347 gelangte die Pest erstmals über Handelsschiffe aus dem Schwarzen Meer aus dem Siedlungsgebieten der „Goldenen Horde“ in den Mittelmeerraum. Der Erreger Y. pestis breitete sich rasch über Europa, den Nahen Osten und Nordafrika aus; in einem einzigen großen Ausbruch, der als Schwarzer Tod bekannt wurde, sind nach Schätzungen von Historikern etwa 20 bis 25 Millionen Menschen, rund ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas, ums Leben gekommen. Der norwegische Historiker Ole Benedictow vermutet sogar, dass etwa 60 % der europäischen Bevölkerung, d. h. ca. 50 von 80 Millionen Einwohnern, dem „Schwarzen Tod“ zum Opfer fielen. Aktuelle Analysen bestätigen allerdings, dass dass nicht alle Regionen in Europa gleichermaßen schwer unter der Krankheitswelle litten. So schätzt der Medizinhistoriker Manfred Vasold  die Zahl der Seuchentoten in Deutschland auf rund zehn Prozent der Bevölkerung.  Der italienische Schriftsteller Giovanni Boccaccio, ein Zeitzeuge der Pandemie von 1347 bis 1353, hat das Erlebte in der Novellensammlung „Decamerone“ eindrucksvoll beschrieben: „So konnte, wer – zumal am Morgen – durch die Stadt gegangen wäre, unzählige Leichen liegen sehen. Dann ließen sie Bahren kommen oder legten, wenn es an diesen fehlte, ihre Toten auf ein bloßes Brett. Auch geschah es, dass auf einer Bahre zwei oder drei davongetragen wurden, und nicht einmal, sondern viele Male hätte man zählen können, wo dieselbe Bahre die Leichen des Mannes und der Frau oder zweier und dreier Brüder und des Vaters und seines Kindes trug.“

Diese erste Infektionswelle weitete sich zu einer 500 Jahre andauernden Pandemie aus, der so genannten Zweiten Pest-Pandemie, die bis ins frühe 19. Jahrhundert andauerte. Die Ursprünge der Zweiten Pest-Pandemie werden in Fachkreisen seit langem debattiert. Eine der populärsten Theorien besagt, dass sie möglicherweise in Ostasien, und speziell in China, ihren Ursprung hatte. Dieser Theorie stehen jedoch archäologische Funde aus Zentralasien entgegen, die aus einem Gebiet nahe des Issyk Kul-Sees im heutigen Kirgisistan stammen, in den Ausläufern des Tian Shan-Gebirges. Sie belegen einen Pest-Ausbruch innerhalb einer lokalen Handelsgemeinschaft in den Jahren 1338 und 1339. Bei Ausgrabungen vor fast 140 Jahren wurden Grabsteine gefunden, deren Inschriften darauf hindeuten, dass diese Menschen einer unbekannten Epidemie oder „Seuche“ zum Opfer gefallen sind. Seit ihrer Entdeckung sorgten die in Syrisch-Aramäischer Sprache beschrifteten Grabsteine hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Schwarzen Tod in Europa in Fachkreisen für kontroverse Diskussionen.

Ein internationales Forschungsteam hat nun laut einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie alte DNA aus menschlichen Überresten analysiert sowie historische und archäologische Daten zweier Fundstätten ausgewertet, an denen „Pest“-Inschriften gefunden wurden. Schon die ersten Ergebnisse waren ermutigend: So ist es den Forschern gelungen, bei Personen, die laut Grabsteininschrift im Jahre 1338 gestorben waren, DNA des Pestbakteriums Yersinia pestis nachzuweisen. „Wir konnten endlich nachweisen, dass die auf den Grabsteinen erwähnte Epidemie tatsächlich durch die Pest verursacht wurde“, sagt Phil Slavin, einer der Hauptautoren der Studie und Historiker an der University of Sterling. 

Ursprungsstamm des Schwarzen Todes identifiziert

Bisher wurde der Ausbruch des Schwarzen Todes mit einer massiven Diversifizierung der Peststämme in Verbindung gebracht, einem so genannten „Urknall der Pestdiversität“. Der Zeitpunkt dieses Ereignisses konnte jedoch nicht genau bestimmt werden – man ordnete ihn bisher zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert ein. Das Forschungsteam hat nun vollständige alte Pestgenome aus den Fundorten in Kirgisistan zusammengesetzt und untersucht, wie sie mit diesem „Urknall-Ereignis“ zusammenhängen könnten. „Wir fanden heraus, dass sich die alten Stämme aus Kirgisistan genau am Knotenpunkt dieses massiven Diversifizierungsereignisses befinden. Es ist uns also tatsächlich gelungen, den Ursprungsstamm des Schwarzen Todes und seinen genauen Ausbruchszeitpunkt – das Jahr 1338 – zu bestimmen“, sagt Maria Spyrou, Erstautorin und Forscherin an der Universität Tübingen.

Doch woher kam dieser Stamm? Entwickelte er sich lokal oder wurde er in die Region eingeschleppt und breitete sich dann aus? Die Pest ist keine Krankheit, die im Menschen ihren Ursprung hat; das Bakterium Y. pestis überlebt in wilden Nagetierpopulationen auf der ganzen Welt – in so genannten „Pestreservoirs“. Der alte zentralasiatische Stamm, der die Epidemie von 1338 bis 1339 am Issyk Kul-See verursachte, muss also aus einem solchen Reservoir stammen. 

„Moderne, mit dem alten Stamm am engsten verwandte Stämme finden wir heute in Pestreservoirs rund um das Tian Shan-Gebirge, also ganz in der Nähe des Fundortes dieses alten Stammes. Der Vorfahre des Schwarzen Todes scheint also in Zentralasien entstanden zu sein“, erklärt Johannes Krause, Hauptautor der Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.