COVID-19: Viele Neuinfektionen, ein „Superman-T-Shirt“ und neuropathologische Befunde


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften 

Die Zahl der neuen Infektionen mit SARS-CoV-2 bleiben in Deutschland weiterhin hoch. Der US-Präsident ist nach seiner Infektion mit dem neuen Coronavirus laut seinem Leibarzt nicht mehr ansteckend und plant schon für diese Tage  Wahlkampfauftritte. Die in mehreren Studien beobachteten neurologischen Symptome bei COVID-19 sind vermutlich Folge einer Immunreaktion auf das Virus. Dafür sprechen nun auch die Befunde von Hamburger Neuropathologen und anderen Wissenschaftlern. 

Weiterhin viele Neuinfektionen in Deutschland

Laut dem Robert-Koch-Institut sind innerhalb eines Tages 3483 neue Corona-Infektions-Fälle gemeldet worden. Das sind zwar weniger als die Tage zuvor, aber dennoch ist die Zahl weiterhin hoch. Außerdem ist die Zahl der Meldungen der Gesundheitsämter an Wochenenden in der Regel niedriger als an Werktagen. Seit Beginn der Corona-Krise haben sich nach RKI-Angaben mindestens 322.864 Menschen in Deutschland mit dem SARS-CoV-2 infiziert (Datenstand 11.10., 0.00 Die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit einer Infektion lag bei 9615. Das waren elf mehr als am Vortag. Immer mehr große Städte in Deutschland haben in den vergangenen Tagen gemeldet, die Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen überschritten zu haben. Dazu etwa Köln, Stuttgart, Berlin, Frankfurt a. M., Bremen und Essen.

Trump kein Übertragungsrisiko mehr für andere?

Donald Trump ist nach Angaben seiner Ärzte angeblich wieder „fit“ und nicht mehr ansteckend. Er stelle demnach „kein Übertragungsrisiko für andere mehr dar“, so Trumps Leibarzt Dr. Sean P. Conley am Samstagabend (Ortszeit). Der Präsident, der in diesen Tagen schon wieder auf Wahlkampf-Tour gehen will, könne seine freiwillige Quarantäne nun beenden. Die Informationen von Conley über den Gesundheitszustand des Präsidenten werden allerdings als recht spärlich kritisiert. Er glaube nicht, dass Trump tatsächlich schon über dem Berg sei, wird zum Beispiel der US-Infektiologe Dr. Krutika Kuppalli in der „New York Times“ zitiert. Trump sei schließlich 74 Jahre alt und übergewichtig; außerdem habe er Steroide erhalten, so dass er dadurch ein erhöhtes Risiko für andere Infektionskrankheiten als COVID-19 habe, begründet Kuppalli seine Einschätzung. 

Für fast ungläubiges Kopfschütteln hat in den USA übrigens eine weitere Nachricht zu Trump ausgelöst: Laut Medien-Berichten soll er ernsthaft erwogen haben, beim Verlassen des Krankenhauses ein „Superman-T-Shirt“ zu tragen.

Fehlgerichtete Antikörper Ursache neurologischer Symptome?

COVID-19 geht sehr häufig mit neurologischen Beschwerden einher. Wie häufig, zeigt eine aktuell publizierte Arbeit: Insgesamt beträgt die Prävalenz mehr als 80 Prozent; fast jeder dritte Patient erleidet eine Enzephalopathie. Eine kürzlich publizierte Antikörper-Studie der Arbeitsgruppe um Professor Dr. Harald Prüß von der Charité, Sprecher der DGN-Kommission Neuroimmunologie, liefert nun einen plausiblen Erklärungsansatz.. Danach binden einige SARS-CoV-2-Antikörper aus dem Blut von COVID-19-Patienten nicht nur an das Virus, um es zu neutralisieren, sondern auch an Strukturen des Gehirns und des Nervensystems. Dadurch könnten die neurologischen Beschwerden ausgelöst werden, so die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie“ in einer Mitteilung. 

Wie die neurologischen Komplikationen entstehen, die bei COVID-19-Patienten offenbar häufig sind,  wird seit einigen Monaten  schon diskutiert.  Bei einer SARS-CoV-2-Infektion werden vom Immunsystem eine Vielzahl monoklonaler Antikörper (mAbs) gegen verschiedene Strukturen des Virus gebildet. Nicht alle mAbs haben aber gleich gute „Virus-neutralisierende“ Eigenschaften. Daher ist die detaillierte Charakterisierung von Virus-neutralisierenden Antikörpern und ihren Zielantigenen (bzw. Epitopen) wichtig, um die COVID-19-Pathophysiologie genauer zu verstehen und gezielte Behandlungs- und Immunisierungsstrategien zu schaffen. In der aktuellen Studie wurden mit dem Ziel der Entwicklung einer passiven Impfung aus fast 600 humanen mAbs von zehn COVID-19-Patienten 40 stark neutralisierende Antikörper identifiziert und weiter analysiert. So konnten diese mAbs die Lungenerkrankung bei Hamstern – die wie Menschen anfällig für SARS-CoV-2 sind – bei früher Gabe nahezu vollständig verhindern. Die Forscher fanden aber auch heraus, dass es sich bei vielen mAbs um sogenannte Keimbahn-nahe Antikörper handelt, die sich in einem frühen Stadium der im Körper stattfindenden Antikörper-Auslese („Reifung“) befinden. Diese Keimbahn-nahen Antikörper haben prinzipiell die Fähigkeit, an mehr als ein spezifisches Zielantigen zu binden („Off-Target-Bindung“). Die Arbeitsgruppe zeigte tierexperimentell, dass manche dieser Keimbahn-nahen SARS-CoV-2-Antikörper tatsächlich mit Eigenantigenen verschiedener Organe reagieren, unter anderem mit Hirngewebe. Hier könnte also ein Schlüssel für den Zusammenhang von COVID-19 und neurologischen Symptomen sowie Begleit- und Folgeerkrankungen liegen.

Neuropathologen weisen Immunreaktion nach

Befunde, die für eine immunologische Ursache der neurologischen Symptome von COVID-19-Patienten sprechen, haben nun auch Wissenschaftler in einer Studie unter Leitung von Prof. Dr. Markus Glatzel, Direktor des Instituts für Neuropathologie des Hamburger Universitätsklinikums, gefunden. Untersucht wurden 43 gestorbene ID-19-Patienten. Die Ergebnisse sind  m Fachmagazin „The Lancet Neurology“  erschienen. 

Bei rund der Hälfte der untersuchten Patienten (21 von 43) haben die Forscher den SARS-CoV-2-Erreger im Gehirn entdeckt. Virusproteine konnten sowohl im Hirnstamm als auch in Nerven, die aus dem Hirnstamm entspringen, nachgewiesen werden. Die Virusmengen waren jedoch sehr gering; außerdem zeigten die Gehirne von Patienten mit den höchsten Virusmengen nicht mehr Veränderungen als solche, in denen kein Virus gefunden werden konnte. Das Forscher-Team konnte aber eine Immunreaktion (Infiltration von zytotoxischen T-Lymphozyten) in den Gehirnen der gestorbenen COVID-19-Patienten nachweisen. Glatzel und seine Kollegen schließen daraus, dass Entzündungszellen im Gehirn an der Entstehung der neurologischen Symptome beteiligt sein könnten.