COVID-19 und Antikoagulation: Retrospektive Daten-Analyse liefert Hinweise auf bessere Prognose

  • Journal of the American College of Cardiology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Gerinnungshemmer können möglicherweise die Überlebenschancen von COVID-19-Patienten verbessern, wie eine retrospektive Daten-Auswertung vermuten lässt.

Hintergrund

Es gibt inzwischen mehrere Hinweise darauf, dass Gerinnungsstörungen bei COVID-19-Patienten eine wichtige Rolle spielen könnten. So haben zum Beispiel Hamburger Rechtsmediziner bei Autopsien von COVID-19-Patienten gehäuft Thrombosen und tödliche Lungenembolien gefunden („Annals of Internal Medicine“). Auch andere Arbeitsgruppen haben einen vergleichsweise hohen Anteil von venösen und arteriellen Thrombosen bei COVID-19-Patienten beobachtet. Bereits Ende März hatte die International Society on Thrombosis and Haemostasis empfohlen, dass alle hospitalisierten COVID-19-Patienten prophylaktisch dosierte niedrig-molekulare Heparine erhalten sollten, ausgenommen Patienten mit Kontraindikationen dafür. Inzwischen liegen mehrere Stellungnahmen zur gerinnungshemmenden Therapie bei diesen Patienten vor, unter anderen ein internationales Konsens-Papier, das Mitte April im „Journal of the American College of Cardiology“ publiziert wurde (vor der Prüfung durch Gutachter). Die Autoren der vorliegenden Studien sind nun der Frage nachgegangen, ob COVID-19-Patienten von einer antikoagulatorischen Therapie profitieren. 

Design

Retrospektive Auswertung der Daten von knapp 2800 COVID-19-Patienten der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York. Als diese Patienten behandelt wurden, war die Datenlage noch relativ schlecht; nur ein Teil der Patienten (28 Prozent) in diesem Krankenhaus erhielt schon eine gerinnungshemmende oder antithrombotische Behandlung (Heparine, Apixaban und Dabigatran; Dauer: zwei bis sieben Tage). 

Hauptergebnisse

  • Die mediane Überlebenszeit betrug in der Gruppe mit Antikoagulation 21 Tage, in der Gruppe ohne 14 Tage. 
  • Mit 22,5 Prozent war die Klinik-Sterberate der Patienten mit gerinnungshemmender Therapie ein wenig geringer als die der Patienten ohne Antikoagulanzien. 
  • Deutlich war der Vorteil der gerinnungshemmenden Therapie beim Vergleich von Patienten, die maschinell beatmet wurden mit jenen ohne notwendige maschinelle Beatmung: Die Sterberate der maschinell beatmeten Patienten war mit 29,1 Prozent im Vergleich zu 62,7 Prozent deutlich geringer. Die medianen Überlebenszeiten betrugen 21 und neun Tage. Der Zusammenhang zwischen Antikoagulation und Prognose war auch nach Adjustierung für den Parameter maschinelle Beatmung vorhanden.
  • Die Daten-Auswertung ergab zudem, dass die Sterberate mit zunehmender Dauer der Antikoagulation sank. 
  • Blutungen waren bei Patienten mit Antikoagulation nur numerisch häufiger (3 Prozent versus 1,9 Prozent). Größer war die Differenz der Blutungsraten zwischen intubierten und nicht intubierten Patienten (7,5% versus 1,35%).

Klinische Bedeutung

Die retrospektive Analyse liefert weitere wichtige Daten zur gerinnnungshemmenden Behandlung von COVID-19-Patienten. Da es sich nur um eine retrospektive Daten-Analyse handelt, sind weitere Studien, insbesondere randomisierte und kontrollierte Studien zu der Frage notwendig, ob eine Antikoagulation die Prognose von COVID-19-Patienten tatsächlich verbessert. Erforderlich sind zudem weitere Daten zu unterschiedlichen Therapie-Regimen und präzisen Indikationsstellungen für die Gabe von Antikoagulanzien.

Finanzierung: National Institutes of Health.