COVID-19: Welche Rolle Quarantäne-Maßnahmen und Staubsaugerbeutel spielen können


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Wie viele Menschen sind bereits immun gegen das neue Corona-Virus? Und was nützen Quarantäne-Maßnahmen, was herkömmliche Op-Masken? Ein paar Antworten auf diese Frage haben Wissenschaftler auf diese Fragen in den vergangenen Tagen liefern können. 

Masken aus Staubsaugerbeutel mit Feinstaubfilter?

Seit Wochen wird über den Nutzen von herkömmlichen Masken zum Schutz vor COVID-19 diskutiert. Professor Christian J. Kähler hat mit seinem Kollegen Dr. Rainer Hain am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr München dazu detaillierte Strömungsexperimente durchgeführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass ein Sicherheitsabstand von 1,5 Meter in der Regel ausreicht, um sich vor einer Tropfeninfektion durch Atmen, Sprechen und einmaligem Stoßhusten zu schützen. Bei langanhaltendem Reizhusten sollte der Sicherheitsabstand wenigstens 3 Meter betragen. Die Ausbreitung der Viren erfolgt in diesem Fall aber langsam genug, so dass eine zügige Abstandsvergrößerung von 1,5 Meter auf 3 Meter durch ein paar Schritte völlig ausreicht. Zum Vergleich wurde in der Studie auch analysiert, wie stark eine einfache Hygienemaske, ein Mund-Nase-Schutz und eine partikelfiltrierende FFP2 Schutzmaske die räumliche Ausbreitung der Atemluft begrenzen. 

Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse nach Angaben der Wissenschaftler, dass selbst ein recht einfacher Mund-Nase-Schutz die Ausbreitung der Tröpfchen im Raum stark begrenzt, so dass die allgemein empfohlenen Sicherheitsabstände immer dann deutlich unterschritten werden können, wenn eine infizierte Person einen Mund-Nase-Schutz trägt. Personen die unsicher sind, ob sie infiziert sind, sollten daher unbedingt eine Maske in der Öffentlichkeit tragen, um alle nicht infizierten Mitmenschen zu schützen, die weiter als 0,75 Meter entfernt sind. Einer nicht infizierten Person hingegen bietet diese Maske nahezu keinen Schutz, wenn sie sich in einer kontaminierten Umgebung aufhält und einatmet. In diesem Fall kann nur ein hinreichend großer Abstand oder eine partikelfiltrierende Schutzmaske einen sicheren Schutz bieten.

Weitere Experimente der beiden Forscher zeigen dass mehrlagige Stoffe, dicker Vlies, Kaffeefilter, Haushaltspapier, Toilettenpapier mit mehreren Lagen, Papiertaschentücher und Mikrofasertücher unter Norm-ähnlichen Prüfbedingungen keine Filterwirkung aufweisen gegenüber typischen Tröpfchengrößen, die beim Atmen, Sprechen und Husten entstehen. Auch die kommerzielle Hygienemaske und der Mund-Nase-Schutz, der in Arztpraxen und Krankenhäusern verwendet wird, bieten den Wissenschaftlern zufolge keinen wirksamen Schutz vor einer Tröpfcheninfektion. 

Um sich sicher vor einer Tröpfcheninfektion zu schützen und als infizierte Person die Ansteckung der Mitmenschen vollständig zu verhindern, sind partikelfiltrierende Atemschutzmasken ohne Ventil erforderlich. Die experimentellen Ergebnisse zeigten darüber hinaus, dass Staubsaugerbeutel mit Feinstaubfilter sehr gute Filtereigenschaften hätten, heißt es in einer Mitteilung der Wissenschaftler. Masken könnten aus dem Material leicht selber hergestellt werden. Die Materialkosten belaufen sich für eine Maske auf rund 50 Cent und die Fertigung kann mit etwas Übung in 5 Minuten erledigt werden. 

Quarantäne-Maßnahmen helfen bei der Eindämmung

Quarantäne-Maßnahmen spielen bei der Eindämmung der aktuellen Epidemie tatsächlich eine wichtige Rolle. Dies schlussfolgern die Cochrane-Autoren eines von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Auftrag gegebenen Rapid Review. Da es noch keine empirischen Studien im Kontext von COVID-19 gibt, beruht die im Schnellverfahren durchgeführte systematische Übersichtsarbeit zu weiten Teilen auf mathematischen Modellierungen, beziehungsweise auf Arbeiten zu verwandten Krankheiten wie SARS oder MERS. Trotz dieser Limitation weise die Konsistenz der 29 im Review zusammengefassten wissenschaftlichen Arbeiten  darauf hin, dass Quarantäne-Maßnahmen wichtig seien, um die weitere Ausbreitung des neuen Corona-Virus zu bremsen. Zudem seien den Studien zufolge Quarantäne-Maßnahmen um so effektiver, je früher sie starten; zudem sollte sie mit anderen Maßnahmen wie räumlicher Distanzierung oder Schulschließungen kombiniert.

Für ihren Bericht haben die Cochrane-Autoren von der Donau-Universität Krems in Niederösterreich 29 Studien ausgewertet. Zehn davon befassten sich direkt mit COVID-19, die anderen Studien lieferten indirekte Evidenz zu SARS und MERS – Krankheiten die von nahe verwandten Coronaviren ausgelöst werden. 

Antikörper-Studien sollen weitere wichtige Erkenntnisse liefern

Das Robert Koch-Institut startet bundesweite Antikörper-Studien, um herauszufinden, wie viele Menschen immun gegen das neue Coronavirus sind. „Von diesen Studien erwarten wir uns ein genaueres Bild über das SARS-CoV-2-Geschehen in Deutschland“, sagt Prof. Lothar H. Wieler, Präsident des RKI. Es ist bisher nicht bekannt, wieviele Menschen in Deutschland eine Infektion tatsächlich durchgemacht haben und damit immun sind. Die Infektion verläuft häufig mild oder sogar unbemerkt. „Die Ergebnisse der Antikörper-Studien sind von großer Bedeutung, um den Verlauf und Schwere der Pandemie genauer abschätzen und die Wirksamkeit der getroffenen Maßnahmen besser bewerten zu können“, unterstreicht Wieler. 

Eine Infektion mit SARS-CoV-2 ist in Deutschland meldepflichtig. Die offiziellen Meldezahlen spiegeln aber nur einen Teil der SARS-CoV-2-Infektionen wieder. Nicht jeder Infizierte entwickelt so starke Symptome, dass er zum Arzt geht, und nicht jeder mit Symptomen wird getestet. Mit den derzeit eingesetzten PCR-Tests lässt sich außerdem nur eine akute Infektion nachweisen: Der Test detektiert das Erbgut des Virus, meist in Rachenabstrichen. Bei Antikörper- oder serologischen Studien wird das Blut der Probanden auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 untersucht. Antikörper lassen sich frühestens ein bis zwei Wochen nach der Infektion nachweisen; entsprechende Labortests sind erst seit kurzem verfügbar. 

Das RKI startet in Kürze Untersuchungen mit Blutspendern und Menschen in einigen COVID-19-Ausbruchsgebieten. Längerfristig ist eine bundesweite repräsentative Studie geplant. Bei der Laboranalytik arbeitet das RKI eng mit dem von Prof. Christian Drosten geleiteten Institut für Virologie der Charité zusammen. 

Hilfe für Schwerkranke, Sterbende und Trauernde 

„Empfehlungen zur Unterstützung von belasteten, schwerstkranken, sterbenden und trauernden Menschen in der Corona-Pandemie aus palliativmedizinischer Perspektive“ hat die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) veröffentlicht. Damit ergänzt die wissenschaftliche Fachgesellschaft ihre bereits erschienenen Handlungsempfehlungen zur Therapie und Symptomkontrolle.

„Die Einschränkungen bei Besuchsmöglichkeiten in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sowie sämtliche Konsequenzen der Isolation der COVID-19 Patientinnen und Patienten sorgen bei vielen für erhebliche psychosoziale, aber auch spirituelle Belastungen. Das betrifft vor allem schwer Kranke und die Menschen, die ihnen nahestehen.“ erläutert DGP-Vizepräsident Urs Münch, Dipl.-Psych. und Psychoonkologe an den DRK Kliniken Berlin Westend. „Diese Empfehlungen sind notwendig gerade angesichts dessen, dass in Folge der Corona-Pandemie auch andere Begleitungs- und Unterstützungsangebote verringert oder ganz eingestellt worden sind.“

Der Verlust von körperlicher Nähe und Berührung belastet Schwerstkranke, Sterbende und ihre An- und Zugehörigen besonders. Dieser beeinträchtige den Prozess der Abschiednahme und könne den Trauerprozess erschweren, so Heidi Müller, Trauerberaterin, Trauerforscherin und Sprecherin der AG Psychosoziale und Spirituelle Versorgung der DGP. „In dieser existentiellen Krisensituation lastet die Aufgabe der psychosozialen Unterstützung der schwersterkrankten Menschen in ihrer Not und Angst somit größtenteils und zusätzlich zu allem anderen auf den Schultern der Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte vor Ort.“ betont Teresa Deffner von der DIVI, Psychologin auf der Operativen Intensivstation und der Pädiatrischen Intensivstation am Universitätsklinikum Jena, Mitautorin der Empfehlungen: „Gerade diese belasteten Teams brauchen dringend psychosoziale Unterstützung und Entlastung, um mit der Verantwortung und dem Druck zurechtzukommen, dem sie zunehmend ausgesetzt sind.“ 

Die Empfehlungen hat die DGP gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), dem Bundesverband Trauerbegleitung (BVT), der Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft (PSO) und der Deutschen Vereinigung für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen (DVSG) erstellt.