COVID-19: Risiken für Infektion und schwere Verläufe sind blutgruppenabhängig

  • Blood Advances

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Menschen mit Blutgruppe 0 infizieren sich seltener mit SARS-CoV-2 als Menschen mit anderen Blutgruppen. Außerdem entwickeln sich bei COVID-19-Kranken mit Blutgruppe 0, aber auch bei Blutgruppe B seltener schwere Schäden an Lunge und Niere. COVID-Patienten mit diesen beiden Blutgruppen müssen daher auch weniger häufig invasiv beatmet und dialysiert werden als Patienten mit Blutgruppe A oder AB.

Hintergrund
Aus früheren, meist kleineren Studien gab es bereits Hinweise, dass das Risiko für eine SARS-CoV-2-Infektion für die verschiedenen Blutgruppen unterschiedlich sein könnte. Vor allem Menschen mit Blutgruppe 0 schienen sich seltener mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren als Kohorten mit anderen Blutgruppen. Erklären könnten dies unter anderem Ergebnisse von in-vitro-Versuchen: Die Anti-A-Antikörper, die sich bei Blutgruppe 0 oder B bilden, antagonisieren die Wechselwirkung zwischen SARS-CoV-1 und dem ACE2-Rezeptor. Der ACE2-Rezeptor ist auch bei SARS-CoV-2 das „Einstiegs“-Protein, über welches die Viren in die Wirtszellen gelangen. In einer großen Registerstudie aus Dänemark und einer Kohortenanalyse aus Kanada sind deshalb Infektionsraten und die Verteilung schwerer COVID-19-Erkrankungen auf die verschiedenen Blutgruppen untersucht worden.

Design

  • Retrospektive Kohortenanalyse auf Basis von 841.327 Personen, die in Dänemark mit PCR auf SARS-CoV-2 getestet worden sind (1)
    • Ausgewertet wurden die Testergebnisse von Personen, von denen die Blutgruppe und der Rhesusfaktor-Status bekannt waren (473.654 Personen; 56 %)
    • Als Referenz für die Blutgruppenverteilung in der getesteten Population dienten die Daten zur Blutgruppenverteilung unter 2.204.742 nicht getesteten Personen
    • Primärer Endpunkt waren der Status von ABO/RhD und das SARS-CoV-2-Testergebnis
  • Multizentrische retrospektive Analyse an 6 Krankenhäusern in Vancouver, in denen 95 schwerkranke COVID-19-Patienten zwischen Mitte Februar und Ende April behandelt wurden (2)
    • Gesucht wurde nach potenziellen Assoziationen zwischen den Blutgruppen der Patienten, den Krankheitsverläufen und Unterschieden in den Biomarkern für Organfunktionsstörungen.

Hauptergebnisse

  • Die dänische Kohorten- und Registeranalyse ergab, dass Menschen mit Blutgruppe 0 ein um 13 % niedrigeres Risiko haben, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, als Menschen mit anderen Blutgruppen (Hazard Ratio für Infektion: 0,87).
  • Assoziationen zwischen dem Verlauf einer COVID-19-Erkrankung mit den Blutgruppen fand die kanadische Multizenterstudie: Bei COVID-19-Kranken mit den Blutgruppen A oder AB war der Anteil mit schwerem Verlauf und künstlicher Beatmung signifkant höher als bei Patienten mit Blutgruppe 0 oder B (p = 0,02). Dies galt auch nach Adjustierung für alle potenziell relevanten Parameter wie Alter, Geschlecht und Komorbitäten.
  • Die durchschnittliche Dauer der Behandlung auf einer Intensivstation war bei Blutgruppe-A oder -AB-Patienten länger als bei Patienten der beiden anderen Blutgruppen
  • COVID-Patienten mit den Blutgruppen A oder AB mussten häufiger im Zusammenhang mit dieser Infektion wegen akuten Nierenversagens dialysiert werden
  • Inflammatorische Parameter differierten nicht signifikant zwischen den Patienten der verschiedenen Blutgruppen.

Klinische Bedeutung
Die Studienergebnisse geben nach Meinung der Autoren Anlass, die Bedeutung der Blutgruppen für die Risiken durch SARS-CoV-2 intensiver zu erforschen. Ein Grund für einen möglichen Einfluss der Blutgruppe auf den Verlauf einer COVID-Erkrankung könne sein, dass Menschen mit Blutgruppe 0 seltener Thrombosen entwickeln als Menschen mit einer der anderen Blutgruppen und die Thrombosebildung ein wesentlicher pathogener Faktor bei COVID-19 ist. Es sei aber zu früh, um aus den Studien nun unmittelbar Folgen für die klinische Praxis abzuleiten.

Finanzierung: öffentliche Mittel