COVID-19: weltweit steigende Infektionsfälle - und Sorgen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Kernbotschaften

Weltweit melden mehrere Staaten eine Zunahme der Neuinfektionen mit dem neuen Corona-Virus. Auch in Deutschland sind die Fallzahlen weiter gestiegen. Vermutete Ursache: Nachlässigkeit.  Vor allem junge Menschen werden „angesprochen“.

Auch in Deutschland Anstieg der Infektionsfälle

Laut Robert-Koch-Institut (30.7. 2020) haben sich in Deutschland innerhalb eines Tages etwas mehr als 900 Menschen mit SARS-CoV-2 infiziert. Insgesamt haben sich damit seit Beginn der Pandemie 207.828 Personen mit dem neuen Corona-Virus angesteckt, 9134 sind gestorben. Rund 191.800 Menschen in Deutschland hätten eine Infektion inzwischen überstanden, so das Berliner Institut. Ursache für den Anstieg sei Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltensregeln, so RKI-Chef Professor Lothar Wieler. „Wir sind mitten in einer sich rasant entwickelnden Pandemie", sagte RKI-Chef Lothar Wieler bereits Anfang der Woche in einer Pressekonferenz. „Die neuen Entwicklungen machen mir große Sorgen", so Wieler. Das zunehmende Infektionsgeschehen sei deutschlandweit zu sehen, so laut einem „Spiegel“-Bericht Ute Rexroth, Leiterin der Epidemiologischen Surveillance. „Es sind leider wirklich viele (Bundesländer) betroffen." Die Übertragungen fänden überall statt: auf Feiern, Familientreffen, im Büro, in Pflege- oder Gesundheitseinrichtungen. 

Auch andere Staaten melden steigende Fallzahlen, so etwa Spanien, Australien, Japan, Israel und auch Vietnam. Weltweit am stärksten von der Pandemie betroffen sei nach wie vor die USA, so ein Bericht der ARD. Mittlerweile sind in den Vereinigten Staaten nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität mehr als 150.000 Menschen infolge infolge von COVID-19 gestorben.

WHO warnt vor allem junge Menschen

Vor Nachlässigkeit bei der Einhaltung der Verhaltens-Regeln  warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), wobei sie besonders junge Menschen im Fokus hat. „Es scheint, dass der Wiederanstieg der Fälle in mehreren Ländern teilweise darauf zurückzuführen ist, dass junge Menschen unachtsam geworden sind", so  Tedros Adhanom Ghebreyesus gestern auf einer virtuellen Pressekonferenz. „Junge Menschen sind nicht unbesiegbar", warnte der WHO-Chef. Auch sie könnten sich infizieren und sterben. Deshalb müssten sie die „gleichen Vorsichtsmaßnahmen treffen wie der Rest der Bevölkerung, um sich und andere zu schützen".

Regionale Maßnahmen oder nationale?

Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen hat am Computer mögliche Verläufe der Corona-Pandemie simuliert. Die Berechnungen zeigen, dass regionale Maßnahmen die Epidemie mit deutlich weniger Einschränkungen unter Kontrolle halten können als national verhängte Lockdowns, wenn die Zahl überregionaler Infektionen niedrig genug ist. Dafür sollten regionale Schwellenwerte für lokale Einschränkungen allerdings tiefer liegen als die derzeit in Deutschland festgelegten Werte. Auch wenn niedrigere Schwellenwerte zu häufigeren regionalen Lockdowns führen, würden die langfristigen Vorteile dieser Strategie die dadurch ausgelösten lokalen Maßnahmen überwiegen, heißt es in einer Mitteilung des Instituts. Ein einheitlicher Maßnahmenkatalog kann eine rasche Reaktion auf steigende Infektionszahlen in einzelnen Regionen gewährleisten. Durch eine möglichst lückenlose Nachverfolgung ließe sich die Zahl überregionaler Infektionen beobachten und gegebenenfalls senken. Darüber hinaus empfehlen die Forschenden eine deutliche Ausweitung von Tests, bereits bevor Schwellenwerte erreicht werden.

Die Studie umfasst Simulationen für Deutschland, England, Italien, New York State und Florida für die nächsten fünf Jahre. Sie berücksichtigt dabei die aktuellen Infektionszahlen, die individuelle regionale Struktur und die jeweilige Effektivität der bisherigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Epidemie. Die beobachteten Effekte sind jedoch so universell, dass sie in vielen physikalischen Systemen auftreten, die sich nicht im Gleichgewicht befinden und deren Dynamik von einzelnen, nicht vollständig vorhersagbaren Ereignissen bestimmt wird. Ein besonderer Schwerpunkt liegt daher auf der Rolle einzelner Infektionsereignisse: Während auf dem Höhepunkt der ersten Welle die Dynamik der Epidemie mit einfachen Modellen für ein ganzes Land weitgehend nachvollzogen werden konnten, ist die Ausbreitung in Wirklichkeit ein diskreter Prozess, bei dem einzelne Infektionsereignisse immer gewissen Zufallseinflüssen unterliegen. Wenn die Infektionszahlen in einzelnen Regionen sehr niedrig sind, müssen die besonderen Effekte in diesem sogenannten „Regime kleiner Zahlen“ mit berücksichtigt werden, wie das Team schon in einer früheren Studie festgestellt hatte.

Anteil überregionaler Infektionen entscheidend

Die Ergebnisse: Im Vergleich zu einer zentralisierten nationalen Strategie kann eine regionale Eindämmung den Zeitraum, in dem es für die Bürger zu Einschränkungen kommt, erheblich verkürzen – in einigen Fällen um den Faktor zehn. Allerdings darf es dafür nur wenige überregionale Infektionen geben. „Wenn der Anteil der überregionalen Kontakte nur wenige Prozent beträgt, kann die Zahl der Infektionen durch lokale Maßnahmen in einer Region auf null sinken. Die Maßnahmen in verschiedenen Regionen können dann zusammenwirken und lokale Ausbrüche schneller ersticken als durch überregionale Kontakte neue entstehen (ein kooperativer Effekt). Ein Anstieg der überregionalen Infektionen lässt die Gesamt-Einschränkungszeit jedoch abrupt auf das Level der nationalen Strategie wachsen. In Einzelfällen kann eine lokale Strategie bei häufigen überregionalen Infektionen im Vergleich zu einer zentralen, landesweiten Strategie sogar zu mehr Einschränkungen führen“, erklärt Ramin Golestanian.

Für die Verhängung lokaler Maßnahmen in einer Region zeigen die Simulationen, dass ein Schwellenwert von rund zehn Infektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen erfolgreich ist. Dieser Wert liegt niedriger als die derzeit in Deutschland festgelegten 50 Infektionen pro 100.000 Einwohner. „Natürlich könnte solch eine strikte Kontrolle mit niedrigen Schwellenwerten zunächst zu mehr Lockdowns führen. Langfristig würde die Gesamtdauer der Einschränkungen allerdings geringer ausfallen. Um solch niedrige Schwellenwerte umzusetzen, sollten zudem umfangreich Corona-Tests durchgeführt werden, damit die Zahl unentdeckter Fälle gering ist“, so Ramin Golestanian in der Mitteilung.