COVID-19: Mutanten machen sich breit, Vorbehalte bei Impfstoffen auch


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Laut Jens Spahn beträgt in Deutschland die Prävalenz der britischen Virus-Mutante bei positiv getesteten Personen inzwischen bei 22 Prozent. Zwei Wochen zuvor habe der Anteil dem RKI zufolge noch bei knapp Prozent gelegen.  Das heißt: Trotz Lockdown hat sich der Anteil von B.1.1.7 in zwei Wochen vervierfacht. Bis zur nächsten Ministerpräsidentenkonferenz Anfang März könnte dieser Anteil auf über 80 Prozent steigen. 

Nach Angaben der WHO wurde diese besonders ansteckende Virus-Variante mittlerweile in 94 Ländern nachgewiesen. Laut Wissenschaftlern der britischen Regierung könnte die britische Variante nicht nur ansteckender sein; möglicherweise verursache sie auch schwerere und zudem eher tödliche verlaufende Erkrankungen. Die aus Südafrika stammende Virus-Variante habe sich bereits auf 46 Länder ausgebreitet, bei der zunächst in Brasilien und Japan entdeckten Mutante seien es 21 Länder. 

Impfstoff von AstraZeneca offenbar nicht sehr begehrt

Nicht aus den Schlagzeilen kommt AstraZeneca mit seinem Vektor-Impfstoff. Erst kürzlich ergab eine Umfrage „Hamburg Center for Health Economics“ dass sich bei Wahlfreiheit nur zwei Prozent der Deutschen für den Vektorimpfstoff von AstraZeneca entschieden. Aufgrund der vergleichsweise geringeren Wirksamkeit wollen sich auch Mitarbeiter in einigen Kliniken nicht mit diesem Impfstoff impfen lassen. Verstärkt wird die Skepsis und die Ablehnung dieser Vakzine durch Berichte über Nebenwirkungen. Im Saarland haben viele Bürger ihren inzwischen Impftermin abgesagt oder einen anderen Wirkstoff verlangt. In Brandenburg wurden die Bestände bislang noch nicht angerührt, in Baden-Württemberg wurden nur 0,19 Prozent der vorhandenen Impfdosen gespritzt. Und in Niedersachsen wurden an zwei Kliniken sogar Impfungen mit dem AstraZeneca-Stoff gestoppt, nachdem sich 37 von 88 Beschäftigten wegen Impfreaktionen vorübergehend krankgemeldet hatten. Die weiteren Impfungen seien daraufhin ausgesetzt worden, auch um den Betrieb nicht zu gefährden, berichtete unter anderen „Der Spiegel“. 

Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, hat diese Woche hingegen Verständnis für die Ablehnung des Impfstoffes geäußert: „Es muss eine Auswahlmöglichkeit der Impfstoffe für die Menschen geben, damit die Impfbereitschaft hoch bleibt.“ Ähnlich äußerte sich die Münchener Virologin Professor Ulrike Protzer (Direktorin des Instituts für Virologie an der TU München): „Wenn man sich die Studienlage anschaut, dann wirken die mRNA-Impfstoffe mit einer etwa 95-prozentigen Wirksamkeit, was für einen Impfstoff wirklich exzellent ist. Der AstraZeneca-Impfstoff hat eine Wirksamkeit zwischen 60 und 70 Prozent. Das ist schon deutlich weniger. Wenn ich jetzt im Gesundheitssystem arbeite und jeden Tag einem hohen Risiko ausgesetzt bin, dann möchte ich vielleicht doch lieber auf Nummer sicher gehen.“

Der Berliner Virologe Professor Christian Drosten hält dagegen grundsätzliche Bedenken gegen den AstraZeneca-Impfstoff für für unbegründet. Er sehe keine Veranlassung, das Vakzin aus schwedisch-britischer Produktion in Deutschland nicht zu spritzen, sagte er diese Woche im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ . Für überzogen hält die Kritik auch Professor Dr. Thomas Mertens, Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut. Mertens im Morning Briefing Podcast von Garbor Steingart: „Es ist aller Mühen wert, den Menschen klarzumachen, dass dieser Impfstoff sehr wohl in der Lage ist zu schützen." Keine Bedenken hat verständlicherweise auch Jens Spahn, der sich angeblich gerne sofort mit der Vakzine impfen lassen würde. Und SPD-Politiker Karl Lauterbach wird laut Medienberichten als Impfarzt nächste Woche angeblich mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden.

Neues zum Vertrag und ein Vorschlag

 Unerfreulich ist für das Unternehmen auch ein aktueller CNN-Bericht. Danach soll der Vertrag Großbritanniens mit dem Impfstoff-Hersteller AstraZeneca dem der Europäischen Union mit dem Unternehmen ähneln. In beiden Verträgen sei laut CNN-Bericht eine „Best efforts"-Klausel enthalten, also die Verpflichtung, sich im besten Sinne um die Einhaltung der vereinbarten Liefermengen zu bemühen. Zuvor war, wie die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet, spekuliert worden, dass diese Klausel für die Kürzungen der Lieferungen von AstraZeneca an die EU-Länder und dadurch ungleiche Verteilung verantwortlich sein könnte. Die ungleiche Versorgung Großbritanniens und der EU hatte in den vergangenen Wochen zu starken Dissonanzen zwischen den beiden Seiten geführt. 

Wegen der geringeren Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffes hat der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Professor Carsten Watzl, eine Nachimpfung mit einem anderen Impfstoff vorgeschlagen. „Man kann die Immunität, die man mit dem AstraZeneca-Impfstoff ausgelöst hat, ohne Probleme mit einem mRNA-Impfstoff später noch einmal verstärken“, so der Immunologe der TU Dortmund gestern in der „Augsburger Allgemeinen“ . Spätestens ab dem vierten Quartal gebe es mehr Impfdosen als für eine zweifache Impfung der Gesamtbevölkerung nötig wären, so Watzl. „Es wäre deshalb kein Problem, eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff nachzuholen.

Die südafrikanische Variante und die mRNA-Impfstoffe

Etwas wenig erfreulich erscheinende Nachrichten gibt es auch zu den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna.Nach vorläufigen Ergebnissen einer Labor-Studie schützt der Impfstoff womöglich doch nicht so gut wie erhofft vor der südafrikanischen Virus-Mutation. Wie Wissenschaftler in zwei Beiträgen im „New England Journal of Medicine“berichten, stellten sie in Untersuchungen mit Serum von Geimpften fest, dass die neutralisierenden Antikörper bei der südafrikanischen Virus- Mutation B.1.351 weniger effektiv waren als gegen das Wildvirus. Da es sich aber bislang nur um vorläufige Labor -Befunde handelt, sollten aus den Publikationen keine voreiligen Schlüsse gezogen werden. Denn wie bei der südafrikanischen Variante die gesamte Immunreaktion von Geimpften ausfällt, an der ausser Antikörpern auch T-Zellen beteiligt sind, geht aus den Labor-Untersuchungen nicht hervor.

Erfreulich ist hingegen die Tatsache, dass sich die EU 300 Millionen weitere Dosen des mRNA-Impfstoffes von Moderna gesichert habe. Man habe einen entsprechenden zweiten Liefervertrag mit dem US-Konzern genehmigt, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Laut Moderna sollen zunächst 150 Millionen dieser Impfstoff-Dosen im dritten und vierten Quartal 2021 geliefert werden. Zudem bestehe eine Option auf weitere 150 Millionen Dosen für 2022.