Dauerstress kann die Frakturheilung stören, Betablocker kann helfen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Chronischer psychosozialer Stress kann die Frakturheilung beeinträchtigen. Der Betablocker Propranolol wirkt dem entgegen, indem er die Kommunikation von Stresshormonen des sympathischen Nervensystems mit verschiedenen Immunzellen blockiert und so eine stressvermittelte Überreaktion des Immunsystems verhindert. Diese Erkenntnisse von Forschern der Universität Ulm und kalifornischen Wissenschaftlern könnten für die Behandlung von schwerverletzten Unfall- und Terroropfern oder Soldaten sein.

Auch die Psyche beeinflusst die Knochenheilung

Trotz großer Fortschritte in der Osteosynthese kommt es immer noch bei etwa fünf bis zehn Prozent der Patienten zu einer verzögerten oder gar ausbleibenden Knochenheilung. Hauptursache dieser Heilungsstörungen ist eine gestörte Durchblutung, v. a. durch große Weichteilschäden und eine insuffiziente Stabilisierung der Frakturen, etwa infolge einer unzureichenden Osteosynthese. Eine Rolle spielen bei der Heilung allerdings auch psychische Faktoren. So sind Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung deutlich häufiger von chronisch-entzündlichen Erkrankungen betroffen und haben zudem ein erhöhtes Frakturrisiko.  „Wir haben uns deshalb gefragt, ob sich ein solches Stresssyndrom auch negativ auf die Frakturheilung auswirkt“, erklärt Professor Stefan Reber, Leiter der Sektion für Molekulare Psychosomatik an der Ulmer Universitätsklinik in einer Mitteilung. Gemeinsam mit dem Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik der Universität Ulm haben die Wissenschaftler nun erforscht, ob und wie sich chronischer psychosozialer Stress auf die Knochenheilung auswirkt.

Überschießende Entzündungsreaktion bei Dauerstress

„Bricht sich jemand das Bein, treten kurz danach an der Bruchstelle lokale Immunreaktionen auf. Der Körper sondiert sozusagen die Lage und beseitigt schadhaftes Gewebe. Mit der Zeit überwachsen Knochenzellen den bruchbedingten Spalt und der Bruch heilt ab“, erklärt Professorin Anita Ignatius, Direktorin des Instituts für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik, die normalen Heilungsprozesse.

Bei langanhaltendem Stress kommt es jedoch zu Störungen dieser akuten immunologischen Prozesse und zu einem Überschießen der Entzündungsreaktion. So entwickeln sich einerseits im Knochenmark vermehrt Immunzellen wie neutrophile Granulozyten, die an der Bruchstelle in die dort entstandenen Hämatome einwandern. Andererseits ist die Umwandlung von Knorpel zu Knochen und damit die Knochenneubildung gestört, wie sich in der Ulmer Studie zeigte. Die Biegesteifigkeit der Knochen nimmt ab, und das neu gebildete Knochengewebe an der Bruchstelle wird nicht mehr so hart. 

Sympathikus auch beteiligt

Ein weiterer Befund: Die überschießende Immunreaktion und die Störung der Geweberegeneration werden über einen molekularen Signalweg vermittelt, an dem bestimmte Rezeptoren beteiligt sind, die auf Adrenalin reagieren (ß-Adrenozeptoren). Es besteht also eine Verbindung zum sogenannten sympathischen Nervensystem. 

„Dieser Adrenalin-vermittelte Signalweg konnte durch die Gabe von Propranolol unterbrochen werden. Damit normalisierten sich nicht nur die Immunreaktionen, sondern auch die Knochenheilung verlief wieder ungestört“, fasst Dr. Melanie Haffner-Luntzer das Ergebnis der tierexperimentellen Studie zusammen. Die Molekularmedizinerin vom Institut für Unfallchirurgische Forschung und Biomechanik teilt sich mit Sandra Förtsch aus der Arbeitsgruppe von Reber die Erstautorenschaft für die Studie. 

Finanzierung: Gefördert wurde das Forschungsvorhaben, an dem auch Wissenschaftler der University of California beteiligt waren, unter anderem im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs SFB 1149 „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potential nach akutem Trauma“, der 2018 verlängert wurde.