COVID 19: Valide Prognosen zum Verlauf der neuen Infektionskrankheit kaum möglich


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Das neue Coronavirus bereitet Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten zunehmend Sorgen. Hauptgründe sind die noch vielen unbeantworteten Fragen zu dem Erreger und die dadurch stark eingeschränkte Möglichkeit, den weiteren Verlauf zu prognostizieren.

Sehr dynamisch und ernst zu nehmen

Laut Robert-Koch-Institut  handelt es sich „auf globaler Ebene um eine sich sehr dynamisch entwickelnde und ernst zu nehmende Situation. Für eine abschließende Beurteilung der Schwere der neuen Atemwegserkrankung liegen gegenwärtig nicht genügend Daten vor. Schwere und tödliche Krankheitsverläufe kommen bei einem Teil der Fälle vor.“ Mit einem Import von weiteren Fällen nach Deutschland müsse gerechnet werden. Auch weitere Übertragungen und Infektionsketten in Deutschland seien möglich. Gegenwärtig gebe es jedoch keinen Anhalt für eine anhaltende Viruszirkulation in Deutschland, so dass die Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland aktuell weiterhin gering bleibe. Es sei allerdings offen, ob es gelingen werde, die weltweite Ausbreitung des Erregers einzugrenzen; daher könne sich diese Einschätzung kurzfristig durch neue Erkenntnisse ändern.

Anhand der reinen Zahlen gehen Wissenschaftler nach Angaben von RKI-Präsident Prof. Dr. Lothar H. Wieler „davon aus, dass etwa 2,2 Prozent der Infizierten in China bislang verstorben sind. Das ist eine Letalität von 2,0 bis 2,2 Prozent. Die Anzahl der Verstorbenen bezogen auf die Anzahl Infizierter im Ausland liegt natürlich deutlich darunter, das heißt, hier liegen wir bei etwa bei einer Sterberate von 0,2 Prozent.“

Es sei derzeit jedoch nicht möglich, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren. Alle bekannten Prognosen beruhten natürlich auf diesen Zahlen, die mit gewissen Unschärfen verbunden seien. All diese Zahlen müssten mit Vorsicht betrachtet werden. Bisher, so Wieler, gebe es Optimismus, dass man mit dem Containment die Ausbreitung des Virus in Schach halten könne. „Wir haben die Hoffnung, dass uns das gelingt. Aber natürlich können wir das nicht versprechen.“

Mögliche Versorgungsprobleme bei einer Infektionswelle 

Sollte es in Deutschland zu einer Infektionswelle kommen, „wissen wir, was auf uns zukommt aus vergangenen Pandemien. Es wird dann schwierig, die normale Versorgung aufrechtzuerhalten“, sagte Professor Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, letzte Woche bei einer Presseveranstaltung der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina mit dem Science Media Center Germany.  Die Wartebereiche, so der Virologe weiter, seien voll. Elektive Operationen müssten vielleicht warten, „weil Intensivbetten voll sind, die eigentlich für Operationspatienten benötigt würden. Zu solchen Dingen würde es kommen. Gesundheitsämter wären vollkommen überlastet, die sind personell relativ dünn ausgestattet. Und die müssten ja dann das ganze Meldewesen im Griff behalten. Arztpraxen werden voll sein mit Patienten und normale Patienten mit anderen Erkrankungen müssten warten“.

Drosten außerdem: „Gerade jetzt, wo wir in Deutschland noch überhaupt kein Problem haben, wo wir aber schon ein bisschen projizieren können, dass es vielleicht bald eine Infektionsquelle geben könnte, sollte jeder in Deutschland mitdenken und sich einfach mal mit dieser Erkrankung befassen. Man sollte jedoch nicht sagen: Ach, die Chinesen haben das nicht richtig im Blick und da läuft auch schon wieder was falsch. Man sollte nicht immer mit dem Finger auf andere zeigen, auch nicht auf die Politik natürlich, die sicherlich immer wieder irgendwelche Dinge nicht richtig macht. Das ist der falsche Blick. Der richtige Weg zu denken ist als Einzelner: Was kann ich eigentlich heute schon über diese Erkrankung lernen? Was kann ich darüber eigentlich lesen?

Lieferengpässe bei Medikamenten?

An Brisanz könnte in den kommenden Wochen und Monaten das Problem „Lieferengpässe von Medikamenten“ gewinnen, so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn letzte Woche bei einem Sondertreffen der EU-Gesundheitsminister. „Nicht wenige Wirkstoffe für Arzneimittel bei uns in Europa kommen vor allem aus China. Es ist zu erwarten, dass mit dem Produktionsstopp, den wir an vielen Stellen in China haben, dann auch wir Probleme bei der Arzneimittelversorgung bekommen“, wird Spahn im „Morning Briefing“ des Wirtschaftsjournalisten Gabor Steingart zitiert. Gründe der Lieferengpässe sind bekannt. „Vor 20, 30 Jahren war Deutschland die Apotheke der Welt. Wir hatten eine blühende Pharma-Landschaft. Es war einer der größten Exportschlager in Deutschland, pharmazeutische Produkte herzustellen und auch zu exportieren. Das hat sich gründlich geändert“, so der Gesundheitswissenschaftler Professor Dr. Joachim Kugler (TU Dresden)in einem „Morning Briefing Podcast“ .

Kritik am Umgang der internationalen Gemeinschaft mit dem neuen Coronavirus hat laut Medienberichten WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus geäußert. Die Welt sei immer noch schlecht vorbereitet auf solche Epidemien. Es würden „Milliarden" zur Terrorbekämpfung ausgegeben, aber es werde zu wenig investiert, um auf die Gefahr durch einen Virus-Ausbruch vorbereitet zu sein“, so der WHO-Chef bei der Münchener Sicherheitskonferenz.