COVID-19: von drei „Immunotypen“, der Triage und sinkenden Antikörper-Titern


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

US-Forscher haben bei der SARS-CoV-2-Infektion drei unterschiedliche „Immunotypen“ identifiziert, was für die Entwicklung von maßgeschneiderten Therapien und Impfstoffen gegen COVID-19 von Bedeutung sein kann. Britische Forscher haben frühere Studien bestätigt, dass die Spiegel der Antikörper gegen das neue Corona-Virus rasch fallen, so dass kein dauerhafter Schutz vorhanden ist. Französische Ärzte haben ihren Angaben zufolge den ersten Fall einer gesicherten transplazentaren Übertragung von SARS-CoV-2 beobachtet. Wissenschaftler der Cochrane Collaboration hat aktualisierte Cochrane Reviews zu Fragestellungen herausgebracht, die für den Umgang mit COVID-19 von Bedeutung sind. Die Reviews zeigen den Autoren zufolge, dass es trotz intensiver Forschung noch erhebliche Wissenslücken bei den untersuchten Themenbereichen gibt. Ein internationales Forscherteam hat ethische Empfehlungen zur Triage von COVID-19-Erkrankten entwickelt. 

Drei Immunotypen

Die T- und B-Zellantwort auf eine SARS-CoV2-Infektion ist nach wie vor wenig bekannt. Einige Studien deuten auf eine überschießende und aggressive Immunreaktion hin, während andere auf eine Erschöpfung oder Dysfunktion der T-Zellen hinweisen. Um mehr Klarheit zu erhalten, haben US-Forschen bei 125 COVID-19-Patienten und bei gesunden Nicht-Infizierten die HD-Zytometrie (High Dimensional) für das immunologische „Profiling“ der individuellen T- und B-Zellen-Populationen eingesetzt. 

Die integrierte Analyse von ~ 200 Immunparametern und ~ 50 klinischen Merkmalen ergab bei einem Teil der Patienten die Aktivierung von T-Zell- und B-Zell-Untergruppen. Eine Untergruppe von Patienten hatte eine T-Zell-Aktivierung, die für eine akute Virusinfektion charakteristisch ist, und Plasmablasten-Reaktionen, die über 30% der zirkulierenden B-Zellen erreichten. Eine andere Untergruppe der Patienten hatte jedoch eine Lymphozyten-Aktivierung, die der von nicht infizierten Probanden entsprach.

Die Forscher konnten mit ihren umfangreichen Analysen drei „Immunotypen“ identifizieren, die mit schlechten klinischen Verläufen im Vergleich zu einer verbesserten Gesundheit assoziiert sind. Diese Immunotypen könnten ihren Angaben zufolge für das Design von Therapeutika und Impfstoffen gegen COVID-19 relevant sein, mit denen dann maßgeschneiderte Behandlungen möglich sein könnten, berichten die Forscher im Wissenschaftsmagazin „Science".

Kasuistik einer transplazentaren Übertragung von SARS-CoV-2

Französische Ärzte haben bei einem Neugeborenen eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus festgestellt, die ihrer Ansicht nach intrauterin stattgefunden hat. Dies wäre der erste dokumentierte und gesicherte Fall einer intrauterinen Übertragung von SARS-CoV-2, berichten die französischen Kollegen um die beiden Erstautoren Dr. Alexandre J. Vivanti und Dr. Christelle Vauloup-Fellous (Krankenhaus Antoine Béclère in Paris) im Fachmagazin „Nature Communications“

Es sind bereits mehrere Fallgeschichten zu Neugeborenen mit SARS-CoV-2-Infektion publiziert worden, deren Autoren nicht sicher waren, ob die Infektion intrauterin, während oder kurz nach der Entbindung stattgefunden hat. Leider bestehe in diesem aktuellen Fall kein Zweifel an der intrauterinen Übertragung, so Daniele De Luca, Ärztlicher Direktor für Pädiatrie und Neugeborenen-Intensivpflege im Krankenhaus Antoine Béclère in Paris. 

Die 23-jährige Mutter des infizierten  Neugeborenen wurde am 24. März mit Fieber und schwerem Husten ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem sie sich Ende des dritten Trimesters mit Coronavirus infiziert hatte. Sie wurde kurz nach ihrer Ankunft positiv auf SARS-CoV-2 getestet. Drei Tage nach der Aufnahme der Frau musste ein Kaiserschnitt durchgeführt werden (fetale Herzfrequenz-Messung Kategorie III). Der Apgar des Neugeborenen betrug vier. Das Baby (Geburtsgewicht 2540 Gramm) kam sofort auf eine Intensivstation und wurde dort isoliert sowie intubiert (Extubation nach sechs Stunden).

Tests mit dem Blut des Neugeborenen und der bronchoalveolären Flüssigkeit ergaben eine Infektion mit SARS-CoV-2; andere Erreger wurden ausgeschlossen. Weitere Untersuchungen ergaben den Autoren zufolge, dass sich das Virus vom Blut der Mutter in die Plazenta ausgebreitet hatte, wo es sich vermehrt und  Entzündungen verursacht hatte. Über diesen Weg habe es das noch ungeborene Kind erreicht.

Während das Baby zunächst gesund schien, wurde es am dritten Tag klinisch auffällig und entwickelte eine axiale Hypertonie und einen Opisthotonus. Der Liquor war negativ auf SARS-CoV-2. MRT-Untersuchungen am elften Tag nach der Entbindung ergaben eine bilaterale Gliose (periventrikulär und subkortikal). Da sich das Baby ohne spezielle Therapie allmählich erholte, wurden keine spezifischen Medikamente verabreicht. 18 Tage nach der Geburt konnte das Kind aus dem Krankenhaus entlassen werden. Nach Angaben der Autoren war ein etwa zwei Monate nach der Geburt durchgeführter MRT-Scan „fast normal“.

Ethische Empfehlungen zur Triage von COVID-19-Erkrankten

Ein internationales Gremium unter Leitung von Mathias Wirth, Professor für Systematische Theologie und Ethik der Universität Bern, hat Empfehlungen erarbeitet, um eine Triage von COVID-19-Erkrankten in Extremsituationen zu vermeiden. Diese Empfehlungen sollten bei einer zweiten Infektionswelle das medizinische Personal in schwierigen Entscheidungen unterstützen und eine bessere Versorgung von Erkrankten sichern, heißt es in einer Mitteilung der Universität.

Eine Triage meint hierbei die Bevorteilung einzelner COVID-19-Erkrankter gegenüber anderen je nach Dringlichkeit und Prognose. Gemeinsam mit US—amerikanischen, britischen und deutschen Wissenschaftlern (Yale University, King’s College London, Charité Berlin und dUniversitätsklinikums Essen) hat Mathias Wirth eine Stellungnahme zu diesen schwierigen Entscheiden verfasst. Die Stellungnahme wurde im „American Journal of Bioethics“ publiziert.

Die Autoren warnen in der Stellungnahme zum Beispiel davor, eine Triage verfrüht einzusetzen; denn selbst wenn die Triage gerechtigkeitsbasierte Entscheidungen in Extremsituationen erlaube, führe sie zu einer erheblichen Belastung von Betroffenen, Angehörigen und medizinischem Personal. Um sie zu umgehen, müsse alles dafür getan werden, schwer kranke Patienten in andere Kliniken ohne Versorgungsengpässe zu bringen – notfalls über Landesgrenzen hinweg.

Konkret empfehlen die Forscher für die Vorbereitung auf künftige Infektionswellen eine verstärkte regionale, nationale und sogar internationale Kooperation in der intensivmedizinischen Versorgung von COVID-19-Patienten. „Nur weil die Triage unter bestimmten Umständen gerecht ist, bedeutet dies nicht, dass sie es unter allen Umständen ist“, sagt Wirth. „Es herrscht keine echte und legitime Triage-Situation, solange andernorts Behandlungsplätze verfügbar sind.“ 

Aktualisierte Cochrane-Reviews

Cochrane-Wissenschaftler haben neue, beziehungsweise frisch aktualisierte Cochrane-Reviews zu Fragestellungen herausgebracht, die für den Umgang mit COVID-19 von Bedeutung sind. Allerdings zeigen alle drei auch, wie lückenhaft die Evidenz in allen drei Themenbereichen noch ist.

Die Themen der drei neuen bzw. aktualisierten Reviews sind: 

Plasmatherapie mit „Rekonvaleszenten-Plasma“ bei COVID-19 (erstes Update des erstmals im Mai publizierten „living systematic review“). Trotz zahlreicher neu in den Review aufgenommener Studien lässt die Evidenz aus den bis dato abgeschlossenen Studien noch keine Beurteilung von Wirksamkeit und Risiken der Plasmatherapie bei COVID-19 zu. Allerdings laufen momentan etliche weitere Studien, so dass Hoffnung besteht, dass sich die Evidenzlage in den nächsten Updates des „lebenden“, also besonders regelmäßig aktualisierten Reviews verbessern könnte. 

Klinische Zeichen und Symptome zur Erkennung von COVID-19. Die Ergebnisse dieses Reviews deuten darauf hin, dass es kein einzelnes Symptom oder klinisches Zeichen (zB. Husten, Halsschmerzen, Fieber) gibt, um eine genaue Diagnose von COVID-19 zu stellen. Ärzte stützen ihre Diagnose auf mehrere Symptome und klinische Zeichen, aber die Studien spiegelten diesen Aspekt der klinischen Praxis nicht wieder. 

Psychologische Interventionen zur Förderung der Resilienz. Dieser Review versammelt Studien zu der Frage, ob spezielle psychologische Trainings und Therapien Klinikmitarbeitern helfen können, besser mit dem durch COVID-19 verstärkten Stress umzugehen. In den Studien wurde jedoch eine Vielzahl unterschiedlicher Endpunkt-Maße und Interventionen verwendet, so dass es für die Cochrane-Autoren kaum möglich war, aus den Ergebnissen mehr als vage Hinweise auf leicht positive Effekte der Interventionen zu ziehen. 

Rasch sinkende Antikörper-Titer

Bei Patienten, die eine Infektion mit SARS-CoV-2 überstanden haben, sinkt einer britischen Studie zufolge der Spiegel der neutralisierenden Antikörper gegen das Corona-Virus innerhalb weniger Monate. Dies lässt befürchten, dass es keine lebenslange Immunität gibt. Außerdem könnte es sein, dass ein Impfschutz nur wenige Monate anhält und wiederholt in kurzen Abständen geimpft werden müsste. Wie die britischen Wissenschaftler berichteten, hatten von den Patienten mit starker Antikörper-Reaktion drei Monaten später nicht einmal 20 Prozent noch hohe Antikörper-Titer. Ähnliche Beobachtungen hatten auch schon andere Forscher gemacht. Der Beitrag der britischen Wissenschaftler ist auf einem Preprint-Server erschienen, muss also noch von anderen Forschern begutachtet werden. 

 

 

 

 

https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.07.09.20148429v1