Demenz: sinkende Inzidenz, modifizierbare Risikofaktoren, ein Bluttest und junge Patienten


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Einer aktuellen Studien- Analyse zufolge sinkt in den USA und in Europa die Demenz-Inzidenz. Eine mögliche Erklärung sind Fortschritte in der Prävention und Therapie kardiovaskulärer Erkrankungen. Diese zählen mit zu den wichtigsten modifizierbaren Demenz-Risikofaktoren, wie eine andere Studien-Analyse erneut bestätigt hat. Erfreulich ist auch, dass es Fortschritte bei der Biomarker-Diagnostik gibt. Auch junge Menschen können an einer Demenz erkranken. Das Spektrum der möglichen Ursachen ist bei groß, die Differenzialdiagnose daher nicht immer einfach.

Sinkende Demenz-Inzidenz

Laut einer Studie von Demenz-Forschern des „Alzheimer Cohorts Consortium“ sinkt offenbar die Demenz-Inzidenz in den USA und in Europa. Die Wissenschaftler haben Daten von Personen > 65 Jahre aus sieben bevölkerungsbasierten Kohortenstudien ausgewertet. Der Zeitraum reichte von 1988 bis 2015. Ihre Ergebnisse haben die Forscher im Fachmagazin „Neurology“ veröffentlicht. Von 49202 Personen entwickelten 4253 (8,6%) eine Demenz. Die Inzidenzrate  stieg bei Frauen wie bei Männern mit dem Alter von etwa 4 pro 1000 Personenjahre bei Personen im Alter von 65 bis 69 Jahren bis 65 pro 1000 Personenjahre bei Personen im Alter von 85 bis 89 Jahren. Die Demenz-Inzidenzrate sank pro Kalenderdekade um 13 Prozent (95% CI 7% –19%), und zwar konsistent über alle  Studien hinweg und bei Männern etwas ausgeprägter als bei Frauen (24%, CI 14% –32% gegenüber 8%, CI 0% –15%). 

1995 habe bei einem 75-jährigen Mann die Wahrscheinlichkeit einer Demenz 25 Prozent betragen; inzwischen sei sie auf 18 Prozent gesunken, so Studienleiter Professor Albert Hofman von der Harvard School of Public Health in Boston. Auch die Inzidenz der Alzheimer-Demenz ist gesunken - und zwar um 16 Prozent pro Dekade. 

Diese Ergebnisse widersprächen der Behauptung, dass in den kommenden Jahren ein „Alzheimer-Tsunami“ auf uns zukomme, so etwa Professor John Morris, Direktor des „Center for Aging“ an der  Washington University in St. Louis.

12 modifizierbare Risikofaktoren

Da es in der Forschung zu wirksamen Antidementiva keine wirklichen „Durchbrüche“ gibt, wird seit einigen Jahren verstärkt der Nutzen der Prävention betont. Nun haben Wissenschaftler zwölf beeinflussbare Faktoren ermittelt, die bis zu 40 Prozent des Demenz-Risikos „erklären“. Dazu zählen, wie bereits berichtet, starker Alkoholkonsum, hoher Blutdruck, Schädel-Hirn-Verletzungen, Hörminderung, geringe Bildung, Nikotin-Konsum, Diabetes mellitus, Übergewicht, mangelnde Bewegung, Depressionen, wenige soziale Kontakte sowie Luftverschmutzung. Diese 12 Faktoren seien für rund 40 Prozent aller Demenz-Erkrankungen weltweit „verantwortlich“, folglich könnten diese theoretisch verhindert oder zumindest verzögert werden, so eine Schlussfolgerung der Autoren.

Alzheimer-Erkrankung: ein verlässlicher Blut-Biomarker

Erfreulich ist das Ergebnis einer anderen wissenschaftlichen Untersuchung. Danach kann ein Blut-Biomarker-Test speziell auf die Alzheimer-Erkrankung zu einer sicheren Differenzialdiagnose der Demenz-Erkrankung beitragen, wie kürzlich die Deutsche Gesellschaft für Neurologie berichtet hat.

Für die Entwicklung neuer antidementiver Therapien ist es wichtig, die zugrundeliegende Erkrankung zu diagnostizieren. Die S3-Leitlinie „Demenzen“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie gibt einen Algorithmus vor, um eine Demenz zu diagnostizieren und die Ursache zu bestimmen. Doch die Abgrenzung möglicher zugrundeliegender neurodegenerativer Erkrankungen ist in der Praxis nicht immer einfach, zumal es auch Mischformen der Demenz gibt. Eine sicherere Diagnose ergibt sich aus der Analyse des Liquors oder einem PET-Scan. Ein Bluttest auf Alzheimer wäre jedoch die einfachere und kostengünstigere Diagnostik. Seit Jahren suchen daher Forscher nach geeigneten Biomarkern im Blut. Ein internationales Forscherteam hat nun vielversprechende Ergebnisse für den Biomarker Phospho-tau217 im Blutplasma vorgelegt. 

Bei der Alzheimer-Krankheit lagert sich abnorm verändertes Tau in den Fasern der Nervenzellen ab und trägt zum Untergang der Nervenzellen bei. Typischerweise werden bei Alzheimer-Patienten daher erhöhte Tau-Proteinkonzentrationen gefunden, allerdings ist die Spezifität des Gesamt-Taus nicht sehr hoch, denn erhöhte Werte können auch bei anderen Krankheiten wie der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung vorliegen. Deshalb hat man nach exakteren Markern gesucht. Untersucht wurden in der Vergangenheit u.a. das an Position 181 hyperphosphorylierte Tau-Protein (Phospho-Tau181/ pTau181) und der Marker Neurofilament (Nfl) im Blut – doch beide erwiesen sich nicht als ausreichend genau.

Die Autoren der vorliegenden Arbeit untersuchten das an Position 217 hyperphosphorylierte Tau-Protein (pTau217);  es zeigte sich in allen drei Kohorten mit insgesamt 1402 Personen, dass es mit einer hohen Spezifität Alzheimer-Patienten und sogar Träger einer Mutation, die zu Alzheimer führen kann, identifizieren kann. Es hatte eine signifikant höhere Treffsicherheit als pTau181 und NfL. Die Genauigkeit der Bestimmung war vergleichbar mit der  einer Liquor-Untersuchung oder eines PET-Scans. Die vorliegenden Daten bestätigten, dass pTau217 ein vielversprechender Biomarker sein könnte, der eine frühzeitige Diagnose ermöglicht“, kommentiert Prof. Dr. Richard Dodel von der Universität Duisburg-Essen. 

Junge Menschen mit Demenz

Das Alter ist der bedeutendste Risikofaktor für eine Demenz. Aber auch jüngere Menschen können eine Demenz entwickeln. Der Anteil jüngerer Patienten in Gedächtnisambulanzen und spezialisierten Kliniken macht nach Angaben von Neurologen der Universität Münster bis zu einem Drittel der Fälle aus. Die Differenzialdiagnose kann dann schwierig sein, da bei jüngere Menschen mehr Ursachen für eine Demenz als bei älteren Menschen infrage kommen. In einem aktuellen Beitrag  beschreiben die Neurologen Dr. Dr. Matthias Pawlowski, Dr. Andreas Bohnen und Professor Dr. med. Thomas Duning vom Universitätsklinikum Münster
die häufigsten Ursachen von Demenzen bei unter 65-jährigen Patienten und geben Empfehlungen zur Diagnostik. Als früh beginnende Demenzen gelten alle Demenzen mit einem Erkrankungsalter zwischen dem 18. und 65. Lebensjahr. Die Datenlage zur Prävalenz und Inzidenz ist unzureichend.

Die Ursachen der Demenzen könnten unterteilt werden in primär neuro- degenerative Erkrankungen, vaskuläre Demenzen und das breite Spektrum der sekundären Demenzen. 

Zu den primär neurodegenerativen Demenz-Erkrankungen zählen ausser der Alzheimer-Erkrankung die frontotemporale Lobärdegeneration, die amyotrophe Lateralsklerose, die Parkinson-Demenz, die Lewy-Lörperchen-Demenz, die Multisystematrophie und die sporadische Creutzfeld-Jakob-Krankheit. 

Zu den vaskulären Demenz-Ursachen und Demenz-Formen gehören die zerebrale Mikroangiopathie, das Multiinfarktsyndrom  und zerebrale Vaskulitiden. 

Als sekundäre Demenzen gelten zum Beispiel Demenzen durch ein Schädel-Hirn-Trauma, durch Alkoholkrankheit, Vitaminmangel, Infektionskrankheiten und auch Pharmakotherapien. Je jünger ein Patient sei, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine sekundäre Demenz-Erkrankung handele, erläutern die Autoren.

Die häufigste Ursache einer Demenz ist auch bei jüngeren Patienten die Alzheimer-Erkrankung. Sie präsentiere sich bei jüngeren Demenz-Kranken jedoch in bis zu zwei Drittel der Fälle atypisch. Die zwei häufigsten atypischen Formen seien die posteriore kortikale Atrophie und die logopenische Variante der primär progressiven Aphasie. Seltener sei die frontale Variante. Die zweithäufigste Ursache einer frühen Demenz ist nach Angaben der Autoren die frontotemporale Lobärdegeneration - und zwar als Verhaltensvariante oder Sprachvariante (primär progressive Aphasien).  

Um potenziell reversible Ursachen (insbesondere bei sekundäre Demenzen) nicht zu übersehen und die Vielzahl klinischer Syndrome der primär neurodegenerativen Erkrankungen zu differenzieren, ist laut Pawlowski und seinen Kollege ein systematisches diagnostisches Vorgehen notwendig .

Zur Diagnostik gehören die neuropsychologische Untersuchung mit einer gezielten Fragestellung, bildgebende Untersuchungen, wobei das MRT obligat sei. Ein CT sollte nur bei absoluten Kontraindikationen für ein MRT durchgeführt werden; ein FDG-PET sei bei einem unauffälligen MRT indiziert, ein Amyloid-PET nur bei Verdacht auf Alzheimer und Kontraindikation für eine Lumbalpunktion. 

Weiterhin notwendig ist eine laborchemische Basis-Diagnostik; die Schwelle für eine weiterführende Labor-Diagnostik (etwa auf Lues, Borrelien, Vitamin-Mangel oder Drogen-Konsum) sollte niedrig sein. Auch bei der Liquor-Diagnostik gibt es eine notwendige Basis-Diagnostik und eine weiterführende  Diagnostik bei speziellen Fragestellungen. In Abhängigkeit vom Erkrankungsalter und der Familienanamnese kann auch eine molekulargenetische Diagnostik zum Nachweis krankheitsverursachender Mutationen indiziert sein.