Der große Unterschied: Tumoren derselben Entität bei Männern und Frauen genetisch verschieden


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei soliden und hämatologischen Tumoren gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in Veränderungen an der DNA, die für die Entwicklung von Malignomen bedeutend sind. Bei einzelnen Tumorentitäten, zum Beispiel Gallentumoren und hepatozellulären Karzinomen, unterscheidet sich bei Männern und Frauen auch die Häufigkeit, mit der Malignome mono- oder polyklonal sind, so dass die klonale Evolution vermutlich ebenfalls geschlechtsspezifische Komponenten hat. Möglichweise lassen sich Unterschiede in der Inzidenz der einzelnen Tumorentitäten und im Ansprechen auf Therapien - zumindest teilweise - auch auf solche geschlechtsspezifischen genetischen und damit auch tumorbiologischen Differenzen zurückführen (1).

Hintergrund
Seit Langem ist bekannt, dass sich die Inzidenz von Krebserkrankungen, die bei beiden Geschlechtern auftreten, zwischen Männern und Frauen unterscheiden. Das gilt auch für Deutschland. So beträgt zum Beispiel die altersstandardisierte Neuerkrankungsrate für Lungenkarzinome in Deutschland 57,3/100.000 Männer und 29,0/100.000 Frauen, für Nasopharynxkarzinome liegen die Raten bei 16,9 für Männer und bei 5,9 für Frauen oder bei Darmkrebs bei 54,0 bei den Männern und 35,7 bei den Frauen (2). Auch die Sterberaten für die jeweiligen Tumoren unterscheiden sich: Bei den Lungenkarzinomen ist die tumorspezifische Sterberate doppelt so hoch bei Männern im Vergleich zu Frauen, bei Nasopharynxkarzinomen liegt sie um den Faktor 3,8 darüber und bei Darmkrebs um den Faktor 1,6. Als einer von vielen Einflussfaktoren werden tumorrelevante genetische und epigenetische Unterschiede zwischen Männern und Frauen vermutet (1).

Design

  • Komplett-Genom-Analysen (whole genome analyses; Exons und Introns) von 1.983 Tumoren aus 28 verschiedenen Entitäten (solide und hämatologische Malignome) auf tumorrelevante kodierende und nicht kodierende DNA-Abschnitte
  • pro Tumorentität war die Anzahl männlicher und weiblicher Gewebespender vergleichbar
  • X- und Y-Chromosomen waren bei der Analyse auf geschlechtsspezifische Unterschiede ausgeschlossen

Hauptergebnisse

Es wurden 6 onkogene DNA-Bereiche mit Unterschieden in der Mutationshäufigkeit zwischen Männern und Frauen gefunden, darunter bekannte Gene wie CTNNB1, ALB und PTCH1. Die Unterschiede bestanden über Tumorentitäten hinweg. Die größten genomischen Geschlechterdifferenzen fanden sich aber in einer nicht kodierenden, regulatorischen DNA-Sequenz: dem TERT-Promoter. Bei 64 % der Gewebeproben von Männern gab es in der TERT-Region Mutationen, aber nur bei 11 % der Frauen. Außerdem waren bei Männern tumorübergreifend die Mutationsraten pro Malignom höher aus bei Frauen.

Klinische Bedeutung

Die Studiendaten weisen nach Meinung der Autoren einmal mehr auf die hohe Bedeutung hin, die eine genomische Forschung, wissenschaftlich begleitend zu Therapiestudien, hat. Erst vor kurzem hatte eine Metaanalyse zum Beispiel ergeben, dass krebskranke Männer besser auf eine Immuntherapie mit PD-1-inhibierenden Antikörpern ansprechen als Frauen (3). Solche Daten sind für die Rekrutierung und Stratifizierung von Patienten in onkologischen Studien sehr relevant und dürften künftig in der Praxis Berücksichtigung finden.

Finanzierung: Mittel des US-Bundesstaates Ontario, US National Institutes of Health