Dampfen für Qualmer keine gute Alternative zur Abstinenz

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Bei chronischen Erkrankungen von Lunge und Atemwegen sind in den vergangenen Jahren zwar einige Fortschritte gemacht worden. Aber alle Therapien haben nunmal Grenzen, so dass verstärkt auch auf Prävention gesetzt wird. Beim kommenden Kongress der European Respiratory Society in Madrid , der die Prävention in den Mittelpunkt stellt, geht es dabei unter anderem um Nikotin-Therapien, E-Zigaretten und sowie um Luftschadstoffe und auch um Impfungen zum Schutz vor Lungenkrankheiten und lebensbedrohlichen pulmonalen Komplikationen, so Kongress-Präsident Professor Tobias Welte (MH Hannover). 

Weltweit über eine Milliarde Raucher

Wie notwendig verstärkte Prävention zum Schutz vor Erkrankungen der Lunge und der Atemwege ist, zeigen zum Beispiel aktuelle Daten der Weltgesundheitsorganisation zu den Folgen des Konsums von Tabak-Produkten. Laut dem neuen Welt-Tabak-Bericht der WHO  gibt es weltweit rund 1,1 Milliarden Raucher; die meisten - rund 80 Prozent - von ihnen lebten in Ländern mit geringem oder mittlerem Einkommen. In Deutschland soll es noch 14,4 Millionen Raucher geben, wie der demnächst publizierte „epidemiologische Suchtsurvey 2018" („Deutsche Ärzteblatt“) ergeben habe, meldet „Spiegel online“.

Jährlich mehr als 8 Millionen Tabak-Tote

Jedes Jahr sterben laut der Genfer Organisation mehr als acht Millionen Menschen an den Folgen des Tabak-Konsums, darunter 1,2 Millionen Nicht-Raucher. Etwa 65.000 Kindern würden jährlich Opfer von Erkrankungen, die dem Passivrauchen anzulasten seien. Das hat bekanntlich auch schwerwiegende ökonomische Folgen: Der Weltwirtschaft gingen durch Gesundheitskosten und Arbeitsausfälle 1,4 Billionen US-Dollar im Jahr verloren. Laut WHO gibt es zwar einige Fortschritte beim Nichtraucherschutz; aber von paradiesischen Zuständen sei man selbst in einem reichen Land wie Deutschland noch ein Stückchen entfernt. Besonders groß sei das Optimierungspotenzial bei der Unterstützung von Rauchern, die mit der Pafferei aufhören wollten.

E-Zigaretten eine Option für Abstinenzwillige?

Als eine Option für jene Tabak-Süchtigen, die von ihrer Sucht loskommen wollen, werden seit einigen Jahren E-Zigaretten diskutiert. Immer mehr Menschen konsumieren E-Zigaretten auch in der Annahme, diese seien weniger gesundheitsschädlich als herkömmliche Zigaretten, darunter vermutlich nicht selten auch Schwangere. Ob E-Zigaretten bei der Raucher-Entwöhnung eine effektive und zugleich sichere Option sein könnten, haben kürzlich Wissenschaftler in einer kontrollierten Studie mit 886 abstinenzwilligen Rauchern untersucht. Verglichen wurden die Abstinenzraten von Probanden mit E-Zigaretten und Probanden mit Nikotin-Ersatztherapien.

Vom Regen in die Traufe

Die E-Zigaretten erwiesen sich beim primären Endpunkt zwar als überlegen: Die Abstinenzraten betrugen nach einem Jahr 18 (79/443) und 9,9 Prozent (44/446). Aber nach einem Jahr verwendeten von den 79 Patienten, die mit E-Zigaretten abstinent geworden waren, immer noch 80% E-Zigaretten. In der Vergleichsgruppe hingegen nutzten nur noch neun Prozent (4/44) weiterhin Nikotinersatz-Produkte. „Wer E-Zigaretten raucht, ist keineswegs abstinent – er ersetzt lediglich die eine Abhängigkeit durch eine andere“, kommentierte Professor Dr. Stefan Andreas , Leiter der Lungenfachklinik Immenhausen bei Göttingen, die Studie. Doch welche Folgen der langfristige Konsum von E-Zigaretten habe, sei heute noch nicht absehbar. Andreas: „Da die E-Zigarette erst einige Jahre auf dem Markt ist, gibt es noch keine Langzeitstudien zu ihren gesundheitlichen Auswirkungen. Es hat ja auch über 50 Jahre gedauert, die Folgen des Tabakrauchens zu untersuchen.“ Tierversuche und einige Studien am Menschen zeigten aber, dass der Dampf das Gewebe in den Bronchien und Lungenbläschen krankhaft verändere.

Andere Studien hätten außerdem gezeigt, dass eine Raucher-Entwöhnung mit E-Zigaretten die Chancen, tatsächlich mit dem Rauchen aufzuhören, sogar verringern könne, so die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). Laut einer Metaanalyse von 38 Studien ist die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Raucher-Entwöhnung mit E-Zigaretten um signifikant geringer als ohne E-Zigaretten. Viele Raucher, die auf die E-Zigarette umsteigen, kehren langfristig wieder zur Tabakzigarette zurück. 

Forderungen: Werbeverbote und mehr Unterstützung bei der Tabak-Entwöhnung

Die DPG fordert daher seit Jahren schon ein umfassendes Werbeverbot auch für E-Zigaretten, um insbesondere junge Menschen vor gesundheitlichen Schäden schützen. Denn insbesondere Jugendliche werden oft durch den süßen Geschmack und die vielen Aromastoffe, wie Tiramisu und Waldfrucht, an das Rauchen herangeführt. Einer Studie zufolge sind diese Aromastoffe allerdings nicht ungefährlich. In dieser Studie haben Forscher zeigen können, dass alle getesteten 49 Aromen beim Rauchen unterschiedliche Mengen freier Radikale freisetzen, die oxidativen Stress in den Zellen verursachen und diese so schädigen. Dies könne Erkrankungen wie Diabetes, Asthma, Parkinson sowie Lungen- und Darmkrebs verursachen. Insgesamt gibt es fast 8000 verschiedene aromatische Zusatzstoffe, die E-Zigaretten zugesetzt werden können. Sie werden zwar von der Lebensmittelindustrie bereits als Lebensmittelzusatzstoffe verwendet und als gesundheitlich unbedenklich eingestuft. „Doch sobald sie erhitzt und inhaliert werden scheinen diese Aromen Schadstoffe zu produzieren, die der Lunge und dem Immunsystem schaden", warnt Professor Klaus F. Rabe, Chefarzt der Abteilung Pneumologie an der LungenClinic Grosshansdorf.

Außer einem Werbeverbot  fordern Pneumologen mehr Unterstützung der Raucher bei der Tabakentwöhnung. Denn, so Andreas: „Wir müssen realisieren, dass die Tabakkonzerne ihren Markt durch die E-Zigarette erweitert haben, um eine größere Zielgruppe an sich zu binden“. „Schließlich hat die Industrie kein Interesse daran, ihren Absatz durch eine erfolgreiche Rauchentwöhnung zu verringern.“ Es seien daher professionelle Entwöhnungsprogramme für Raucher notwendig, die kostenfrei und flächendeckend verfügbar sind. Davon gibt es dem Pneumologen zufolge in Deutschland nämlich viel zu wenige. Schließlich sollte das eigentliche und in allen Leitlinien formulierte Ziel auch nicht der Umstieg auf das „Dampfen“ sein, sondern der völlige Rauchverzicht.

Unklare Erkrankungsfälle und ein Todesfall in den USA

Auch aktuelle Ereignisse in den USA sprechen eher für einen völligen Rauchverzicht als für einen Entzugsversuch mit E-Zigaretten. Dort mussten, wie berichtet, fast 200 Menschen, die E-Zigaretten nutzten, wegen unklarer Brustschmerzen, Erbrechen, Müdigkeit und Luftnot medizinisch behandelt werden, mehrere auch intensivmedizinisch. Ein Patient ist inzwischen sogar gestorben, bei manchen Patienten rechnen die behandelnden Ärzte mit bleibenden Lungenschäden. 

Über die genauen Ursachen wird derzeit noch diskutiert. In Verdacht stehen stehen zum Beispiel die benutzten Liquids; mehrere Patienten sollen angegeben haben, THC-haltige Öle mit den E-Zigaretten konsumiert zu haben. Möglicherweise seien auch die „Geräte“ defekt gewesen. Erschwert wird die Ursachensuche durch Produktfälschungen und illegale Substanz-Mischungen.  

Obwohl in den USA andere Bestimmungen für E-Zigaretten als in Deutschland gelten, sei nicht ausgeschlossen, dass auch hier ähnliche Fälle auftreten könnten, so  Professor Robert Loddenkemper von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie im „Focus“. „Jetzt haben die ersten Ärzte über die Krankheit gesprochen, ihre Symptome beschrieben und einen Zusammenhang zu E-Zigaretten hergestellt. Da werden jetzt viele Kollegen, die Patienten mit ähnlichen Beschwerden haben, hellhörig werden“, , so der Pneumologe weiter. Ihn erinnerten die Symptome der US-Patienten an die Symptome einer „Exogen-allergische Alveolitis“, eine Lungenkrankheit, die bereits 2015 mit E-Zigaretten in Verdacht gebracht worden seien. Die Symptome seien abgeklungen, als der Patient aufgehört habe, zu dampfen. Noch besser wäre es sicher gewesen, erst gar nicht mit dem Dampfen anzufangen.