Der Friseur-Besuch - vielleicht mehr als nur eine kosmetische Wohltat


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Der Besuch beim Friseur könnte eine gute Gelegenheit sein, in entspannter Atmosphäre über die Gesundheit zu reden und dabei auch den Blutdruck kontrollieren zu lassen. Der Erfolg einer US-Studie sollte nach Ansicht der Deutschen Hochdruckliga Anlass sein, über ähnliche Modelle auch in Deutschland nachzudenken.

Hintergrund

Viele Menschen wissen wahrscheinlich nicht, dass ihr Blutdruck zu hoch ist. Und bei relativ vielen Bluthochdruck-Patienten sind die Werte trotz Behandlung zu hoch, sei es wegen mangelnder Therapieadhärenz, sei es wegen Therapieresistenz. Besonders groß ist das Problem bei Afroamerikanern, bei denen die Hypertonie-Prävalenz hoch ist. Außerdem wissen die Männer aufgrund seltener Arzt-Besuche oft nicht, dass sie Bluthochdruck haben. Die Folge ist, dass sie vergleichsweise häufig an Komplikationen der Hypertonie sterben. In einer Studie in den USA ist daher untersucht worden, ob die Friseurstube (Barbershop) als sozialer Treffpunkt von Afroamerikanern genutzt werden kann, um die Blutdruckkontrolle in dieser Hochrisikogruppe zu verbessern. 

Design

An der Studie nahmen 319 Afroamerikaner (Durchschnittsalter knapp 55 Jahre) mit einem systolischen Blutdruck von mindestens 140 mmHg teil,; sie waren Kunden in Friseurstuben, deren Besitzer ebenfalls Afroamerikaner waren. Für die Studie wurden zwei Gruppen gebildet, eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe. In der Interventionsgruppe lag der systolische Wert zu Beginn der Studie bei 152,8 mmHg, in der Kontrollgruppe bei 154,6 mmHg. 

In der Interventionsgruppe (n = 132) wurden die Friseure „angehalten, mit den Männern über das Problem Bluthochdruck zu reden und zu einem Treffen mit einem Apotheker einzuladen“, berichtet Professor Bernhard Krämer, Direktor der V. Medizinischen Klinik an der Universitätsmedizin Mannheim und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Hochdruckliga. „Der Apotheker suchte einmal im Monat den Barbershop auf, um den Kunden den Blutdruck zu messen und Medikamente zu verteilen. Die Erlaubnis dazu hatte der Apotheker von den behandelnden Ärzten erhalten, die hierzu einen Vertrag mit dem Apotheker abgeschlossen hatten.  In der zweiten Gruppe (n = 171) hatten die Friseure ihre Kunden nur über die Risiken informiert und sie ermahnt, ihren zu hohen Blutdruck behandeln zu lassen. 

Hauptergebnisse

Der systolische Blutdruck sank in der Interventionsgruppe um im Mittel 27,0 mmHg (von 152,8 mmHg auf 125,8 mmHg), in der Kontrollgruppe nur um 9,3 mmHg (von 154,6 auf 145,4 mmHg).  Der diastolische Blutdruck nahm in der Interventionsgruppe um im Mittel 17,5 mmHg ab (von 92,2 mmHg auf 74,7 mmHg), in der Kontrollgruppe nur um 4,3 mmHg (von 89,8 auf 85,5 mmHg).  Nach sechs Monaten lagen die Blutdruckwerte bei 89,4 Prozent der Probanden in der Interventionsgruppe unter 140/90 mmHg, in der Kontrollgruppe bei nur 32,2 Prozent.

Klinische Bedeutung

Bemerkenswert ist die starke Reduktion des systolischen Blutdrucks um 27 mmHg in der Interventionsgruppe. In einer vorausgegangenen „Friseur-Studie“ (BARBER 1) wurde zwar ebenfalls eine Reduktion des systolischen Blutdrucks festgestellt, aber eine deutlich geringere (Differenz zwischen den beiden Gruppen nur 2,5 mmHg). Für Professor Joachim Hoyer, Direktor der Klinik für Nephrologie am Universitätsklinikum Marburg, zeigt nun die aktuelle Studie, dass es wichtig ist, die Betroffenen in ihrer gewohnten Umgebung anzusprechen und einen niedrigschwelligen Zugang zur Blutdruckkontrolle zu ermöglichen.

Ähnliche Modelle kann sich die Deutsche Hochdruckliga laut einer Mitteilung auch für Deutschland vorstellen. Hoyer: „Auch hier gibt es Betroffene, die nichts von ihrem Bluthochdruck wissen und selten zum Hausarzt gehen. Häufiger kommen viele jedoch an einer Apotheke vorbei oder sind beim Betriebsmediziner. Diese Kontakte sollten für eine vermehrte Aufklärung über die Gefahren von unerkanntem Bluthochdruck und seiner möglichen Behandlung durch einen Arzt genutzt werden.“ Anders als in den USA dürfen Apotheker in Deutschland zwar den Blutdruck messen, aber eigenständig keine Medikamente ausgeben; sie könnten jedoch einen Patienten an seinen Hausarzt verweisen.

Finanziert wurde die Studie von den National Institutes of Health und mehreren Stiftungen.