Demenz-krank, aber mächtig – eine medizinhistorische "Bestandsaufnahme"


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Könige, Kaiser, Kanzler und Präsidenten können selbstverständlich ebenso wie andere Menschen demenz-krank und psychopathologisch auffällig werden. Ferndiagnosen ohne ausführliche Anamnese und klinische Untersuchung sollten allerdings bei noch aktiven oder lebenden Staatsmännern medizinisch obsolet sein. Weniger problematisch sind Aussagen über den Geisteszustand historischer Personen. Ein paar Beispiele für frühere Staatsmänner mit zerebralen Schwächen bis hin zu Demenz-Symptomen hat der Psychiater Professor Dr. Hans Förstl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Technischen Universität München, gesammelt und in einem Aufsatz in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ vorgestellt. 

Ein altes, aber dennoch aktuelles Thema

Der Geisteszustand von Königen, Präsidenten und anderen Staatenlenkern ist schon immer ein interessantes Thema für Historiker und Mediziner gewesen. Die Kernfrage dabei ist – außer der Frage nach der exakten Diagnose – vor allem die, ob bestimmte relevante politische Entscheidungen in einem Zustand geistiger Schwäche getroffen wurden. Viel diskutiert wurde in den vergangenen Jahrzehnten über den Geisteszustand der beiden Massenmörder Hitler und Stalin. Für beide gibt es zwar keine Belege für Demenz-Erkrankungen, aber kognitive Einschränkungen sind nicht auszuschließen. Neurologisch und psychopathologisch unauffällig waren sie sicher beide nicht.

Besondere politische Aktualität und Brisanz hat dieses Thema derzeit durch den US-Präsidenten gewonnen; ihm hat vor wenigen Tagen der renommierte Kolumnist der „New York Times“ Thomas L. Friedman ein so verrücktes (demented) Verhalten bescheinigt, dass ernsthaft seine Beseitigung aus dem Amt zu erwägen ist. Auch Wissenschaftler haben, wie kürzlich in einem „Im-Diskurs-Beitrag“ berichtet, den Verdacht geäußert, dass Trump eine Demenz-Erkrankung haben könnte. 

Von Wilson über Lenin bis hin zu Ronald Reagan

Es verwundere nicht, dass es immer wieder Politiker gebe, die altersbedingt kognitive Einschränkungen zeigten, stellt. Hans Förstl, fest. Denn viele seien bei Übernahme eines hohen Amtes  oft schon recht alt. Die Liste der historischen Persönlichkeiten, die unter kognitiven Einschränkungen gelitten haben, ist laut Förstl  sogar recht lang: Darunter sind amerikanische Präsidenten wie Woodrow Wilson ebenso vertreten wie der Sowjetgründer Lenin oder der nordkoreanische Diktator Kim Jong Il. Auch offiziell bekannt ist, dass Ronald Reagan an der Alzheimer-Erkrankung litt.

Politische Bedeutung?

Eine Kernfrage ist die, ob Staatsmänner weitreichende Entscheidungen in einem Zustand geistiger Schwäche getroffen haben oder treffen. Dies lässt sich laut Förstl nicht zuverlässig überprüfen. Es gebe aber Hinweise auf die weitreichenden Folgen nachlassender Führungskraft. So habe der sprichwörtlich „greise“ 85-jährige Reichspräsident Paul von Hindenburg schließlich seinen Widerstand gegen den ehemaligen Gefreiten Hitler aufgegeben und ihn 1933 zum Reichskanzler ernannt. Dass dem alten Mann, der 1934 starb, die Folgen dieser Entscheidung klar waren, ist unwahrscheinlich. Dies gilt allerdings auch für viele andere Helfershelfer, die anders als von Hindenburg geistig völlig gesund waren. 

Wie verhindern?

Eine weitere Kernfrage ist sicher die, wie mit Mächtigen, die kognitiv einschränkt oder gar dement sind, umgegangen werden sollte, um Entscheidungen mit potenziell fatalen Folgen zu verhindern. In einem demokratischen Rechtsstaat dürfte es relativ leicht sein, die Regierungsgeschäfte in die Hände anderer Personen zu legen. In Dikataturen oder totalitären Systemen hingegen kann dies ein großes Problem sein. Selbst die engsten Vertrauten von Stalin hätten es wahrscheinlich nicht gewagt, ihn aufgrund zunehmender zerebraler Schwäche seines Amtes zu entheben.