Darmkrebs in der Familie: Risiko für Halbgeschwister deutlich höher als erwartet


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Halbgeschwister von Darmkrebspatienten haben mit einem kumulativen Lebenszeitrisiko von 6 % ein vergleichbar erhöhtes Risiko, an diesen Tumoren zu erkranken, wie Vollgeschwister mit 7 %. Halbgeschwister sollten bei der Risikobewertung für Darmkrebs daher wie Verwandte ersten Grades eingestuft werden und nicht genealogisch wie Verwandte zweiten Grades. Die Forscher empfehlen, Beratung und Darmkrebs-Vorsorge für Halbgeschwister entsprechend anzupassen.

Hintergrund

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Tumoren in westlichen Ländern. In Deutschland liegt Darmkrebs auf Platz 2 der Krebsneudiagnosen bei Frauen (circa 26 000 für 2018) und auf Platz 3 bei Männern (circa 32 900 für 2018; [1]). Bei kolorektalen Karzinomen in der Familie ist das Risiko erhöht, je nach Häufigkeit der Erkrankungen und Verwandtschaftsgrad, selbst wenn keine bekannten Keimbahnmutationen wie beim Lynch-Syndrom oder bei familiärer adenomatöser Polyposis (FAP) vorliegen. Für Verwandte 1. Grades ist das Darmkrebsrisiko gut untersucht, weniger allerdings für Verwandte 2. Grades wie Halbgeschwister, Großeltern, Onkeln oder Tanten. Diese Lücke schließt ein internationales Forscherteam unter Federführung deutscher Wissenschaftler.

Design

  • Kohortenstudie: Basis Schwedisches Multigenerationenregister und Schwedisches Nationales Krebsregister
  • Kohorte: 12.829.251 Einwohner der Geburtsjahrgänge 1958-2015, für die aus beiden Registern komplette Daten vorlagen
  • Analysen: Berechnung des kumulativen Lebenszeitrisikos (0-79 Jahre) für Darmkrebs in % und der standardisierten Inzidenzrate für verschiedene Familienkonstellationen

Hauptergebnisse
 

Das Lebenszeitrisiko für ein kolorektales Karzinom beträgt für Menschen ohne entsprechende Familienanamnese 4 %. Bei einem Verwandten 1. Grades steigt es auf 6,3 % und ist damit um den Faktor 1,6 erhöht, bei zwei Verwandten 1. Grades liegt es bei 9,1 %, ist also um den Faktor 2,5 erhöht.

Für einen Verwandten 2. Grades lag das Lebenszeitrisiko bei 4,7 %, was als unwesentliche Erhöhung im Vergleich zu Personen ohne entsprechende Familienanamnese bewertet wurde. Bei zwei Verwandten 2. Grades ist das Risiko 5,7 % (Faktor: 1,6). Das Risiko für Vollgeschwister, bis zum 79. Lebensjahr zu erkranken, betrug 7 % und für Halbgeschwister 6 %, war also für diese beiden Verwandtschaftsgrade vergleichbar.

Klinische Bedeutung

Halbgeschwister sollten bei der Familienanamnese in der Risikobewertung für eine Darmkrebserkrankung wie Verwandte 1. Grades eingestuft werden, raten Dr. Mahdi Fallah und Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg. Die Daten belegen ihrer Einschätzung nach auch, dass außer Genen gemeinsame Lebensbedingungen und -gewohnheiten bei der familiären Häufung von kolorektalen Karzinomen hohe Bedeutung haben. Denn zu erwarten gewesen wären deutliche Unterschiede im Risiko zwischen Voll- und Halbgeschwistern.

In Deutschland wird mit knapp 59 000 Neuerkrankungen für 2018 gerechnet. Das 5-Jahres-Krebsüberleben liegt bei 63 %.

Finanzierung: öffentliche Mittel