Das neue Coronavirus ist wohl auch für das Herz eine Gefahr


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Obwohl bei der neuen Infektionskrankheit COVID-19 respiratorische Symptome überwiegen, erleiden einige Patienten schwere kardiovaskuläre Schäden. Darüber hinaus haben infizierte Patienten mit bestehenden kardiovaskulären Erkrankungen, etwa einem akuten Koronarsyndrom, ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Der Zusammenhang zwischen COVID-19 und kardiovaskulären Erkrankungen könne für die Therapie erhebliche Bedeutung haben, erläutern chinesische Wissenschaftler um Dr. Ying-Ying Zheng (Abteilung für Kardiologie an der Universität von Zhengzhou) im Fachmagazin „Nature Reviews Cardiology“.

Aminopeptidase nicht nur ein Rezeptor für Coronaviren

Das neue Coronavirus (SARS-CoV-2) infiziert pulmonale Wirtszellen über ACE2-Rezeptoren. Das Angiotensin-Converting-Enzym 2 (ACE2) ist eine membrangebundene Aminopeptidase, die eine wichtige Rolle im Herz-Kreislauf- und Immunsystem spielt. ACE2 ist an der Herzfunktion und der Entwicklung von Bluthochdruck und Diabetes mellitus beteiligt. Darüber hinaus wurde ACE2 als funktioneller Rezeptor für Coronaviren identifiziert, einschließlich SARS-CoV und SARS-CoV-2. Die SARS-CoV-2-Infektion entsteht durch die Bindung des Spike-Proteins des Virus an die Aminopeptidase, die in Herz- und Lungengewebe stark exprimiert wird. SARS-CoV-2 dringt hauptsächlich in Alveolarepithelzellen ein, was zu den respiratorischen Komplikationen führt. Diese sind bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen schwerwiegender. Ein möglicher Grund hierfür ist, dass bei diesen Patienten im Vergleich zu gesunden Personen vermehrt Angiotensin-Converting-Enzym 2 gebildet wird, an das sich die Coronaviren binden. Die Spiegel dieses Enzyms könnten durch Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems noch erhöht werden, was wiederum die Virus-Bindung fördern könnte. 

Bei COVID-19-Patienten sollte nach Angaben der chinesischen Forscher daher eine Therapie mit ACE-Hemmern oder Sartanen sorgfältig abgewogen werden. Ob Patienten mit COVID-19 und Bluthochdruck, die einen ACE-Hemmer oder einen Angiotensin-Rezeptor-Blocker einnehmen, auf ein anderes blutdrucksenkendes Medikament umsteigen sollten, werde noch diskutiert. 

Auch die Behandlung von COVID-19-Patienten mit antiviralen Wirkstoffen, insbesondere HIV-Präparaten, bereitet den chinesischen Kardiologen Sorgen. Der Grund: Einige antivirale Medikamente könnten kardiotoxisch wirken und Herzinsuffizienz, Arrhythmien oder andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen. Dies sei bei der Therapie der infizierten Patienten unbedingt zu beachten, rät Ying-Ying Zhen. 

In der Erprobung: HIV- und Influenza-Wirkstoffe sowie Passivimmunisierung

Wie berichtet werden derzeit mehrere schon verfügbare Medikamente, darunter auch Wirkstoffe gegen HIV, darauf geprüft, ob sie auch bei Patienten mit der aktuellen Corona-Erkrankung  wirksam sind. Dazu kommt aber auch mindestens eine geplante Neuentwicklung.  Schon mehrfach erwähnt wurde Remdesivir, das ursprünglich gegen Ebola-Infektionen entwickelt wurde, allerdings erfolglos. Studien mit diesem Wirkstoff haben bereits begonnen. Erste Ergebnisse zu diesem, gegen RNA-Viren gerichteten Nukleotidanalogon, sollen im April vorliegen.

APEIRON Biologics (Wien) und die Universität von British Columbia erproben derzeit in einer Phase I-Studie das Medikament APN01, das aus der SARS-Forschung hervorgegangen ist. Regeneron prüft - ebenfalls in der Phase I - ein Medikament mit den Antikörpern REGN3048 und REGN3051. Diese Antikörper binden an ein Protein des MERS-Coronavirus.

In China wurden laut „vfa“ klinische Studien zur COVID-19-Therapie mit dem antiviralen Wirkstoff Favilavir genehmigt. Favilavir hat bislang nur eine Zulassung für die Influenza-Therapie. Ebenfalls gegen Influenza in Entwicklung ist ATR-002, ein Kinase-Hemmer des Unternehmens Atriva Therapeutics in Tübingen. Das Unternehmen prüft nun, ob der Wirkstoff auch die Vermehrung von SARS-CoV-2 hemmen kann. Geprüft wird gegen SARS-CoV-2 außerdem der gegen HIV entwickelte Antikörper Leronlimab. Teilweise bereits gegen COVID-19 eingesetzt wird die Kombination Lopinavir/Ritonavir. Das chinesische Unternehmen Ascletis kombiniere Ritonavir stattdessen mit einem in China gegen Hepatitis C zugelassenen Medikament mit dem Wirkstoff Danoprevir. Studien seien schon begonnen worden. Auch die Unternehmen Pfizer und MSD erproben derzeit antivirale Substanzen, die sie primär gegen andere Viren SARS-CoV-2 entwickelt haben. 

Eine Therapie-Strategie, an der ebenfalls geforscht wird, sind Antikörper aus dem Blut von Patienten, die 2003 eine SARS-Infektion überstanden haben. Nun prüft zum Beispiel das Unternehmen Vir Biotechnology, ob diese auch gegen das SARS-CoV-2-Virus wirksam sind. Eine solche Strategie der „Passivimmunisierung“ verfolgen weltweit mehrere Unternehmen, so etwa auch Takeda. Im Rahmen des Projekts TAK-888 soll ein Antikörpergemisch aus dem Blutplasma von Personen gewonnen werden, die von COVID-19 genesen sind. Name des Gemisches: anti-SARS-CoV-2 polyclonal hyperimmune globulin (H-IG).

Ein weitere, möglicherweise bei COVID-19 wirksame Substanz ist der Protease-Hemmer Camostat Mesilat. Dies haben, wie berichtet , vor wenigen Tagen Wissenschaftler vom Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen gemeldet. Zusammen mit Kollegen der Charité haben sie untersucht, wie das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 in Zellen eindringt. Dabei haben sie ein zelluläres Enzym identifiziert, das ähnlich wie ACE2 für den Eintritt des Virus in Lungenzellen wichtig ist: und zwar die Protease TMPRSS2. Camostat Mesilat, ein bereits existierendes Medikament, hemmt diese Protease. „Wir haben SARS-CoV-2 aus einem Patienten getestet und festgestellt, dass Camostat Mesilat das Eindringen des Virus in Lungenzellen blockiert“, sagt Markus Hoffmann, der Erstautor einer aktuellen Publikation der Göttinger Forscher im Fachblatt „Cell.  Camostat Mesilat ist ein in Japan zugelassenes Medikament, das bei Entzündungen der Bauchspeicheldrüse eingesetzt wird. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Camostat Mesilat auch vor der Krankheit COVID-19 schützen könnte“, so Markus Hoffmann.