COVID-19 und die Suche nach dem Heilmittel: „Better late than sorry”

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Studien und Berichte zu potenziellen Therapien gegen SARS-CoV-2 gehen im Moment besser weg als warme Semmeln. Ein ganz besonderer Verkaufsschlager waren die therapeutischen Ideen (Visionen?) des US-Präsidenten und die Reaktionen darauf. Der Tenor der Reaktionen auf die Aussagen von Trump zu Desinfektionsmitteln und UV-Strahlen dürfte bekannt sein. Dass die Trumpschen Aussagen als gefährlich, unverantwortlich oder gar schwachsinnig bezeichnet wurden, ist angesichts der Folgen , darunter auch tödliche Vergiftungen durch Bleich- und Reinigungsmittel, verständlich und auch berechtigt. 

Publizieren „auf Teufel komm raus“

Die Erregung über die Aussagen des etwas verhaltensauffälligen 73-Jährigen Präsidenten sollte aber nicht vergessen lassen, dass die Pandemie und die damit einhergehenden Ängste so einige Verrücktheiten hervorbringen. Die Wissenschaft verbiege sich in der Krise teils nach Strich und Faden, heißt es zu Recht in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ . Da würden Standards missachtet, als hätte man in der Hektik der Pandemie das Recht erworben, die für eine seriöse Selbstkontrolle nötigen Regeln außer Kraft und gleichzeitig die Nonchalance der sozialen Medien ins Werk zu setzen.

Es wird, in der Tat, publiziert „auf Teufel komm raus“. Mehr als 100 Therapie-Studien sind derzeit am Laufen, die meisten in China. Geprüft werden Wirkstoffe gegen HI-, Influenza- und andere Viren, Mittel gegen Malaria, Interleukin-6-Hemmer und das Plasma von Menschen, die COVID-19 überstanden haben und nun schützende Antikörper gegen das Virus im Blut haben. AstraZeneca hat eine Phase-3-Studie (DARE-19) mit dem Antidiabetikum Dapagliflozin  angekündigt. Geprüft werden soll der SGLT2-Inhibitor bei hospitalisierten COVID-19-Patienten, die ein erhöhtes Risiko für lebensbedrohliche Komplikationen haben. Geprüft werden - fast schon routinemäßig - auch Statine, denen ja bekanntlich pleiotrope Wirkungen zugeschrieben werden. 

Malariamittel, Interleukin-6-  und ein SGLT-2-Hemmer - und natürlich auch Statine

Für reichlich Furore gesorgt hat in den letzten Wochen - dank zweier Präsidenten -  unter anderem ein altes Malaria-Mittel. Die bisherigen Ergebnisse zu Chloroquin und Hydroxychloroquin sind allerdings nicht ganz so berauschend wie erhofft. Zudem ist, wie Kardiologen mehrfach betont haben, die Therapie nicht ganz ungefährlich, insbesondere dann nicht, wenn das Malaria-Mittel mit dem Antibiotikum Azithromycin kombiniert wird. 

In den Fokus bei COVID-19 gerückt sind auch Interleukin-6-Hemmer, weil das Zytokin Interleukin-6 bei Patienten mit sehr schweren COVID-19-Verläufen erhöht ist und hohe Blutspiegel schon früh vermuten lassen, dass eine intensivmedizinische Behandlung notwendig wird. Der Wirkmechanismus: Wird das Andocken von Interleukin-6 auf der Zelloberfläche durch einen Interleukin-6-Hemmer verhindert, entfaltet das Zytokin nicht seine volle, entzündungsfördernde Wirkung; der gefürchtete Zytokinsturm flaut ab

Zu diesen Wirkstoffen zählt etwa der Antikörper Tocilizumab des Unternehmens Roche; geprüft wird er zum Beispiel in der Phase-3-Studie COVACTA, an der auch Ärzte der LMU München beteiligt sind. „Erste publizierte Fallberichte und unsere eigenen Erfahrungen aus der Zelltherapie deuten an, dass dieser Ansatz großes Potential haben könnte“, sagt Professorin Marion Subklewe, Leiterin des CAR-T-Zellprogramms am LMU Klinikum. 

Der Roche-Antikörper ist natürlich nicht der einzige Interleukin-6-Hemmer, der bei COVID-19-Patienten auf dem Prüfstand steht. Auch mit Sarilumab vom Unternehmen Regeneron Pharmaceuticals (Sanofi) läuft bereits eine Multizenterstudie . Vor wenigen Tagen verkündete der Hersteller allerdings, dass die Phase-2/3-Studie mit Sarilumab auf Anraten des IDMC (Independent Data Monitoring Committee) nur bei den kritisch kranken COVID-19-Patienten fortgesetzt und bei den „nur“ schwer kranken Studienteilnehmern dagegen gestoppt werde. Zuviel Hoffnung wolle Regeneron laut einem Medien-Bericht  jedoch nicht machen. „Es gibt immer noch Hoffnung, dass es helfen könnte, aber bescheidener als die Menschen gehofft haben", wird  George D. Yancopoulos, Chief Medical Officer von Regeneron zitiert. „Es sieht nicht nach dem magischen Allheilmittel aus, das sich jeder für die Pandemie gewünscht hätte."

Remdesivir: der erste wirkliche „Game Changer“?

Ein „Allheilmittel“ ist sicher auch nicht jener Wirkstoff, der seit Tagen für Wirbel sorgt, sogar durch Daten, die aus internen Konferenzen des Unternehmens an die Öffentlichkeit gelangen. Die Rede ist von Remdesivir vom Unternehmen Gilead Sciences. Erst vor wenigen Wochen berichteten die Autoren einer kleinen unkontrollierten Studie des Herstellers mit 53 Patienten, dass bei zwei Drittel der hospitalisierten und schwer erkrankten Patienten unter Remdesivir innerhalb von Medianen18 Tagen eine klinische Besserung eingetreten sei ( „New England Journal of Medicine“ ). Remdesivir könnte bei COVID-19-Patienten die Standardtherapie werden, verkündete diese Woche sogar der sonst eher zurückhaltende US-amerikanische „Chef-Virologe“ Professor Anthony S. Fauci. Anlass für diese optimistische Aussage des Direktors des „National Institute of Allergy and Infectious“ waren die vorläufigen Ergebnisse einer staatlich finanzierten placebo-kontrollierten Studie (ACTT: Adaptive COVID-19 Treatment Trial) mit 1063 COVID-19-Patienten. Den vorläufigen Ergebnissen der noch unveröffentlichten und ungeprüften Studie zufolge kann Remdesivir die Genesung von COVID-19-Patienten beschleunigen. Laut dem  „National Institute of Allergy and Infectious“  benötigten Patienten, die Remdesivir erhielten, im Median 11 Tage bis zur Genesung, Patienten mit Placebo hingegen 15 Tage. Dieses Ergebnis war statistisch signifikant (p

Weniger optimistisch stimmte hingegen eine placebo-kontrollierte Studie chinesischer Wissenschaftler, die bereits das Peer-Review-Verfahren durchlaufen hatte. Hauptergebnis dieser Studie mit 237 schwer kranken COVID-19-Patienten (Sauerstoffsättigung maximal 94 Prozent bei Raumluft und radiologisch bestätigte Pneumonie) war, dass Patienten mit dem Nukleosid-Analogon zwar schneller gesund wurden, wenn sie rasch nach Beginn der Symptome behandelt wurden. Das Ergebnis war jedoch statistisch nicht signifikant. Auch bei anderen Parametern wurden keine signifikanten Vorteile der Therapie mit Remdesivir festgestellt. Allerdings sind auch diese  „Lancet“  veröffentlichten Daten für eine fundierte Beurteilung nur eingeschränkt tauglich, da die Studie vorzeitig beendet wurde und nicht die erhoffte Zahl an Teilnehmer hatte. 

Heute noch Hoffnungsträger, doch morgen schon Flop?

Kurzum: Es gibt erfreuliche Signale zu neuen Therapien. Aber als so wirklich überzeugend können die Daten alle noch nicht bezeichnet werden. Noch mangelt es an ausreichend guten Daten aus randomisierten und kontrollierten Studien. Außerdem: Selbst wenn diese Daten vorliegen und signifikant positiv sind, sollte bedacht werden, dass auch die Crème de la Crème der klinischen Studien immer Experimente sind. Und bekanntlich hat sich schon so mancher Hoffnungsträger oder potenzielle Blockbuster auch nach der Marktzulassung noch als Flop erwiesen.