COVID-19: mehr Neuinfektionen, Test-Engpässe und hohe Sterberate bei beatmeten Patienten


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen hat laut Robert-Koch-Institut mit über 2000 den höchsten Wert erreicht. Unter den auf SARS-CoV-2 positiv getesteten Menschen in Deutschland befinden sich zunehmend junge Menschen. Zwei von drei COVID-19-Intensivpatienten in Deutschland müssen künstlich beatmet werden, jeder dritte stirbt, von den nicht beatmeten Intensivpatienten Covid-19 etwa jeder vierte Patient, hat eine Studie an den Helios Kliniken ergeben. Die gestiegene Zahl von Corona-Tests in Deutschland führt zu Kapazitätsproblemen, so dass von mehreren Seiten ein Ende der kostenlosen Tests bei Reiserückkehrern empfohlen wird. In der Bevölkerung wächst laut einer Umfrage die Angst vor einer Ansteckung mit dem neuen Corona-Virus.

Mehr Tests keine ausreichende Erklärung

Seit Ende Juli steigt in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 wieder an. Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen habe mit über 2000 den höchsten Wert seit Ende April erreicht, so das Robert-Koch-Institut am Samstag.  Zwar werde auch mehr getestet, aber die steigenden Fallzahlen seien derzeit nicht nur mit vermehrten Tests zu erklären, teilte das RKI mit. Die meisten Infektionen ereignen sich laut dem „Epidemiologischen Bulletin“  (Nr. 38) des RKI in Privathaushalte und in Altenheimen. Jedoch gab es bei einem Ausbruch in einem Privathaushalt im Mittel nur jeweils 3,2 Infizierte. Die zweithäufigsten Corona-Ausbrüche gehen der RKI-Analyse zufolge auf Alten- und Pflegeheime zurück. In diesen Einrichtungen steckten sich bei einem Ausbruch aber im Schnitt fast 19 Personen an (insgesamt 709 Ausbrüche). Besonders hoch ist die Ansteckungsgefahr demnach beim Ausbruch in einem Flüchtlingsheim - im Schnitt wurden 21 Fälle pro Ausbruch erfasst (insgesamt 199 Ausbrüche.

Schulen spielen der RKI-Studie zufolge bislang zumindest- keine Rolle bei den Infektionen. Die Zahl der Ausbrüche betrug 31. Das trifft auch Kindergärten zu: Die Zahl der Ausbrüche betrug 33, die Fallzahl pro Ausbruch 5,1. Auch Restaurants, Hotels oder Büros sind bislang Nebenschauplätze. Ausbrüche in der Bahn lassen sich laut RKI nur schwer ermitteln, da die Identität eines Kontaktes kaum nachvollziehbar sei. Niedrig ist die durchschnittliche Fallzahl pro Ausbruch in Justizvollzugsanstalten: 5,8 (vier Ausbrüche).

Insgesamt sind die Angaben zum Infektionsumfeld von Ausbrüchen mit Zurückhaltung zu interpretieren, betont das RKI.  Denn die Zuordnung zu einem Setting sei nicht immer eindeutig. Trotz der Vielzahl der Auswahlmöglichkeiten würden nicht alle Settings abgedeckt, in denen es zu Ausbrüchen komme. In einigen Ausbrüchen spielten auch mehrere Settings eine Rolle; es lasse sich nicht immer abgrenzen, ob z. B. die Übertragung zwischen befreundeten Kollegen im familiären Umfeld oder am Arbeitsplatz stattgefunden habe. 

Zunehmend junge Menschen betroffen

Unter den auf SARS-CoV-2 positiv getesteten Menschen in Deutschland befinden sich zunehmend junge Menschen. Ihr Anteil an den Gesamtinfektionen steigt laut einem Situationsbericht des Robert Koch-Instituts seit zwei Wochen stärker als der höherer Altersgruppen. Schon vor einigen Wochen gab es vermehrt Schlagzeilen in deutschen und internationalen Medien, dass nun vor allem Jüngere von COVID-19 betroffen seien; allerdings sieht man erst seit Kalenderwoche 32 einen echten Anstieg bei den 10- bis 30-Jährigen in Relation zu höheren Altersgruppen. Das RKI weist im Zuge der Dynamik unter den jüngeren Kindern vor allem auf Familienurlaube hin, bei 20 bis 25-Jährigen auf Vergnügungsurlaube.

Hohe Sterberate bei beatmeten Patienten

Zwei von drei COVID-19-Intensivpatienten Deutschland müssen künstlich beatmet werden. Jeder dritte beatmete Intensivpatient stirbt, von den nicht beatmeten Intensivpatienten Covid-19 etwa jeder vierte Patient. Diese Ergebnisse gehen aus einer klinischen Studie hervor, die Ärzte der Helios Kliniken und der Medizinischen Hochschule Brandenburg bereits seit Februar 2020 durchführen und die nun in der Fachzeitschrift „Clinical Microbiology and Infection“ veröffentlicht worden ist. 

Die Autoren haben die Daten von allen 1904 Patienten aus, die seit Beginn der Pandemie in den 86 Krankenhäusern der Helios Gruppe mit COVID-19 aufgenommen wurden. Die fortlaufende Studie zeichnet nicht nur die Frühphase der Pandemie nach, sondern berücksichtigt alle mit COVID-19 aufgenommenen Patienten über einen viermonatigen Zeitraum von Mitte Februar bis Mitte Juni. 

„Von allen mit einer Corona-Infektion in einem Krankenhaus aufgenommenen Patienten musste rund ein Fünftel intensivmedizinisch versorgt werden, Frauen mit 16 % deutlich seltener als Männer mit 27 %. Von den Patienten auf der Intensivstation erhielten 37 % keine Beatmung. Von den beatmeten Intensivpatienten starb ein Drittel, im Gegensatz zu nur ungefähr einem Viertel der nicht beatmeten Intensivpatienten“, erklärte Prof. Dr. Michael Hauptmann, Leiter des Instituts für Biometrie und Registerforschung der Medizinischen Hochschule Brandenburg und verantwortlich für die statistische Analyse der Studie. 

„Eine wichtige Erkenntnis aus dem so erstellten COVID-19-Register ist, dass der Krankheitsverlauf bei den in unseren Krankenhäusern aufgenommenen COVID-19-Patienten nicht weniger kritisch ist als in Ländern wie Italien, Frankreich, Großbritannien und Belgien, in denen verglichen mit der Einwohnerzahl viel mehr COVID-19-Fälle und COVID-19-bedingte Todesfälle auftraten als in Deutschland“, so Privatdozent Dr. Julius Dengler, Leiter des Helios COVID-19- Registers und Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie im Helios Klinikum Bad Saarow. 

Kapazitätsprobleme bei Tests auf SARS-CoV-2

Die gestiegene Zahl von Corona-Tests in Deutschland führt zu Kapazitätsproblemen. In der Woche vom 10. bis 16. August 2020 hätten die teilnehmenden Labore einen Rückstau von 17.142 abzuarbeitenden Proben angegeben, heißt es im aktuellen „Epidemiologischen Bulletin". 41 Labore hätten Lieferschwierigkeiten für Reagenzien genannt. Die Probleme könnten zu Verzögerungen bei der Abklärung möglicher Sars-CoV-2-Infektionen führen und damit auch bei der Einleitung von Schutzmaßnahmen durch die Gesundheitsämter.

Ende der kostenlosen Tests empfohlen

In der Diskussion um verpflichtende Corona-Tests für Reisende aus Risikogebieten haben sich mehrere Bundesländer mittelfristig für eine Kostenübernahme durch die Reisenden ausgesprochen. Die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer sagte in der ZDF-Sendung „Maybrit Illner", sie habe „großes Verständnis" für die derzeit kostenlose Verfahrensweise, weil schnelles Handeln gefordert gewesen sei. Auch andere Landespolitiker, etwa der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sowie Ministerpräsident Armin Laschet, haben sich inzwischen dafür ausgesprochen, dass die Tests für die Reiserückkehrer nicht mehr  kostenlos sind.

Für ein Ende der kostenlosen Tests an Flughäfen hat sich laut einem Bericht des „Tagesspiegels“ auch der Berliner Virologe Professor Christian Drosten in einem Brief an den Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) und die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) ausgesprochen. Nach Angaben des „Tagesspiegel“ heiße es darin, wegen der „weltweiten Kontingentierung der zwingend benötigten Reagenzien und Verbrauchsmaterialien" gingen die Kapazitäten zur Neige. 

Bei dem Schreiben handelt es sich laut dem Medien-Bericht um ein internes Schreiben der Berliner Laborleiter, das auch von Drosten unterschrieben wurde. Demnach ist die Testung von Reiserückkehrern „im Umfang der vergangenen Wochen durch die Berliner Labore nicht mehr möglich". Bereits jetzt sei „die Diagnostik im Rahmen der geplanten Testung von Pflegepersonal in Alten- und Pflegeheimen" erschwert.

ARD-Umfrage: steigende Angst vor Ansteckung 

Vor Hintergrund einer steigenden Zahl an Neuinfektionen wächst in der Bevölkerung die Angst vor einer Ansteckung, so ein Bericht von tagesschau.de". Im ARD-DeutschlandTrend äußern dem Bericht zufolge 34 Prozent sehr große oder große Sorgen, dass sie sich selbst oder Familienmitglieder mit dem Virus infizieren könnten. Das sind mehr als in den vergangenen Monaten. Am 6. August zeigten sich noch 28 Prozent besorgt.

Geringe Sorgen um die eigene Gesundheit machten sich in der aktuellen Umfrage 37 Prozent der Befragten. Weitere 29 Prozent hätten angegeben, überhaupt nicht besorgt zu sein. Auffällig sei, dass der Anteil jener, die sich geringe Sorgen machten, im Vergleich zum 6. August um 11 Prozentpunkte gesunken sei, während der Anteil jener, die sich gar keine Sorgen machten, um sechs Prozentpunkte zugenommen habe.

Um die Corona-Pandemie einzudämmen, seien sechs von zehn Deutschen dafür, die Zahl der Gäste bei privaten Feiern wieder stärker als bisher zu beschränken. 37 Prozent sähen dafür keinen Bedarf, drei Prozent hätten keine Angaben.gemacht. Unter den Befragten, die über 65 Jahre alt sind, sprechen sich 73 Prozent für eine stärkere Beschränkung aus, während bei den unter 40-Jährigen mit 49 Prozent nur knapp die Hälfte eine solche Maßnahme befürwortet. Aber nicht nur zwischen den Altersgruppen gibt es Unterschiede, die Antworten variieren auch je nach Geschlecht: Während sich von den befragten Frauen 63 Prozent für eine stärkere Beschränkung der Gästezahl aussprechen, sind es bei den Männern 57 Prozent.