COVID-19: Tuberkulose, das Stresshormon Cortisol und Biomarker für Hirnschäden


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Pneumologen und Tuberkulose-Spezialisten haben eine Stellungnahme zur Versorgung von Tuberkulose-Patienten während der aktuellen COVID-19-Pandemie erstellt. Hohe Cortisol-Spiegel gehen womöglich mit einer erhöhten Mortalität bei Erkrankungen durch das neue Corona-Virus einher. Schwedische Wissenschaftler haben einen möglichen Biomarker für ZNS-Schäden im Zusammenhang mit der neuen Infektionskrankheit identifiziert. 

COVID-19 und Tuberkulose

Weltweit sterben etwa 4000 Menschen trotz verfügbarer Therapie jeden Tag an Tuberkulose. In Deutschland sind die Erkrankten gut behandelbar – allerdings zögern Betroffene aufgrund der Corona-Pandemie, reguläre Versorgungstermine wahrzunehmen. Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V. (DGP) und das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose e.V. (DZK) weisen daher Tuberkulose-Patienten darauf hin, dass sie auch unter den derzeitigen Pandemie-Bedingungen ärztliche Versorgung in vollem Umfang in Anspruch nehmen können und sollen. Das DZK hat für die DGP zum Thema Tuberkulose und SARS-CoV-2 eine Stellungnahme veröffentlicht, die weitere Hinweise enthält. 

Die meisten Menschen, die sich mit SARS-CoV-2 infizieren, erkranken nicht schwer. Patienten, die sich in einer Tuberkulose-Behandlung befinden oder diese bereits überstanden haben, sind jedoch verunsichert. In Deutschland gab es im vergangenen Jahr knapp sechs Neuerkrankungen pro 100 000 Einwohnern. „Wir verfügen über gute finanzielle und strukturelle Ressourcen im Gesundheitssystem, um diese Erkrankten zu versorgen. Das sind gute Nachrichten für die Tuberkulose-Patienten hierzulande“, sagt Professor Dr. Michael Pfeifer, Präsident der DGP. „Zum Zusammenhang von Tuberkulose und SARS-CoV-2 beziehungsweise COVID-19 sind bisher jedoch nur wenige wissenschaftliche Daten vorhanden. Wir können daher zum jetzigen Zeitpunkt zusätzliche Risiken durch eine Tuberkulose-Erkrankung für einen schweren COVID-19-Verlauf weder belegen noch ausschließen.“

„Vermutlich ist nach einer erfolgreich behandelten Tuberkulose ohne resultierende Folgeschäden weder die Wahrscheinlichkeit erhöht, eine SARS-CoV-2-Infektion zu bekommen, noch einen schweren Verlauf zu entwickeln“, so Professor Dr. med. Torsten Bauer, stellvertretender Präsident der DGP und Generalsekretär des DZK. „Sollte eine Folgeerkrankung der Lunge entstanden sein – beispielsweise eine COPD –, so können die Risiken für einen schwereren Verlauf im Fall einer SARS-CoV-2 Infektion erhöht sein“. Einflussfaktoren wie zusätzliche Erkrankungen oder das Alter spielen für das Risiko ebenfalls eine entscheidende Rolle. Aufgrund der guten Therapiebedingungen in Deutschland ist jedoch davon auszugehen, dass die meisten Patienten die Tuberkulose-Erkrankung gut überstehen und somit kein erhöhtes Risiko aufweisen.

Hohe Cortisol-Spiegel mit erhöhtem Sterberisiko bei COVID-19 verbunden

COVID-19-Patienten mit extrem hohen Cortisol-Konzentrationen im Blut sind einer Beobachtungsstudie von britischen Forschern zufolge besonders gefährdet, sich klinisch rasch zu verschlechtern und zu sterben.

Die Studie von Professor Waljit Dhillo vom Imperial College London und seinen Kollegen liefert nach Angaben der Autoren die ersten Daten, die zeigen, dass der Cortisol-Spiegel ein prognostischer Marker bei COVID-19 sein kann. Die Forscher schlagen daher vor, mit diesem Marker diejenigen Patienten zu identifizieren, die mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Intensivpflege benötigen („The Lancet Diabetes & Endocrinology). 

In der Beobachtungsstudie mit 535 Patienten, von denen 403 COVID-19 hatten, waren die Cortisol-Spiegel bei Patienten mit COVID-19 signifikant höher als bei Patienten ohne. Die Werte in der COVID-19-Gruppe lagen bei 3241 nm/l.

COVID-19-Patienten mit einem Cortisol-Ausgangswert von maximal 744 nm/l überlebten durchschnittlich 36 Tage, Patienten mit Werten über 744 dagegen nur 15 Tage. Dhillo, Leiter der Abteilung für Diabetes, Endokrinologie und Stoffwechsel am Imperial College London: „Aus Sicht eines Endokrinologen ist es sinnvoll, dass die COVID-19-Patienten, die am schwersten krank sind, einen höheren Cortisol-Spiegel haben, aber dieser Spiegel ist besorgniserregend hoch.“

Neurochemische Hinweise auf ZNS-Schäden bei COVID-19

Manche Patienten, die wegen COVID-19 in einem Krankenhaus behandelt werden, weisen klinische und neurochemische Zeichen einer Hirnschädigung auf. Dies zeigt eine Studie der Universität Göteborg („Neurology). In einem Projekt an der Sahlgrenska-Akademie der Universität Göteborg wurden 47 COVID-19-Patienten mit leichter, mittelschwerer und schwerem Krankheitsverlauf Blutproben entnommen. Diese Proben wurden auf Biomarker für Hirnschäden analysiert. Die Ergebnisse wurden mit denen einer gesunden Kontroll-Gruppe (n = 33 ) verglichen.

Den Autoren zufolge stellten sie bereits bei moderater Erkrankung einen Anstieg des Markers saures Glia-Fibrillen-Protein fest, das normalerweise in Astrozyten vorhanden ist. Der zweite untersuchte Biomarker war das NfL-Protein (Neurofilament Light Chain Protein). Erhöhte Plasma-NfL-Konzentrationen wurden bei den meisten Patienten gefunden, die beatmet werden mussten. Zudem gab es eine deutliche Korrelation zwischen einem Anstieg des Markers und der COVID-19-Schwere.

„Insbesondere der Anstieg der NfL-Spiegel im Laufe der Zeit ist größer als in Studien auf der Intensivstation. Dies deutet darauf hin, dass COVID-19 tatsächlich direkt zu einer Hirnverletzung führen kann. Ob dies durch das Virus oder das Immunsystem verursacht wird, ist derzeit unklar, und es sind weitere Untersuchungen erforderlich“, so der Neurochemiker Professor Henrik Zetterberg, dessen Forschungsteam an der Sahlgrenska-Akademie die Messungen durchgeführt hat.

Nach Angaben von Professor Magnus Gisslén, Infektiologe am Universitätsklinikum Sahlgrenska, könnten Blutuntersuchungen auf solche Biomarker dazu genutzt werden, Hirnschäden bei COVID-19-Patienten frühzeitig zu erkennen und eine Progression zu bremsen. Gisslén: „Es wäre nun sehr interessant zu sehen, ob der NfL-Anstieg durch Therapien wie die jetzt vorgeschlagene Dexamethason-Behandlung verlangsamt werden kann.“