Dauerhafte Umstellung auf Sommerzeit birgt Gesundheitsrisiken

  • Diverse Studien

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Am 28. Oktober werden die Uhren wieder um eine Stunde auf die Winterzeit zurückgestellt - vielleicht zum letzten Mal. Die EU-Kommission hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, nach dem sich die Mitgliedsstaaten bis April 2019 entscheiden sollen, ob sie die Zeitumstellung fortführen oder nicht. Und 84 Prozent der EU-Bürger möchten einer repräsentativen Online-Umfrage mit 4,6 Millionen Teilnehmern zu Folge die Zeitumstellungen abschaffen und plädierten mehrheitlich für eine dauerhafte Sommerzeit. Dies hätte jedoch mögliche gesundheitliche Folgen. Ein Studienüberblick:

Untersuchungen zur Zeitumstellung

Die drastischsten Worte gegen eine dauerhafte Sommerzeit stammen von Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Er begrüßt zwar das Vorhaben, Zeitumstellungen abzuschaffen, mit einer dauerhaften Sommerzeit jedoch erhöhe sich das Risiko für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme. Mit ihr müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen und schlafe deshalb schlechter und weniger. Roenneberg: „Wir Europäer werden dann dicker, dümmer und grantiger.“ Vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf.

Seine Forschungen zu Zeitumstellungen an Hand einer Fragebogenumfrage unter 55.000 Menschen hatten im Jahr 2007 gezeigt, dass sie größere gesundheitliche Auswirkungen haben als vermutet.1 Die Zeitumstellung unterbricht abrupt die Anpassung der inneren Uhr an die jahreszeitlich bedingte Varianz des Tag-Nacht-Wechsels und erlaubt ihr im Herbst erst viel zu spät diese wieder aufzunehmen. Die innere Uhr passt sich mit Hilfe des Tageslichts insbesondere zu Zeiten der Dämmerung an den 24-Stunden-Rhythmus der Umwelt an. Dieses so genannte Entrainment, das das Schlafverhalten steuert, ist außerordentlich exakt. Die innere Uhr ist im Winter auf spät, im Sommer auf früh gestellt. Die Forscher um Roenneberg bilanzierten: „Diese minutiöse Anpassung wird durch die Zeitumstellung empfindlich gestört.“

Ihre Ergebnisse erhärteten sie durch eine anschließende experimentelle Studie, bei der sie das Schlafverhalten sowie die Aktivität von 50 Personen acht Wochen rund um beide Zeitumstellungen untersuchten. Dabei zeigte sich, dass die Anpassung der inneren Uhr im Herbst wesentlich weniger Probleme verursacht. Sehr viel schwieriger dagegen ist laut Studie die Anpassung an die Sommerzeit im Frühjahr.

Wie Roenneberg und Kollegen sprechen sich auch die Forscher der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) für eine dauerhafte Winterzeit aus. Sie entspräche den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten sei, so der DGSM-Vorsitzende Alfred Wiater. Ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus könnte insbesondere für Menschen mit Diabetes gefährlich sein.

Eine epidemiologische Studie der Harvard-Universität2 ergab, dass der Stoffwechsel dann besonders empfindlich auf Veränderungen der inneren Uhr wirkt. In der Untersuchung simulierten die Forscher bei gesunden Probanden die Bedingungen von Schichtarbeitern, reduzierten deren tägliche Schlafdauer und störten so systematisch den Tag-/Nachtrhythmus. Dies führte zu einer Veränderung des Energiestoffwechsels hin zu einer prädiabetischen Stoffwechsellage: Der Grundumsatz, die Insulinausschüttung sowie die Insulinsensitivität nahmen ab. Der Blutzucker war zudem postprandial deutlich erhöht. Die Untersuchung zeigte zudem ein erhöhtes Adipositas-Risiko bei Schlafmangel auf: Mit einer sehr fettreichen Ernährung versuchen Menschen die Müdigkeit zu kompensieren. Die veränderte Stoffwechsellage durch eine gestörte Tag-/Nachtrhythmik und die zusätzliche Energiezufuhr führen letztendlich auch zu einer Gewichtszunahme. Aus diesen Ergebnissen lässt sich schließen, dass Personen, die in Nachtschichten gegen den eigenen Tag-/Nachtrhythmus arbeiten oder Menschen, die viel reisen und sich oft an neue Zeitzonen anpassen müssen, ein erhöhtes Risiko für Diabetes und Übergewicht haben.

Aber auch herz- und gefäßmedizinische Bedeutung scheint die Zeitumstellung zu haben. So kam etwa eine Studie des finnischen Forschers Jori Ruuskanen von der Universität Turku im Jahr 2016 zu dem Ergebnis, dass sich das Apoplexierisiko nach der Umstellung zur Sommerzeit erhöht. Ruuskanen verglich die Daten von Schlaganfällen aus zehn Jahren in der Woche vor und nach der Zeitumstellung mit der Häufigkeit von Schlaganfällen zwei Wochen davor und danach. Ihre Die Zahl stieg in den beiden Tagen nach der Zeitumstellung um 8 Prozent. Das erhöhte Risiko zeigte sich allerdings nur zeitlich begrenzt, nämlich nur an den beiden Tagen nach der Umstellung zur Sommerzeit und insbesondere bei Frauen, Krebspatienten und Senioren.

Eine Studie von Wissenschaftlern um Amneet Sandhu von der University of Colorado zeigte 1014 eine Erhöhung der Herzinfarktrate nach der Umstellung auf die Sommerzeit erhöhen. Die Forscher hatten die Daten einer Klinik in Michigan analysiert. Demnach hatte sich die Zahl der Herzinfarkte an dem Montag nach dem Wechsel zur Sommerzeit im Gegensatz zu anderen Montagen im Jahr um 25 Prozent erhöht. Dieselbe Studie fand heraus, dass die Zahl der Herzinfarkte um 21 Prozent nach der Zeitumstellung im Herbst sank. Sandhu führte den negativen Effekt im Frühjahr auf eine Kombination verschiedener Faktoren wie Stress und Veränderungen im Schlaf-Wach-Zyklus zurück.

Schwedische Forscher, die Herzprobleme in den ersten sieben Tagen nach der Zeitumstellung verglichen, stellten ebenfalls fest, dass in dieser Zeit mehr etwa 4 Prozent mehr Infarkte auftraten als gewöhnlich. Auch hier stieg das Risiko bei Menschen, die bereits Herzmedikamente einnahmen, stärker an, berichteten die Wissenschaftler 2012 in der Zeitschrift „sleepmedicine“.

Kardiale Auswirkungen der Umstellung auf Sommerzeit zeigte auch eine Untersuchung im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit: Während in Deutschland normalerweise täglich im Schnitt 45 Personen einen akuten Herzinfarkt erleiden, sind es an den drei Tagen nach der Umstellung auf Sommerzeit 54 - ein Plus von 20 Prozent. Zudem ergab eine Repräsentativumfrage der Kasse, dass jeder dritte Befragte wegen der Zeitumstellung schon einmal Probleme wie Schlappheit, Müdigkeit, Einschlafprobleme oder Schlafstörungen Tage oder sogar Wochen nach der Umstellung hatte.

Auch Inge Kirchberger und ihre Kollegen vom Klinikum Augsburg kamen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass zumindest bei einzelnen Subgruppen das Herzinfarkt-Risiko in den ersten drei Tagen der Sommerzeit um etwa 15 Prozent erhöht ist. Dies gilt etwa für Männer und Patienten mit Herz-Kreislauf-Problemen, die bereits ACE-Hemmer einnehmen. Für die Gesamtpopulation ließen sich in der Studie jedoch keine signifikanten Risikoerhöhungen feststellen. Die Ergebnisse beruhen auf der Analyse von 25.499 Herzinfarktfällen mit Hospitalisierung oder tödlichem Ausgang, die sich in Augsburg und Umgebung zwischen 1985 und 2010 ereigneten.

Fazit

Insgesamt ist die Studienlage zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Zeitumstellungen und insbesondere der auf die Sommerzeit jedoch noch zu ungenau. Laut Roenneberg ist es noch zu früh, um wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Effekte der Zeitumstellung zu treffen. Das Problem müsse jedoch sehr ernst genommen und sehr viel genauer erforscht werden.

Fest steht: Insulinpflichtige Menschen mit Diabetes sollten die Zeitumstellung beachten, eine ausreichende Schlafdauer von mindestens sechs Stunden pro Nacht einhalten und Blutzuckermessgeräte, Insulinpumpen und CGM-Systeme sowie dazugehörige Software wie elektronische Blutzuckertagebücher jeweils schon am Morgen auf die neue Uhrzeit umstellen. Prof. Thomas Haak, Chefarzt des Diabetes Zentrum in Bad Mergentheim: „Blutzuckerschwankungen, die durch die Zeitumstellung auftreten, lassen sich bei den meisten insulinpflichtigen Patienten durch eine einfache Korrektur ausgleichen.“ Bei nicht mit Insulin behandelten Patienten seien zumeist keine akuten Therapieänderungen notwendig.