COVID-19: noch mehr Neuinfektionen, ein angebliches „Vermummungsgebot“ und erneut Hamsterkäufe


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Angesichts einer weiter zunehmenden Zahl an Neuinfektionen spricht der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler von einer sehr ernsten Situation. Einen Anlass zu einem Strategie-Wechsel gebe es jedoch nicht. Heftige Kritik gab es in diesen Tagen an der propagierten Strategie einiger Wissenschaftler, die Pandemie durch eine natürliche Durchsuchung der Bevölkerung zu bekämpfen. Karl Lauterbach hält eine Äußerung des Bundesärztekammer-Präsidenten für einen Rücktrittsgrund. Und dem Statistischen Bundesamt zufolge haben einige Bundesbürger bereits wieder angefangen, bestimmte Hygiene- und Lebensmittel zu hamstern; insbesondere Toilettenpapier scheint erneut besonders reizvoll zu sein.

Die Lage: sehr ernst, aber nicht chancenlos

In Deutschland ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen weiter deutlich gestiegen – und zwar auf über 11.000 Die Situation sei insgesamt sehr ernst geworden, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler bei einem Pressebriefing (siehe hierzu auch den ausführlichen Bericht zu der Veranstaltung). „Dennoch haben wir die Chance, die Ausbreitung des Virus einzudämmen." Dazu müsse sich jeder weiterhin an die AHA+L-Regeln halten. Dennoch müssten wir damit rechnen, dass sich das Virus in Deutschland unkontrolliert ausbreiten könne, sagte er. Bislang sehe man viele mildere Fälle in der jungen Bevölkerung. Aber auch der Anteil von Infektionen bei über 60 Jahre alten Menschen steige wieder. Es müsse daher davon ausgegangen werden, dass auch die schweren Verläufe sowie die Zahl der Toten wieder zunähmen.

Es gebe keinen Anlass, die bisherige Strategie gegen die Virus-Pandemie zu wechseln, sagte Wieler. Bereits seit dem Frühjahr bestehe diese in den drei Elementen Eindämmung, Schutz und Milderung. Eindämmung bedeute, neue Fälle zu verhindern. Mit Schutz sei der Schutz der gefährdeten Gruppen gemeint. „Und Milderung bezeichnet die Abmilderung der Pandemie", sagte Wieler. „Alle drei Elemente greifen ineinander und sind erfolgreiche Pfeiler in der Pandemie.“

Kritik an der Strategie der Bundesregierung

Kritik an der Strategie der Bundesregierung hat unter anderen kürzlich der ehemalige Direktor des Influenza-Programms der WHO und frühere Leiter der Novartis-Impfstoffforschung Klaus Stöhr geäußert. In einem Interview empfahl der Epidemiologe Schweden als Vorbild. Eine ungehemmte Durchseuchung könne und dürfe selbstverständlich nicht das Ziel sein, erklärte Stöhr. Aber das sei auch nicht der schwedische Ansatz; leider werde das immer falsch verstanden und dargestellt. In Schweden sei erkannt worden, „dass man mit dem Virus leben muss. Deswegen wurden schon zu Beginn langfristig durchhaltbare Maßnahmen gesucht, um damit dauerhaft Schadensminimierung zu erreichen“. Der schwedische Ansatz, so der Epidemiologe weiter, unterscheide sich nicht so sehr vom deutschen, außer dass man verstanden habe, wie wichtig es für das öffentliche Leben sei, die Schulen und Kitas offen zu halten. Seiner Ansicht nach hätte man im Mai, „nachdem sich die Fallzahlen stabilisiert hatten, Schulen und Kitas wieder öffnen können. Das hätte Gesellschaft und Wirtschaft entlastet. Zugleich hätte man die Arbeit der Gesundheitsämter bei der Nachverfolgung anpassen und Ressourcen für die Beratung der Pflegeeinrichtungen schaffen können“. Stattdessen mache man die Schärfe der Maßnahmen auch jetzt noch immer nur an der Zahl der Infektionen pro Tag fest.

„Unethisch, hochriskant und völliger Unsinn“

Die Unterzeichner der sogenannten „Great Barrington Declaration“ fordern sogar die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, einschließlich aller Abstandsregeln und der Maskenpflicht. Um Morbidität und Mortalität in den vulnerablen Gruppen (Ältere, Vorerkrankte) zumildern, schlägt die Declaration besondere Schutzmaßnahmen für diese Personen vor bis hin zur Quasi-Isolierung („Menschen im Ruhestand, die zu Hause wohnen, sollten sich Lebensmittel und andere wichtige Dinge nach Hause liefern lassen“). 

Heftige Kritik an den Empfehlungen der Unterzeichner, zu denen auch deutsche Wissenschaftler und Ärzte gehören, hat, wie berichtet, die Gesellschaft für Virologie (GfV) geäußert. In einer aktuellen Stellungnahme warnen die Virologen davor, bei der Pandemie-Bekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel der Herdenimmunität zu setzen. Das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant, so die Virologen darunter etwa Christian Drosten (Berlin) und Melanie Brinkmann (Braunschweig). Mit ihrer Einschätzung seien sie auch nicht alleine: In einer Erklärung, die in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde („John Snow Memorandum“), äußern zahlreiche internationale Experten ebensolche Bedenken und raten mit allem Nachdruck von der propagierten Strategie der unkontrollierten Durchseuchung ab. Als unwissenschaftlich, gefährlich und „völligen Unsinn“ hat diese Strategie laut „New York Times“ auch der US-amerikanische Immunologe und Trump-Berater Anthony Fauci kritisiert.

Ein mögliches Problem für Impfstoffe: Adipositas

Große Hoffnungen ruhen darauf, dass bald genügend wirksame und sichere Impfstoffe zu Verfügung stehen. Auf dem Weg dahin sind allerdings noch einige Hürden zu überwinden: So könnte es einem „Nature“-Beitrag zufolge sein, dass Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 bei adipösen Menschen, die als Risiko-Patienten für COVID-19 gelten, nicht so effizient sind. Adipositas kann mit einem chronischen Entzündungszustand einhergehen, der die Immunreaktion auf das Virus beeinträchtigt. Dass Impfstoffe bei stark übergewichtigen Menschen weniger gut wirken als bei Normalgewichtigen haben zum Beispiel Studien mit Impfstoffen gegen Influenza-, Hepatitis-B- und Tollwut-Viren gezeigt. Eine mögliche Lösung des Problems ist eine höhere Impfstoff-Dosis.

Maskenpflicht gleich „Vermummungsgebot“?

Der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, zweifelt wohl am Nutzen von Alltagsmasken bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Er sei von den Alltagsmasken nicht überzeugt, „weil es auch keine tatsächliche wissenschaftliche Evidenz darüber gibt, dass die tatsächlich hilfreich sind", sagte er am Mittwoch in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz". Im Zusammenhang mit der Maskenpflicht sprach Reinhardt an einer Stelle sogar von einem „Vermummungsgebot“. Diese Gleichsetzung von Maskenpflicht zum Schutz vor einer tödlichen Viruserkrankung „ist für den ranghöchsten deutschen Ärztefunktionär unentschuldbar“, kommentierte SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach: Für ihn sei das ein Rücktrittsgrund, wenn Reinhardt seine Aussage nicht sofort zurücknehme, „twitterte“ Lauterbach.

Wieder besonders begehrt: Toilettenpapier und Mehl

In Deutschland wird offenbar tatsächlich wieder gehamstert – besonders begehrt ist erneut Toilettenpapier. So war laut Statistischem Bundesamts der Absatz von Toilettenpapier in der vorigen Woche fast doppelt so hoch (plus 89,9 Prozent) wie im Durchschnitt der Monate August 2019 bis Januar 2020. Auch die Nachfrage nach Mehl (plus 28,4 Prozent) und Hefe (plus 34,8 Prozent) sei wieder deutlich gestiegen. „Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund, zusätzliche Vorräte anzulegen", so in der „Zeit“ der Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH), Christian Böttcher. Die Warenversorgung sei stabil. Lagerbestände seien ausreichend vorhanden. Und „wenn jeder nur das kauft, was er braucht, ist auch genug für alle da.“