COVID-19: Virtuelle Kongresse könnten die Teilnehmerzahlen vergrößern und die CO2-Emissionen senken


  • Editorial
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Wir danken allen Mitarbeitern im Gesundheitswesen und in anderen Branchen, die die SARS-CoV-2 Pandemie bekämpfen: Danke Ihnen allen. Einige der Veränderungen, die wir jetzt sehen, könnten von Dauer sein. Beispielsweise fragen wir uns, ob wir immer noch Kongresse brauchen, die auf der anderen Seite der Erde stattfinden.

Was passiert mit den Kongressen, die für das zweite Halbjahr 2020 geplant sind? Sie werden entweder abgesagt, verschoben, oder sie finden in virtueller Form statt.

Die Organisatoren wissenschaftlicher Kongresse haben Kongresse bis zum Sommer zumeist storniert. Einige wurden verschoben mit dem Hinweis: „Neues Datum wird bald bekannt gegeben“. Dies wirft Fragen auf:

  • Stornierung: Sollten die Kongressgebühren erstatte, oder gegen einen Gutschein für das kommende Jahr eingetauscht werden? Was geschieht mit den bereits angenommen Abstracts? Soll man sie aufheben, ‘löschen’, oder sie online stellen? Sollten die Aussteller ihre Standgebühren erstattet bekommen? Müssen die Rechnungen der Kongresszentren bezahlt werden? Was ist mit den Versicherungen?
  • Eine Verschiebung des Datums über den Sommer hinaus bedeutet, dass man Termine finden muss für einen Zeitraum, in dem die meisten Lokalitäten bereits für andere Ereignisse reserviert sind. Eine Verlagerung auf ein noch späteres Datum ist ebenfalls schwierig, denn da stehen bereits für 2021 geplante Kongresse an.
  • Eine Verschiebung bedeutet eventuell neue Fristen für die Abgabe von Abstracts – und eine Bestätigung, dass die Aussteller nicht absagen!
  • Ganz zu schweigen von Bahn- und Flugtickets sowie Hotelreservierungen durch die Teilnehmer, die ihre Kommen überdenken werden!

Einige Beispiele:

  • Die Gesellschaft für Endokrinologie hat ihren 2020er Kongress abgesagt. Sie schlägt vor, die Registrierung auf 2021 zu verschieben, die Gebühren von 2020 zu berechnen oder die bereits bezahlte Beiträge zu spenden. Alle Abstracts sollen veröffentlicht, es sei denn die Autoren widersprechen dem; es werden aber keine Poster ausgestellt.
  • Die American Society of Clinical Oncology (ASCO) mit ihren 45.000 Mitgliedern wird den für Ende Mai geplanten Kongress in Chicago nicht abhalten. Die Mitglieder wurden gebeten auf Ankündigungen zu achten, ob das Ereignis storniert oder verschoben wird, oder gar in virtueller Form stattfindet.
  • Die American Physical Society hat ihr Jahrestreffen in Denver wenige Tage vor dem geplanten Termin abgesagt. Die 11.000 Teilnehmer erhalte eine Erstattung.

Fachgesellschaften organisieren virtuelle Kongresse

  • Die American Association for Cancer Research (AACR) will ihre ursprünglich für den 27. bis 29. April geplante in San Diego geplante Tagung durch eine kostenlose, verschlankte virtuelle Konferenz am gleichen Datum zu ersetzen. Die ursprünglich geplante Konferenz wird Ende August 2020 abgehalten, das genaue Datum und der Ort wurden aber noch nicht festgesetzt. 
  • Das 27. Jahrestreffen der Cognitive Neuroscience Society, das in Boston geplant war, wurde in virtueller Form auf den 2. bis 5. Mai umgelegt. Die 3000 Mitglieder starke Gesellschaft hat bekannt gegeben, dass sie mit 1500 Teilnehmern mehr Besucher erwartet als auf ihren regulären Kongressen. In 3 Tagen sollen 50 Sitzungen übertragen und mehr als 1000 Poster präsentiert werden. Preisverleihungen und Industrieausstellungen sind ebenfalls geplant, und andere wissenschaftliche Gesellschaften werden als Partner an dem virtuellen Ereignis teilnehmen. Die Anmeldungen derjenigen, die sich bereits registriert hatten, wurden automatisch transferiert. Für Neuanmeldungen und Nicht-Mitglieder beträgt die Gebühr $ 555. Das mag für eine virtuelle Konferenz überzogen erscheinen, aber es handelt sich ja auch um ungewöhnliche Umstände. Die Organisatoren erwarten mehr Teilnehmer als ursprünglich gedacht und vor allem einen kleineren ökologischen Fußabdruck mit geringeren CO2-Emissionen.

Alle kleineren Ereignisse (solche mit weniger als 100 – 500 Teilnehmern) werden virtuell. Für Meetings dieser Größenordnung gibt es bereits qualitativ hochwertige Plattformen.

Lassen sich die großen Kongresse noch mit den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung vereinbaren?

Die Ankunft virtueller Kongresse, angeschoben durch COVID-19, fällt in einer Zeit, wo sich insbesondere junge Forscher Gedanken machen:

  • Ist es gerechtfertigt, mehrere Stunden zu fliegen und 3 bis 5 Tage in Honkong zu bezahlen, um einen 10-minütigen Vortrag zu halten, oder ein Poster zu präsentieren, das man ebenso gut online stellen könnte?
  • Kongresse legen mehr Wert auf die Form als auf die Substanz. Es sind Massenveranstaltungen mit speziellen Events, bei denen es auch um wirtschaftliche Erfolge geht. Regelmäßige Kongresse sind aber auch die wichtigste Einnahmequelle für die meisten Fachgesellschaften. Der wissenschaftliche Erfolg ist dagegen weniger leicht zu messen.
  • Werden die elektronischen Werkzeuge den Kontakt und die Zusammenarbeit der Forscher zu Lasten der Kongresse verändern? Während früher die Arbeiten mit großer Vorlaufzeit noch auf dem Postweg eingesandt wurden, werden die Kongressprogramme inzwischen beinahe in der letzten Minute finalisiert.
  • Verarmen die Konferenzen? Vielleicht gibt es schon zu viele Symposien, und ein Zuviel an Kommunikation. Entsteht ein Rennen um neue Einträge im Lebenslauf oder der Publikationsliste, oder werden die Forscher sogar getrieben, ihre eigene Konferenz abzuhalten?
  • Forscher erschöpfen sich beim Konferenz-Marathon und sie verzetteln sich. Dabei wäre es produktiver, im Labor zu bleiben.
  • Die großen Fachjournale berücksichtigen Abstracts von Konferenzen bei den Zitierungen nicht – aber macht sie das nutzlos? Etwa 40 bis 50 Prozent werden innerhalb von 3 – 5 Jahren nach dem Kongress doch noch als reguläre Artikel veröffentlicht.

Sollte man das Modell der klassischen wissenschaftlichen Kongresse überdenken mit dem Ziel, die globalen CO2-Emissionen zu verringern? Ich bin mir nicht sicher und würde gerne wissen, was die jungen Forscher darüber denken. An Kongressen teilzunehmen und Menschen zu treffen empfinde ich immer als nützlich, solange ich das planen kann. Bei einigen Kongressen muss ich aber auch zugeben, dass ich zum Teil auch wegen des Veranstaltungsortes teilnehme. Das wäre es wirklich schade, das nur virtuell zu erleben!