Demenz-Therapie: ein Plädoyer für die Musik

  • DMW

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Musik kann einen fortschreitenden Verlust der geistigen Fähigkeiten von Demenz-Kranken zwar nicht aufhalten. Das Hören oder besser noch das Singen oder Spielen von Liedern kann jedoch die Verhaltensauffälligkeiten schwächen und die Depressivität lindern, unter der viele Patienten leiden. Davon ist der Schmerztherapeut Professor Dr. med. Ralph Spintge überzeugt, der als einer der Pioniere der Musiktherapie gilt.

Viele positive Effekte

Bereits vor vierzig Jahren hat Ralph Spintge am Lüdenscheider Sportkrankenhaus Hellersen begonnen, Musik „medicofunctional“ einzusetzen. Zusammen mit japanischen Kollegen hat er damals Musikstücke ausgewählt oder neue gestaltet, um Schmerzen, Angst und Stress günstig zu beeinflussen. Seit 2005 ist die Musiktherapie offizieller Bestandteil einer sogenannten stationär-multimodalen Schmerztherapie bei chronisch Schmerzkranken. Heute lehrt Spintge an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg am Institut für Musiktherapie. Für ihn steht außer Frage, dass das Hören, vor allem aber das Ausüben von Musik, verschiedene günstige Auswirkungen auf den menschlichen Körper hat. Dazu gehöre eine Senkung des Blutdrucks, eine Harmonisierung des Herzschlags, eine Beruhigung der Atmung und eine Verminderung von Stress- und anderen Hormonen, erklärt er. Musik helfe Menschen, in den Schlaf zu finden und Schmerzen zu ertragen. Sie lindere Übelkeit und Schwindel. Musik werde deshalb in den verschiedensten medizinischen Fachbereichen von der Augenheilkunde bis zur Zahnmedizin eingesetzt. Über den Wert von Musiktherapien bei neurologischen Erkrankungen und in der Neurorehabilitation ist schon früher berichtet worden. 

Teilnahme am gesellschaftlichen Leben

Auch bei der Behandlung von Demenz-Patienten spielt Musik inzwischen eine wichtige Rolle. Die American Geriatrics Society und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hätten die außerordentliche Bedeutung der Behandlung erkannt, so Spintge („DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift). Musik wecke bei Patienten auch im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung überraschende Fähigkeiten. So sei es nicht ungewöhnlich, dass Patienten, die nicht mehr in der Lage sind, ihren eigenen Namen zu nennen, mehrstrophige Lieder fehlerfrei mitsingen können. Die Forschung führt dies darauf zurück, dass musikalische Inhalte in Hirnarealen gespeichert werden, die bei der Alzheimer-Demenz noch lange erhalten bleiben. Musik sei deshalb für die Demenz-Kranken eine Möglichkeit, weiter am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Weniger Depressionen, mehr Lebensqualität

Spintge verweist auf eine Übersicht der Cochrane-Gruppe aus dem Jahr 2018, die die Ergebnisse aus 17 Studien mit insgesamt 620 Probanden zusammengefasst hat. Aktives Musizieren oder passives Hören linderten danach vor allem die Depressionen von Demenz-Patienten. Aber auch auf Verhaltensauffälligkeiten, wie Unruhe und Angst vor Ungewohntem, das Wohlbefinden und die Lebensqualität wirke sich Musik günstig aus, so Spintge.

Um diese Wirkungen zu erzielen, reiche es allerdings nicht aus, die Patienten im Pflegeheim mit Musik zu beschallen. Musik auf Rezept mit „3 × 10 mg Mozart pro Tag“ sei noch kein therapeutisches Konzept. Spintge rät dringend, die Behandlung von ausgebildeten Musiktherapeuten durchführen zu lassen, die ein Gespür für die individuellen Möglichkeiten der Patienten hätten. „Für Demenzerkrankte bietet Musik neue Kommunikationswege und steigert ihre Lebensqualität. Das bedeutet auch eine Entlastung für die jeweiligen Betreuungspersonen“, fasst der Experte zusammen.

Eine Option auch bei Koma-Patienten

Musik-Therapien können auch in der Betreuung von Patienten mit schweren Bewusstseinsstörungen hilfreich sein, wie Musik-Wissenschaftler der Universität Oldenburg in der Fachzeitschrift „Brain Injury berichtet haben. Die Wissenschaftler Teresa Grimm und Gunter Kreutz analysierten 22 Studien mit 329 Patienten, die entweder im Koma oder im so genannten Wachkoma (Syndrom reaktionsloser Wachheit) lagen oder deren Bewusstsein im Sinne eines MCS (minimally conscious state) sehr stark eingeschränkt war. Zum Einsatz kamen unterschiedliche Musik-Therapien. Häufig wurde Musik abgespielt, die die Patienten in ihrem früheren Leben gerne mochten. Manchmal sang ein Therapeut und passte dabei Rhythmen und Melodien dem Atemrhythmus des Patienten an.

Musik zog häufig positive Effekte nach sich. Die Patienten blinzelten zum Beispiel häufiger mit den Augen, veränderten ihren Gesichtsausdruck und atmeten tiefer. Bei einigen veränderte sich der Herzschlag. In einzelnen Studien wurden auch verstärkte Gehirnaktivitäten beobachtet.

Die Ergebnisse zeigen nach Angaben der Musik-Wissenschaftler: „Musikbasierte Therapien und Interventionen bleiben aufgrund ihrer hohen Sicherheit und relativen Nebenwirkungsfreiheit ein wichtiger Baustein in der Lebensbegleitung von Menschen mit Bewusstseinsstörungen.“