COVID-19: wenig Erfreuliches, aber nicht nur


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Die Reproduktionszahl ist innerhalb weniger Stunden gestiegen; zugenommen hat auch die Zahl der Tönnies-Mitarbeiter, die positiv auf das neue Corona-Virus getestet wurden. Herdenimmunität bleibt offenbar auch weiterhin ein Traum, wie Daten einer Hamburger „Kinder-Studie“ zeigen. Wer COVID-19 überstanden hat, kann trotzdem noch krank sein, so dass rehabilitative Maßnahmen erforderlich sind. Und: Auch Katzen und Hunde könnten bald in Quarantäne kommen.

Ausbruch bei Tönnies lässt R-Wert steigen

Die Reproduktionszahl (R-Wert) liegt nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) inzwischen (Sonntag) bei 2,88. Am Freitag lag der Wert noch bei 1,06. Der R-Wert ist damit deutlich über den kritischen Wert von1,0 gestiegen. Laut dem Berliner Institut ist der Hauptgrund für den raschen Anstieg der Ausbruch bei dem Unternehmen Tönnies bei Gütersloh. 

Inzwischen sind über 1300 Mitarbeiter des Unternehmens - knapp 23 Prozent - positiv auf SARS-CoV-2 getestet worden. Dies teilte der Kreis Gütersloh gestern mit. Die Reihentestungen auf dem Gelände der Firma Tönnies seien am Samstag abgeschlossen worden, hieß es. Insgesamt 6139 Tests seien gemacht worden. 5899 Befunde lägen bereits vor. Bei 4568 Beschäftigten konnte demnach das Virus nicht nachgewiesen werden. „Bei den Testungen zeigte sich, dass die Zahl der positiven Befunde außerhalb der Zerlegung deutlich niedriger sind als in diesem Betriebsteil“, hieß es in der Pressemitteilung weiter. In den vier Krankenhäusern im Landkreis werden derzeit 21 COVID-19-Patienten stationär behandelt. Davon liegen sechs Personen auf der Intensivstation, zwei von ihnen müssen beatmet werden. Im Kreis Gütersloh sind 20 Personen (19. Juni: 20) gestorben, die sich mit dem neuen Corona-Virus infiziert hatten. 

Hamburger CHILD-Studie zeigt: Lockdown hat gewirkt

In der C19. CHILD-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) werden einer Mitteilung zufolge 6000 gesunde und chronisch kranke Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren auf die Häufigkeit und Schwere einer Infektion mit SARS-CoV-2 untersucht. Rund sechs Wochen nach dem Studienstart liegen nun erste Zwischenergebnisse der Studie vor: Bei 3107 Probanden konnte kein Virus im Nasen-Rachen-Abstrich per PCR nachgewiesen werden, bei 2436 Kindern und Jugendlichen wurde ein Antikörpertest gegen das SARS-CoV-2 durchgeführt, 36 Kinder und Jugendliche waren positiv.

„Erste Auswertungen zeigen, dass nur 1,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen Antikörper gebildet haben und wir weit von einer Herdenimmunität entfernt sind“, sagt Professorin Dr. Ania C. Muntau, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des UKE, die die Studie gemeinsam mit Prof. Dr. Søren W. Gersting, Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, und Prof. Dr. Thomas S. Mir, Klinik und Poliklinik für Kinderkardiologie, leitet.

Die Studienteilnehmer setzen sich aus 46,4 Prozent weiblichen und 53,6 Prozent männlichen Probanden zusammen. Im Schnitt sind die Teilnehmer 7,4 Jahre alt. Bisher liegen 3107 Nasen-Rachen-Abstriche und 2436 Antikörper-Befunde vor.

Bei 36 von 2436 Kindern konnten Antikörper im Blut nachgewiesen werden, dies entspricht bei Berücksichtigung der Genauigkeit des Tests und der Größe der Studienkohorte 1,2 bis 1,5 Prozent. Keines der bis zum 6. Juni untersuchten Kinder hatte einen positiven Nasen-Rachen-Abstrich, somit lag bei keinem der Teilnehmer eine akute Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus vor. „Daraus können wir schlussfolgern, dass die Lockdown-Maßnahmen für die Kinder und Jugendlichen in Hamburg erfolgreich waren“, erklärt Muntau.

Auffällig ist, dass die positiv getesteten Kinder im Schnitt älter als der Durchschnitt der Studienkohorte sind. Wenn man die Kohorte in zwei Gruppen teilt, ergeben sich in der Altersgruppe von 0 bis 9 Jahren 1 Prozent positive Antikörpernachweise und in der Altersgruppe von 10 bis 18 Jahren 2 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, einen positiven Antikörpertest zu haben, steigt bei den Kindern der C19.CHILD Hamburg-Studie mit zunehmendem Alter, und zwar mit jedem Lebensjahr um 8 Prozent.

Genesen bedeutet nicht gesund

Mehr als 170 000 Menschen in Deutschland haben nach Schätzungen des Robert Koch-Institutes eine COVID-19-Erkrankung überstanden und gelten als „genesen“. Doch auch nach Abklingen der Infektion können die Lungenfunktion und körperliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sein. Daher benötigen einige „genesene“ Patienten auch nach der Akutphase der Erkrankung eine fachkundige Nachsorge und Rehabilitation durch erfahrene Pneumologen, betont die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP). In einer aktuellen Publikation zur pneumologischen Rehabilitation bei COVID-19 beschreibt die Fachgesellschaft die gesundheitlichen Folgen von COVID-19 und leitet daraus rehabilitative Maßnahmen für die Betroffenen ab.

Als genesen gilt laut Robert Koch-Institut, wer mindestens 48 Stunden keine Symptome wie Husten oder Fieber zeigt und bei dem im Abstand von 24 Stunden zwei Rachenabstrichtests negativ ausfallen. Zudem müssen die ersten Symptome mindestens zwei Wochen zurückliegen. Doch auch wenn ein Patient die Erkrankung nach diesen Kriterien überstanden hat, benötigt er möglicherweise weitergehende medizinische Versorgung in Form einer pneumologischen Rehabilitation. „CT-Bilder der Lungen von genesenen COVID-19-Patienten legen nahe, dass viele von ihnen nicht wirklich gesund sind, sondern als Folge der Infektion mehr oder weniger starke Lungenschäden aufweisen“, sagt Professor Dr. med. Andreas Rembert Koczulla, Chefarzt des Fachbereichs Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land und Mitautor der Empfehlungen. So sei davon auszugehen, dass auch nach Überwinden der Akutphase der Gasaustausch der Lunge langfristig beeinträchtigt sein kann. Dies könne auch Patienten betreffen, die im Krankenhaus nicht beatmet worden seien.

In der pneumologischen Rehabilitation geht es zunächst darum, in Belastungstests herauszufinden, wie schwer die Lunge geschädigt und die Sauerstoffversorgung des Körpers beeinträchtigt ist. Je nach Schwere der COVID-19-Erkrankung und der Dauer der künstlichen Beatmung werden unterschiedliche Maßnahmen ergriffen. Diese können bei schweren Verläufen eher einer fortgesetzten Akutversorgung ähneln als einer klassischen Rehabilitation. „Wichtig ist, dass rehabilitationsbedürftige Patienten an eine geeignete, von Pneumologen geleitete Institution überwiesen werden, die den zu lösenden klinischen Fragestellungen gerecht werden kann“, so Koczulla. Insgesamt verfüge Deutschland im Bereich der pneumologischen Rehabilitation über etwa 5000 Plätze in stationären Ein-richtungen. „Insbesondere Patienten, die bereits vor der COVID-19-Erkrankung an einer chronischen Lungenerkrankungen gelitten haben, werden eine intensivere Nachsorge benötigen, die je nach vorliegendem Schweregrad eine besondere Expertise von der nachsorgenden Klinik erfordert“, so Professor Dr. med. Michael Pfeifer, Präsident der DGP.

Quarantäne-Pflicht für Kitti und Bello?

Auch Haustiere könne sich mit SARS-CoV-2 infizieren. Im kommenden Monat sollen positiv getestete Tiere den Veterinärbehörden gemeldet werden. Infizierte erkrankte Haustiere sollen dann auch in Quarantäne gehalten werden - in einem speziellen Käfig oder in einem geschlossenen Zimmer. Ein Test sei bei Katzen oder Hunden aber nur dann erforderlich, wenn sie Symptome einer Infektion hätten, so Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Es mache keinen Sinn, jetzt alle Tiere zu testen. Ob sich Menschen bei infizierten Haustieren anstecken können, ist laut Professor Thomas C. Mettenleiter, Leiter des Friedrich-Loeffler-Instituts, zwar nicht absolut ausgeschlossen; bislang gebe es dafür aber keine Hinweise. Schweine und Hühner infizieren sich dem Institut zufolge nicht mit dem neuen Corona-Virus. Ob dies auch für Rinder gilt, wird noch geprüft. An Corona erkrankte Haustiere sollen auf jeden Fall künftig in Quarantäne gehalten werden - in einem speziellen Käfig oder in einem geschlossenen Zimmer, damit man Abstand zu ihnen halten kann. Intensivbetten für die Vierbeiner sind nicht geplant.