COVID-19: Neues zu Chloroquin, dauerhafter Immunität und zur Resilienz alter Menschen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Chloroquin verhindert nicht, dass SARS-CoV-2 humane Lungenzellen infiziert. Rasch sinkende Antikörper-Titel bei genesenen COVID-19-Patienten bedeuten nicht automatisch einen Verlust an Immunität. Ältere Menschen in Deutschland haben sich in der Lockdown-Phase als psychisch unerwartet stabil erwiesen

Malaria-Mittel nur zell-spezifisch wirksam

Chloroquin, das nachweislich die SARS-CoV-2-Infektion von Nierenzellen von Grünen Meerkatzen hemmt, ist nicht in der Lage ist, eine Infektion von menschlichen Lungenzellen mit dem neuen Corona-Virus zu verhindern. Chloroquin werde daher die Ausbreitung des Virus in der Lunge wahrscheinlich nicht hemmen und sollte nicht für die Behandlung von COVID-19-Patienten eingesetzt werden, berichten Wissenschaftler der Abteilung Infektionsbiologie des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen (DPZ), der Charité und der Universität Bonn im Fachmagazin „Nature“

Einer Mitteilung des DPZ zufolge ist bekannt, dass SARS-CoV-2 in der Lage ist, verschiedene Eintrittswege in die Wirtzellen zu nutzen. Einerseits kann das Virus nach Anlagerung an die Zellen direkt mit der Membran verschmelzen und sein Erbgut in die Wirtszelle einschleusen, andererseits kann es durch Einstülpung der Wirtszellmembran und Abschnürung von Transportstrukturen, sogenannte Endosomen, ins Innere der Zellen gelangen. In beiden Fällen wird die Anheftung des Virus an die Zellen und der nachfolgende Eintritt durch das Spike-Protein des Virus vermittelt. Dazu muss das Spike-Protein entweder durch das Enzym Cathepsin L (in Endosomen) oder durch das Enzym TMPRSS2 (an der Zelloberfläche) aktiviert werden. Je nach Zelltyp können beide Enzyme oder nur eines von ihnen zur Aktivierung zur Verfügung stehen. 

Da Chloroquin die Infektion von Affen-Nierenzellen mit SARS-CoV-2 hemmt, wurde Chloroquin als möglicher Kandidat für die Behandlung von COVID-19-Patienten in klinischen Studien getestet. Wie Chloroquin die Infektion der Affen-Nierenzellen hemmt, war jedoch unklar. Die aktuelle Studie zeigt, dass Chloroquin den Virus-Eintritt in diese Zellen wahrscheinlich durch die Hemmung von Cathepsin L verhindert. Dies warf die Frage auf, ob Chloroquin auch die Infektion von Lungenzellen hemmt, von denen bekannt ist, dass sie zwar TMPRSS2, aber nur wenig Cathepsin L produzieren.

„Wir konnten in dieser Studie zeigen, dass Chloroquin nur Zelltyp-spezifisch wirkt und die Infektion von Lungenzellen nicht blockiert. Das bedeutet, dass bei künftigen Testungen von potentiellen COVID-19-Medikamenten von Anfang an darauf geachtet werden sollte, dass relevante Zelllinien für die Untersuchungen eingesetzt werden, um nicht unnötig Zeit zu verlieren und möglichst schnell wirksame Therapeutika zu identifizieren“, sagt Professor Stefan Pöhlmann, Leiter der Abteilung Infektionsbiologie am DPZ.

Rasch sinkende Antikörper nur ein Teil der „Wirklichkeit“

In mehreren Studien mit genesenen COVID-19-Patienten sind schnell abnehmende Antikörper-Konzentrationen im Blut gemessen worden. Ein aktuelles Beispiel ist eine Studie von US-Forschern, über die sie am Dienstag dieser Woche im „New England Journal of Medicine berichtet haben. An der Studie nahmen 31 Patienten teil, die von einer milden Erkrankung genesen waren (Alter im Mittel 43 Jahre, Spanne von 21 bis 68). Die erste IgG-Bestimmung erfolgte im Mittel 37 Tage nach Beginn der Symptome (Spanne 18 bis 65 Tage), die letzte Messung im Mittel 86 Tage danach (44 bis 119 Tage).

Der erste IgG-Wert betrug durchschnittlich 3,48 log10 ng/milliliter (2,52 - 4,41). Die Berechnungen ergaben eine tägliche Abnahme um 0,0083 log10 ng/ml (95% CI: −0,0115 bis −0,0050 log10 ng/ml). Dies entspreche einer Halbwertszeit von rund 73 Tagen (52 bis 120 Tage), so die US-Forscher.

Die Beobachtung sinkender Antikörper-Titer schon wenige Wochen nach durchgestandener COVID-19-Erkrankung zeige die Risiken des Konzeptes eines ‚Immunitätspasses‘ auf und unterstütze die Aufrechterhaltung der Hygiene- und Distanzregeln für alle Bevölkerungsgruppen, so Professor Dr. Mascha Binder, Direktorin der Klinik für Hämatologie und Onkologie, Universitätsklinikum Halle (Saale), kürzlich in einer Stellungnahme für das „Science Media Center zum Thema Impfstoff-Entwicklung gegen SARS-CoV-2.

Und obwohl erste Impfstudien über erfolgreiche Antikörperinduktion berichtet hätten, bleibe darüber hinaus die Sorge einer möglicherweise nur kurzlebigen B-Zell-Immunität nach einer Impfung. Nach Ansicht von Binder bedeutet dies aber nicht, dass dadurch die Hoffnung auf einen Impfstoff generell sinke, da auch noch der zweite Arm der spezifischen Immunantwort über T-Zellen zu berücksichtigen sei. Dazu sei allerdings noch eher weniger bekannt.

„Auch wenn erste Ergebnisse auf einen teilweisen Verlust von neutralisierenden Antikörpern bei COVID-19-Patienten hinweisen, heißt dies noch lange nicht, dass dies mit einem Verlust der Immunität gegenüber dem Virus einhergeht“, betont zudem der Infektiologe Prof. Dr. Clemens Wendtner (München Klinik Schwabing).  So sei bislang noch über keine eindeutige Re-Infektion von genesenen COVID-19 Patienten mit SARS-CoV-2 berichtet worden 

Ältere Menschen ertragen Lockdown besser als vermutet

Ältere Menschen bilden eine besondere Risikogruppe für schwere Verläufe von Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus. Eine repräsentative Studie der Universität Leipzig mit über 1000 Studienteilnehmern zwischen 65 und 94 Jahren zeigt nun, dass alte Menschen in Deutschland die Maßnahmen des Gesundheitsschutzes in hohem Maße unterstützen. Anders als vermutet, erwiesen sie sich im Corona-Lockdown auch als mehrheitlich psychisch stabil.

Bereits veröffentlichte internationale Studien über SARS-Virus-Ausbrüche schließen vielfach jüngere Menschen mit ein. Diese Studien zeigen klare negative psychosoziale Folgen von Isolations- und Quarantänemaßnahmen. Über die Reaktion älterer Menschen ist dagegen bisher wenig bekannt. Das veranlasste die Wissenschaftlerinnen vom Leipziger Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) eine Momentaufnahme der psychischen Gesundheit alter Menschen direkt im Lockdown zu untersuchen. Die Wissenschaftlerinnen befragten im April dieses Jahres insgesamt 1005 Personen im Alter von 65 bis 94 Jahren zu ihren persönlichen Einstellungen zur Pandemie und zu den Maßnahmen des Gesundheitsschutzes sowie zu ihrer psychosozialen Gesundheit.

Die bislang auf einem Preprint-Server publizierten Ergebnisse dieser repräsentativen Stichprobe unterschieden sich den Autorinnen zufolge nicht von den Resultaten, die man für die deutsche Allgemeinbevölkerung aus Vor-Pandemie-Zeiten kennt. Die soziale Unterstützung hingegen wurde insgesamt als besser empfunden. Dabei fühlten sich ältere Menschen, die zum Beispiel telefonisch oder virtuell in engem Austausch mit anderen Personen jenseits des eigenen Haushalts standen, besonders sozial unterstützt. Diejenigen, wo dies nur partiell der Fall war, wiesen mehr Stresssymptome auf. 

Mehrheitlich psychisch stabil

Prof. Dr. Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des ISAP der Medizinischen Fakultät, resümiert: „Die psychosoziale Gesundheit älterer Menschen in Deutschland erwies sich während des COVID-19-Lockdowns insgesamt überraschenderweise als wenig verändert. Es wurde eine große Akzeptanz und auch Resilienz gegenüber der herausfordernden pandemischen Situation deutlich.“ Studienkoordinatorin Dr. Susanne Röhr ergänzt: „Die älteren Menschen nahmen es dabei keineswegs auf die leichte Schulter, die Mehrheit war besorgt. 90 Prozent der Senioren waren allerdings mit den von der Regierung getroffenen Maßnahmen des Gesundheitsschutzes einverstanden und unterstützten diese. Gleichwohl erwiesen sich ältere Menschen in Deutschland im Corona-Lockdown als mehrheitlich psychisch stabil.“