COVID-19 und Schwangerschaft: Gynäkologen betonen geringe Risiken


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften 

Je länger die SARS-CoV-2-Pandemie anhält, desto mehr Sorgen machen sich werdende Eltern um das Ansteckungsrisiko während und nach der Geburt. Gynäkologen betonen daher, dass Schwangere und Neugeborene nur ein niedriges Risiko für eine Infektion und schwere Krankheitsverläufe hätten. Wenn Schwangere von einer Infektion mit dem neuen Corona-Virus betroffen seien, hätten sie in der Regel nur milde Symptome. Dies gelte überhaupt für junge Menschen. Ein niedriges Risiko bedeute natürlich nicht, dass ein schwerer Verlauf vollständig auszuschließen sei, betonen der Berufsverband der Frauenärzte und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Ablehnung einer nötigen Klinik-Behandlung ein Risiko

An COVID-19 sind in sehr seltenen Fällen auch Jugendliche gestorben. Dass vor wenigen Tagen eine Wöchnerin starb, widerspricht den Gynäkologen zufolge aber nicht der mittlerweile gut begründeten Einschätzung, dass das Risiko für Schwangere und ihre Kinder gering ist. In diesem Zusammenhang sei auch wichtig zu wissen, dass die an COVID-19 gestorbene Frau sich nicht im Krankenhaus infiziert habe, sondern bereits mit einem schweren Krankheitsbild in die Klinik gekommen sei. Die Sorge vor einer erhöhten Infektionsgefahr im Krankenhaus sei unbegründet, egal ob in diesem Patienten mit einer COVID-Erkrankung behandelt würden oder nicht. Daher könnten die Geburten für Eltern ohne Infektion auch weiterhin mit dem gewünschten Geburtserlebnis stattfinden.

Eine nötige Klinikbehandlung abzulehnen, sei riskant. Bei einer vorgeburtlichen Diagnosestellung, die eine Hausgeburt als nicht geeignet erscheinen lasse oder die ohne Hebammenbetreuung stattfinden müsste, kämen völlig unnötige Geburtsrisiken unabhängig von COVID-19 zum Tragen. Dazu gehören der Mitteilung zufolge zum Beispiel unvorhersehbare Komplikationen wie Geburtsstillstand, Blutungen, Gefährdung des Kindes durch Sauerstoffmangel, die wiederum schwere Gesundheitsschäden beim Neugeborenen wie Hirnschäden, Armlähmungen, Lungenprobleme oder Knochenbrüche nach sich ziehen könnten. Bei einem gesunden Kind nach einer unauffälligen Geburt und einer gesunden Wöchnerin sei allerdings nichts gegen eine ambulante Geburt oder eine frühzeitige Entlassung nach der Entbindung einzuwenden, sofern die adäquate Nachbetreuung und Anleitung im ambulanten Bereich durch eine Hebamme gesichert sei.

Pneumonien auch ohne COVID-19 eine Gefahr

Auch Geburtshelfer der Frauenklinik am Universitätsklinikum Erlangen betonen, dass Schwangere keine besondere Risikogruppe für eine Infektion mit SARS-CoV-2 seien. Außerdem verlaufe nach der aktuellen Datenlage eine Infektion mit dem neuen Erreger SARS-CoV-2 milder als bei SARS und MERS. Allerdings könnte eine COVID-19-Erkrankung während der Schwangerschaft den Verlauf negativ beeinflussen. Dr. Florian M. Stumpfe und seine Kollegen betrachten daher die Entwicklungen bei COVID-19 auch im Hinblick auf Schwangere durchaus mit mit Sorge. Denn unabhängig von COVID-19 seien Pneumonien als wichtiger Grund für Morbidität und Mortalität schwangerer Patientinnen bekannt und stellten die wichtigste nicht geburtshilfliche Infektion während der Schwangerschaft dar. Pneumonien gingen in 25 Prozent der Fälle mit einer intensivmedizinischen Behandlung und Beatmungspflichtigkeit einher. Dabei seien virale Pneumonien im Vergleich zu bakteriellen Pneumonien mit höherer Morbidität und Mortalität assoziiert. Wichtigste Komplikationen einer während der Schwangerschaft erworbenen Pneumonie seien ein vorzeitiger Blasensprung, vorzeitige Wehentätigkeit, ein intrauteriner Fruchttod, eine intrauterine Wachstumsrestriktion und neonataler Tod 

Bei der Pandemie mit dem ersten SARS-Coronavirus in den Jahren 2002/2003 wurden Schwangerschaften unter den Infizierten nicht explizit abgefragt. Fallzahl-Schätzungen gehen allerdings von etwa 120 betroffenen Frauen aus. In einer veröffentlichten Fallserie sind demnach drei von zwölf Frauen an Lungenversagen oder einer Sepsis gestorben. Es gab mehrere Fehlgeburten, aber auch Kinder, die nach der Geburt gesund waren. Das MERS-Coronavirus kann in der Schwangerschaft ebenfalls schwere Komplikationen auslösen. Die Sterberate sei bei MERS insgesamt höher gewesen als bei SARS, berichten Stumpfe und seine Kollegen: Von elf Schwangeren aus einer Fallserie mussten sechs auf einer Intensivstation behandelt werden. Es gab drei Todesfälle bei den Müttern und drei Todesfälle bei den Kindern, die vor oder nach der Geburt auftraten.

Daten aus Wuhan und der Provinz Hubei

Erkrankungen durch SARS-CoV-2 verlaufen nach den bisherigen Daten zwar milder. Doch auch hier kann es während der Schwangerschaft zu Komplikationen kommen. Stumpfe hat hierzu die Erfahrungen aus zwei Kollektiven der Stadt Wuhan und der Provinz Hubei ausgewertet. Keine der 18 erkrankten Frauen mit COVID-19 musste beatmet werden. Alle überlebten die Erkrankung. Allerdings kam es bei fünf Frauen zu einem vorzeitigen Blasensprung; bei acht Kindern wurden mit der Kardiotokografie Störungen von Herzschlag oder Wehentätigkeit entdeckt. Bis auf zwei wurden alle Kinder per Kaiserschnitt entbunden.

Dass die Viren während der Geburt oder durch die Muttermilch auf das Kind übertragen werden, gilt den Autoren zufolge aktuell als unwahrscheinlich. Bei keinem der drei Corona-Viren sei dies bisher beobachtet worden. Aufgrund der dünnen Datenlage raten Stumpfe und seine Kollegen dennoch zur Vorsicht. Neugeborene von COVID-19-Patientinnen sollten nach der Geburt intensiv überwacht werden, damit keine Infektion übersehen wird. Zudem empfiehlt er, die Kinder von anderen Säuglingen auf Station zu isolieren. Für stillende Mütter gelten allerdings die gleichen Regeln wie für den Rest der Bevölkerung. 

Empfehlungen zum Vorgehen bei infizierten Schwangeren 

Für das Vorgehen bei infizierten Schwangeren verweisen Stumpfe und seine Kollegen auf kürzlich erschienene Übersichtsarbeiten. Danach sollten Schwangere bei Verdachtsfällen großzügig und frühzeitig isoliert werden. Zur fetalen Überwachung sollten regelmäßige CTG-Untersuchungen sowie regelmäßige Wachstums-, Doppler- und Fruchtwasser-Kontrollen zum Ausschluss einer Plazentainsuffizienz durchgeführt werden. Zum Entbindungsmodus infizierter Schwangerer könne zum aktuellen Zeitpunkt aufgrund der geringen Fallzahl keine Empfehlung ausgesprochen werden. Ob eine Infektion des Kindes im Geburtskanal erfolgen könne, gelte aktuell als unwahrscheinlich. 

Eine intrauterine Infektion sei bislang durch Virusnachweis nicht gesichert worden, berichten auch Dr. Helmut Kleinwechter (Diabetes-Schwerpunktpraxis und Schulungszentrum, Kiel) und Dr. Katharina Laubner von der Universität Freiburg in einem anderen aktuellen Beitrag. Untersucht wurden den beiden Autoren zufolge das Neugeborene, die Plazenta, die Nabelschnur, das Fruchtwasser, die Muttermilch und das Vaginalsekret; die Ergebnisse waren alle negativ. Damit gebe es auch keine Hinweise für einen Virustransfer in die Muttermilch.