COVID-19: Umfragen, ein Corona-Ausbruch und eine Meinung zu Remdesivir


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Die medizinische Versorgung von Menschen mit anderen Erkrankungen als COVI-19 hat laut WHO weltweit stark unter der  Pandemie gelitten. In Göttingen ist nach einem Corona-Ausbruch die Zahl der positiv auf SARS-CoV-2 getesteten Personen weiter  gestiegen. Eine internationale Umfrage bestätigt, dass eine Infektion mit dem neuen Corona-Virus den Geruchssinn beeinträchtigt. Der Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft warnt vor einer schnellen EU-Zulassung von Remdesivir.

Eine weltweite Umfrage der WHO

Die COVID-19-Pandemie hat weltweit die medizinische Versorgung von Menschen mit Erkrankungen wie Krebs, Bluthochdruck und Diabetes mellitus erheblich beeinträchtigt. Das teilt die WHO mit, die dazu im Mai eine Umfrage  in 155 Ländern gemacht hat. Besonders betroffen seien arme Länder, so die Genfer Organisation. „Viele Menschen, die eine Behandlung wegen Krankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes benötigen, haben seit Beginn der COVID-19-Pandemie nicht die Gesundheitsdienste und Medikamente erhalten, die sie benötigen. Länder müssen innovative Lösungen finden, um während des Kampfes gegen COVID-19 die wichtigen Gesundheitsdienste auch bei nicht übertragbaren Krankheiten aufrechtzuerhalten", sagte gestern WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Der Umfrage zufolge mussten 31 Prozent der Länder die Versorgung bei akuten Herz-Kreislauf-Problemen einschränken oder ganz unterbrechen. 42 Prozent beschnitten die Versorgung bei Krebspatienten, 49 Prozent bei Diabetes-Patienten und mehr als die Hälfte konnte die Versorgung bei Menschen mit Bluthochdruck nicht wie sonst aufrechterhalten. Reha-Programme wurden in 63 Prozent der Länder zurückgefahren. Vorsorgeprogramme, etwa zur Erkennung von Brustkrebs, waren auch betroffen.

Corona-Ausbruch in Göttingen

Nach dem Corona-Ausbruch in Göttingen im Zusammenhang mit mehreren privaten Familienfeiern sind 36 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Zahl der Infizierten könne aber noch weiter steigen, sagte Sozialdezernentin Petra Broistedt am Montag dem Radiosender NDR 1 Niedersachsen.  Ein 67-jähriger Mann müsse beatmet werden. Die anderen Betroffenen seien symptomfrei, so Broistedt. Insgesamt sind 310 Kontaktpersonen identifiziert worden, 170 davon in Stadt und Landkreis Göttingen, 140 weitere in anderen Kreisen. Die von dem Ausbruch Betroffenen sind nach Angaben der Stadt zum größten Teil Mitglieder verschiedener Großfamilien. Die Menschen hätten sich wahrscheinlich am vergangenen Wochenende bei mehreren größeren privaten Feiern angesteckt, teilte die Stadt mit. Sie stammten aus Göttingen und der Umgebung.

Befragung belegt Zusammenhang von Corona und gestörtem Geruchssinns

Eine international Befragung bestätigt, dass eine Infektion zu einer Störung des Geruchssinns führen kann. Das Virus greife offenbar Zellen des Riechepithels an und sorge für einen Ausfall der Rezeptoren, teilte das an der Analyse beteiligte Universitätsklinikum Dresden gestern mit. Da sich die Zellen regelmäßig erneuern, klingt die Geruchsstörung bei vielen Betroffenen auch wieder ab. Das Phänomen gehe - anders als etwa bei einem grippalen Infekt - nicht mit einer nasalen Obstruktion einher. Die Ergebnisse resultieren aus einer Onlinebefragung und basieren auf Beiträgen von rund 2900 Frauen und 1100 Männern (Alter 19 bis 79 Jahre) mit einer Infektion durch das neue Corona-Virus. Die Befunde sind bislang erst auf einem Preprint-Server  erschienen; eine gutachterliche Prüfung hat noch nicht stattgefunden. Dass viele Patienten vermeintlich auch über eine veränderte Geschmackswahrnehmung berichten, könnte laut Thomas Hummel, Leiter des  Zentrums „Riechen und Schmecken“ an der HNO-Klinik des Dresdner Uniklinikums, ein Interpretationsfehler sein. Die meisten Patienten könnten bisherigen Erkenntnissen zufolge die vier Geschmacksrichtungen süß, sauer, bitter und salzig weiter einigermaßen zuverlässig unterscheiden. Was sie vermissten, seien die Aromen der Lebensmittel. Um diese zu erkennen, brauche es das Zusammenspiel mit dem Geruchssinn.

Schnelle Remdesivir-Zulassung sinnvoll?

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission Professor Wolf-Dieter Ludwig warnt vor einer baldigen Zulassung des Medikaments Remdesivir. Der Kölner Infektiologe Professor Gerd Fätkenheuer würde im Gegensatz zu dem Berliner Onkologen laut NDR  eine schnelle EU-Zulassung begrüßen.

„Wir wissen noch viel zu wenig über die Nebenwirkungen",  wird Ludwig in dem NDR-Beitrag zitiert. Und: „Das einzige, was Remdesivir bisher gezeigt hat, ist, dass es die Krankheitsdauer um vier Tage verkürzt. Aber das Mindeste müsste doch sein, dass die Patienten, die es rechtzeitig bekommen, weniger schwer krank werden."

Anfang vergangener Woche habe der Chef der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, Guido Rasi, erklärt, dass seine Behörde „in den kommenden Tagen" eine bedingte Marktzulassung für Remdesivir in Europa erteilen könne. Auf NDR-Nachfrage habe die EMA jetzt aber eingeräumt, dass der Hersteller von Remdesivir bisher noch keinen Antrag auf Zulassung eingereicht habe. Man erwarte aber, dass der Antrag in Kürze eintreffen werde. Die EMA werde dann Nutzen und Risiken des Medikaments „nach einem Zeitplan beurteilen, der auf das absolute Minimum reduziert ist", habe eine Sprecherin auf Anfrage mitgeteilt. Der Chef der deutschen Arzneimittelkommission kritisiere dieses Vorgehen: „Ich hätte mich gefreut, wenn man noch gezögert und abgewartet hätte, bis man im Sommer erste Ergebnisse aus großen Studien gehabt hätte", so Ludwig. Er glaube, es sei einfach zu früh für diese Zulassung in Europa. Laut Ludwig würden derzeit „wichtige Studienstandards überhaupt nicht eingehalten".

Anders als der Onkologe Ludwig würde der Leiter der Infektiologie an der Universitätsklinik Köln, Gerd Fätkenheuer, dem NDR-Beitrag zufolge eine schnelle Zulassung von Remdesivir begrüßen. Fätkenheuer war an der Studie beteiligt, die gezeigt hat, dass einige Erkrankte, die das Medikament bekamen, schneller wieder gesund wurden. In der Studie wurde, wie berichtet,  der Krankheitsverlauf von mehr als 1000 Covid-19-Patienten untersucht. Etwa die Hälfte von ihnen bekam das Medikament, die andere erhielt ein Placebo.

Sondergenehmigung der FDA

Von der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde (FDA) hat Remdesivir bereits  eine Sondergenehmigung  für die Anwendung bei hospitalisierten COVID-19-Patienten erhalten. Die im Eilverfahren erteilte Genehmigung basierte auf zwei Studien, die inzwischen beide im „New England Journal of Medicine“ erschienen sind. In der einen Studie , die vom Hersteller finanziert wurde, verglichen die Autoren nur zwei unterschiedliche Therapie-Regime (10 Tage Therapie versus 5 Tage). Es gab also keine Placebo-Kontrolle. Ergebnis war die Gleichwertigkeit der beiden Therapie-Regime. 

Die wichtigere, vom US-Staat finanzierte Studie , enthält eine Placebo-Kontroll-Gruppe. Erste Daten dieser noch laufenden Studie (ACCT: Adaptive COVID-19 Treatment Trial) waren schon vor der Publikation bei einer Pressekonferenz vorgestellt worden.

COVID-19-Patienten, die Remdesivir erhielten, benötigten im Median 11 Tage bis zur Genesung (Entlassung aus dem Krankenhaus), Patienten mit Placebo hingegen 15 Tage. Das errechnete Raten-Verhältnis (RR: risk ratio) für Genesung betrug 1,32 (1,12 - 1,55). Dieses Ergebnis war statistisch signifikant (p