Depressionen bei Kindern und Jugendlichen: Polygener Risikoscore soll Anfälligkeit voraussagen können


  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Bei Kindern und Jugendlichen wird eine Depression oftmals zu spät erkannt und behandelt. Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (MPI) und des Universitätsklinikums München ist es jetzt gelungen, anhand des genetischen Profils das Risiko für die psychische Erkrankung schon in jungen Jahren vorauszusagen, heißt es in einer Mitteilung des MPI. Die Studienergebnisse wurden im American Journal of Psychiatry publiziert.

Weniger als Hälfte der Betroffenen wird adäquat behandelt

Nach Angaben der WHO ist die Depression eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, die bereits im Kindes- und Jugendalter beginnt und zu schweren psychosozialen Beeinträchtigungen sowie Selbstmord führen kann. Laut MPI werden trotz vieler Diagnostik- und Therapiemöglichkeiten in Deutschland weniger als die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen angemessen behandelt. Um möglichst frühzeitig wirksame und zielgerichtete Hilfen zur Vorbeugung der Depression entwickeln zu können, ist die Identifizierung von Risikofaktoren zentral, die zur Entstehung der Erkrankung beitragen.

Grundlage für die Studie waren, so das MPI, Erkenntnisse aus einer groß angelegten genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) bei Erwachsenen. Dabei wurden eine Reihe von Einzelnukleotid-Polymorphismen ermittelt, die mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden waren. Das Forscherteam testete nun, ob die dabei ermittelten polygenen Risikoscores (PRSsa) auch dazu geeignet sind, um Vorhersagen über Entstehung, Schweregrad und Erkrankungsbeginn bei Kindern und Jugendlichen zu treffen. Dazu wurden über 2000 Kinder und Jugendliche genetisch, mit Fragebögen und klinischen Interviews untersucht.

Score erklärt ausschließlich Risikoerhöhung

Die Ergebnisse zeigten, dass der PRS auch bei Kindern und Jugendlichen als Frühindikator für klinisch relevante Depressionen dient. So stellten die Wissenschaftler bei bereits erkrankten Kindern und Jugendlichen einen Zusammenhang zwischen der Höhe des polygenen Risikoscores und der Schwere der Depression sowie dem Ersterkrankungsalter fest. Lagen außerdem Missbrauchserfahrungen in der Kindheit vor, stellte dies einen zusätzlichen Risikofaktor für die Entwicklung einer Depression und depressiver Symptome dar. „Allerdings erklärt der Score nur eine Risikoerhöhung und nicht die Erkrankung,“ betont der Klinikdirektor Gerd Schulte-Körne ein, der das Studienergebnis als einen Meilenstein für das Verständnis von den Ursachen für eine Depression bei Kindern bezeichnet.

„Es gibt noch viel zu tun, um die frühzeitige Diagnose von Depressionen bei Jugendlichen zu verbessern“ , sagt die Max-Planck-Direktorin und Leiterin der Studie, Elisabeth Binder. „Wenn wir jedoch wissen, welche Kinder mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickeln, haben wir die Möglichkeit, wirksame Präventionsstrategien einzusetzen und die enorme Belastung der Depression zu reduzieren.“

Finanzierung:  u.a. European Research Council, Fuqua Family Foundation,  Mary and John Brock Foundation, NIH