COVID-19: Virologen warnen vor dem Konzept der natürlichen Durchseuchung

  • Gesellschaft für Virologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

In einer aktuellen Stellungnahme zu einem wissenschaftlich begründeten Vorgehen gegen die Covid-19 Pandemie warnt die Gesellschaft für Virologie (GfV) davor, bei der Pandemie-Bekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel der Herdenimmunität zu setzen. Das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant, so die Virologen darunter etwa Christian Drosten (Berlin), Melanie Brinkmann (Braunschweig) und Isabella Eckerle (Genf).

In ihrer Stellungnahme erklären die Wissenschaftler, dass die wieder verstärkte Ausbreitung von SARS-CoV-2-Infektionen insbesondere auf private Veranstaltungen wie Familienfeste, Hochzeitsfeiern sowie andere Zusammenkünfte zurückzuführen sei. Obwohl sich dadurch der Großteil des Infektionsgeschehens in jüngeren Altersklassen abspiele, die von den gesundheitlichen Folgen von COVID-19 zumeist deutlich weniger betroffen seien als ältere, werde überall eine Zunahme an Hospitalisierungen und ein stetiges Vordringen der Infektionen in höhere Altersgruppen gesehen.

 

„Kontrolle über das Infektionsgeschehen könnte verloren gehen"

Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, die sie in allen Hotspots quer durch Europa feststellten, ist nach Angaben der Virologen zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren gehe. Bei Überschreiten dieses Schwellenwerts seien die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen nicht mehr realisierbar und eine unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile, einschließlich besonders vulnerabler Risikogruppen, nicht mehr adäquat zu verhindern. Es stehe zu erwarten, dass dies zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen würde, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte. Hierunter wird laut der Stellungnahme nicht nur die Behandlung von COVID-19-Patienten, sondern die gesamte medizinische Versorgung leiden.

Mit Sorge, so die Virologen weiter, nähmen sie zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemie-Bekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen. So plädierten die Unterzeichner der sogenannten Great Barrington Declaration für die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, einschließlich aller Abstandsregeln und der Maskenpflicht. Um Morbidität und Mortalität in den vulnerablen Gruppen (Ältere, Vorerkrankte) abzumildern, schlägt die Declaration besondere Schutzmaßnahmen für diese Personen vor bis hin zur Quasi-Isolierung („Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen“).

„Unkontrollierten Durchseuchung könnte in eine Katastrophe münden"

Sie lehnten diese Strategie entschieden ab, betonen die Virologen, obwohl sie „selbstverständlich die enorme Belastung der Bevölkerung durch die einschneidenden Eindämmungsmaßnahmen anerkennen“. Auch die Gesundheitsversorgung in anderen, nicht mit COVID-19 assoziierten Bereichen, leide unter den Einschränkungen zur Abmilderung der Pandemie. Dennoch seien sie überzeugt, dass die Schäden, die im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohten, „diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können“. Mit dieser Einschätzung seien sie nicht alleine: In einer Erklärung, die am 14. Oktober in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde (John Snow Memorandum), äußern zahlreiche internationale Experten ebensolche Bedenken und raten mit allem Nachdruck von der Verfolgung der propagierten Strategie der unkontrollierten Durchseuchung ab.

Mehr Todesfälle, mehr Spätschäden, weniger Lebensqualität 

Eine unkontrollierte Durchseuchung würde laut der Stellungnahme „zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, da selbst bei strenger Isolierung der Ruheständler es noch weitere Risikogruppen gibt, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt sind, um aktiv abgeschirmt werden zu können“. Ein erhöhtes Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf ergebe sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft. Eine mögliche Komplikation einer überstandenen COVID-19-Erkrankung stelle auch das sogenannte „long COVID“-Syndrom dar, das verschiedene Spätschäden an Atemwegen, Gefäßen, dem Nervensystem oder anderen Organen zusammenfasst, welche die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und vermutlich auch Lebenserwartung enorm einschränkten.

Ferner sei noch nicht zuverlässig klar, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhalte. Es werde zunehmend deutlich, dass gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschten, keine stabile Immunität verliehen.