Darmkrebs-Spezialisten fordern verlängerten Vorsorgezeitraum für Frauen

  • Deutsche Gesellschaft für Chirurgie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Neue Forschungsergebnisse zeigen weitreichende Geschlechterunterschiede beim kolorektalen Karzinom. Dabei gibt es nicht allein Unterschiede bei der Wirkung von Chemo- und Immuntherapien, sondern auch bei Erkrankungshäufigkeit und -alter. Da Frauen später als Männer erkrankten, müsse der Vorsorgezeitraum für Frauen über das 75. Lebensjahr hinaus verlängert werden, fordern nun Experten wie Professor Dr. med. Thomas Schiedeck, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie.

Immer mehr Hinweise auf geschlechtsspezifische Unterschiede

 Dick- und Mastdarmkrebs ist nach wie vor die zweithäufigste Tumorerkrankung bei Frauen und die dritthäufigste bei Männern in Deutschland. Zunehmend belegen Studien, darunter auch Resultate großer Register-Studien, einen Einfluss des Geschlechts auf die Vorsorge, Diagnostik und Therapie dieser Krebserkrankungen. Die genauen Ursachen der geschlechtsspezifischen Unterschiede sind kaum bekannt und bislang auch nur unzureichend untersucht. Naheliegend ist, dass Östrogene eine Rolle spielen. Außerdem hätten die Erkenntnisse zu den geschlechtsspezifischen Unterschieden „noch keinen Eingang in aktuelle Strategien gefunden“, so Thomas Schiedeck laut einer Mitteilung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.

So leiden Männer häufiger als Frauen an Darmkrebs. Unter 100.000 Männern, die 2014 über 75 Jahre alt waren, gab es statistisch gesehen 7477 Männer, die innerhalb der fünf vorangegangenen Jahre an Krebs erkrankt waren. Die Rate bei den gleichaltrigen Frauen lag bei 4438 pro 100.000 Einwohner.

Vorsorge bei Frauen zu kurz, bei Männern zu spät?

Derzeit endet die krankenkassenfinanzierte Vorsorgeuntersuchung bei Frauen in einem Lebensalter von 75 Jahren. „Die Erkrankungsrate steigt danach aber nochmals an“, so Schiedeck (RKH Kliniken Ludwigsburg).  „Wir finden speziell bei älteren Frauen viele große Tumoren im rechtsseitigen Darm, die bei Darmspiegelung und Stuhltests nicht aufgefallen sind. Bei Frauen muss deshalb das Vorsorgefenster verlängert werden.“ Bei Männern hingegen beginne die Vorsorge ab dem Alter von 50 Jahren tendenziell zu spät. Das mittlere Erkrankungsalter in Deutschland habe 2014 bei Männern 72 Jahre betragen, bei Frauen 75 Jahre, berichtet die Onkologin Prof. Dr. Anke Reinacher-Schick (Ruhr-Universität Bochum) in einem aktuellen Übersichtsbeitrag. Vor allem rechtsseitige Tumoren und Tumoren mit einer hochgradigen Mikrosatelliteninstabilität seien bei Frauen häufiger als bei Männern. Frauen nähmen offenbar etwas häufiger an Vorsorgeprogrammen teil, allerdings sei die Effektivität des Screenings bei Männern höher, so auch die Onkologin und ihre Mitautoren.

  Gen-Analysen von zunehmender Bedeutung

Die wichtigste Maßnahme zur Heilung bleibt die Operation. Ausser einer Ernährungstherapie beeinflussen auch chemotherapeutische Konzepte die Operationschancen und Risiken. Auch hier – bei der Wirkungsweise oder dem Risikoprofil der Chemotherapie – spielt das Geschlecht der Betroffenen eine immer wichtigere Rolle. „Es gibt Situationen, in denen Darmtumoren bei weiblichen Patienten weniger auf eine Chemotherapie reagieren“, so Schiedeck. Dann stelle sich die Frage, inwiefern die Betroffenen durch eine genderbedingt schlecht wirkende Therapie unnötig belastet werden würden. „Diese Entscheidung hängt aber letzten Endes auch von dem individuellen genetischen Profil ab, nicht nur von dem Geschlecht, weshalb eine genetische Analyse immer wichtiger wird“, betont Schiedeck. Den größten Einfluss hat das Geschlecht aktuellen Daten zufolge bei der Immuntherapie - dies liegt hauptsächlich in der unterschiedlichen Hormonproduktion begründet.

Das Ziel: eine individualisierte Prävention, Diagnostik und Therapie

„Zusammen mit den Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz bei der Datenauswertung bietet, werden wir noch wesentlich mehr auf eine gendergerechte Therapie abzielen, wobei das Geschlecht dann ein Faktor unter vielen Einzelgrößen der personalisierten und individualisierten Medizin sein wird“, prognostiziert Schiedeck. Heute schon spiele die Gen-Analyse des Tumormaterials eine wichtige Rolle, künftig werde die genetische Disposition für die Wahl der Therapie  noch wesentlich wichtiger sein.

Noch befinden sich die Analysen der geschlechtsspezifischen Unterschiede beim kolorektalen Karzinom am Anfang. In Zukunft sollten sie in die geplanten Studien einbezogen werden, um die Prävention und die Therapie für Männer und Frauen zu verbessern, empfiehlt auch Anke Reinacher-Schick. Dann, so ihre Hoffnung, könnte es in Zukunft zunehmend geschlechtsspezifische präventive und therapeutische Maßnahmen mit individuellen Konzepten für Männer und Frauen geben.