COVID-19: Mehr Neuinfektionen, mehr Sorgen, etwas fragile Hoffnung


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Die Zahl der Neuinfektionen und die Sieben-Tages-Inzidenz in Deutschland steigen trotz Lockdown.  Dem Robert-Koch-Institut sind innerhalb eines Tages 7676 Corona-Neuinfektionen und 145 Todesfälle im Zusammenhang SARS-CoV-2 gemeldet worden. Am Sonntag vor einer Woche betrug die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen noch 6114 Neuinfektionen;  Todesfälle waren es 218. Die Sieben-Tage-Inzidenz betrug laut RKI am Sonntagmorgen rund 60, am Samstag lag die Inzidenz noch bei knapp 58.

Deutschland ist beim Impfen mit einer Impfquote von knapp vier Prozent - im Vergleich zu Israel oder den USA und Großbritannien - weiterhin kein Musterschüler. Die Kritik an den politisch Verantwortlichen reißt daher nicht ab: „Egal wie man es dreht oder wendet. Der mangelhafte und späte Aufbau der Impfkapazität durch die EU wird als der grösste Fehler in unserer Covid Bekämpfung in die Geschichte eingehen“, twittert zum Beispiel SPD-Gesundheitspolitiker Karl LauterbachHier bahne sich ein Desaster an, so auch Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts ( Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.). Er halte Begriffe wie „Desaster“ für unangebracht und auch für sachlich falsch, so hingegen der Berliner Ökonom Marcel Fratzscher (Humboldt-Universität). 

Deutlich reduzierte Übertragungsrate bei Biontech-Impfstoff? 

Etwas Hoffnung nähren Daten aus Israel: Laut einem Manuskript des israelischen Gesundheitsministeriums hemmt der mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer womöglich die Übertragung des Virus. Medienberichten zufolge soll er die Virus-Übertragung zu knapp 90 Prozent verhindern. Ausgewertet wurden Daten von rund 1,8 Millionen Geimpften. Die Daten müssen allerdings sehr zurückhaltend bewertet werden, da es nur ein Bericht ist und keine Studie, die bereits vollständig in einer Fachzeitschrift mit unabhängiger  wissenschaftlicher Begutachtung (Peer Review) erschienen ist. Inhalte des Manuskripts waren allerdings bereits letzten Donnerstag auf dem israelischen Internetportal ynet publiziert worden.  

Stellungnahme zur STIKO-Priorisierung der COVID-19-Impfung bei Diabetes

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören laut einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Diabetologie (AGPD) der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) nicht zur COVID-19-Risikogruppe. Deshalb befürwortet die AGPD, diese Patienten nicht zu priorisieren, da sie keinen Nachteil für junge Patienten sieht, wenn sie wie ihre Altersgenossen später geimpft werden.

Der Beschluss der STIKO zur zweiten Aktualisierung der COVID-19-Impfempfehlung sieht vor, dass Menschen mit Diabetes und einem erhöhten Blutzuckerwert (HbA1c ≥58 mmol/mol bzw. ≥7,5 %) in die Risikostufe 3 der insgesamt sechs Risikogruppen eingestuft werden. Eine Differenzierung nach Alter erfolgt in dieser Empfehlung nicht. „Hierbei handelt es sich um ein pragmatisches Vorgehen“, erklärt Professor Dr. med. Andreas Neu. 

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehörten auch dann nicht zur Risikogruppe, wenn sie einen HbA1c von mehr als 7,5% hätten, heißt es in einer Mitteilung der Fachgesellschaft.  Ungünstige Verläufe seien nur bei sehr langer Diabetesdauer und höherem Alter zu erwarten“, so Privatdozent Dr. med. Thomas Kapellen, Sprecher der AGPD. Auch aktuell gebe es keine neuen Hinweise, dass Betroffene im Kindes- und Jugendalter mit Typ-1-Diabetes Nachteile durch eine spätere Impfung hätten. „Für die Eltern ist es wichtig zu wissen, dass es keine Hinweise für eine vermehrte Aufnahme in Krankenhäusern oder gar erhöhte Sterblichkeit für Kinder mit Typ-1-im Rahmen einer COVID-19-Infektion gibt“, sagt Kapellen.

Wenn es zu einer Zulassung von COVID-19 Impfstoffen für Kinder und Jugendliche kommt, ist die Impfung für junge Menschen mit Typ-1-Diabetes genauso uneingeschränkt zu empfehlen. „Negative Folgen einer COVID-19-Impfung bei Typ-1-Diabetes sind nicht zu erwarten“,  heißt es in der Stellungnahme weiter. 

Impfung ohne Einfluss auf Fertilität

Es gibt „absolut keine Beweise" dafür, dass COVID-19-Impfstoffe die Fertilität von Frauen oder Männern beeinträchtigen könnten, erklären Autoren eines Leitfadens der „Association of Reproductive and Clinical Scientists“ und der „British Fertility Society“. Anlass des Leitfadens seien im Internet kursierende Gerüchte, wonach die Impfstoffe zum Beispiel Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit junger Frauen haben könnte, heißt es dazu im „British Medical Journal“.

Menschen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterzögen, könnten während der Behandlung geimpft werden, sollten aber angesichts der möglichen Nebenwirkungen in den wenigen Tagen nach der Impfung den Zeitpunkt überdenken. „Es kann sinnvoll sein, den Zeitpunkt der Impfung um einige Tage von einigen Behandlungsverfahren (z. B. Eizellentnahme bei IVF) zu trennen, damit etwaige Symptome, wie z. B. Fieber, korrekt auf den Impfstoff oder das Behandlungsverfahren zurückgeführt werden können", heißt es in dem Leitfaden.

Häufig kardiale Schäden

Etwa die Hälfte der  Patienten, die mit einer schwerem COVID-19-Verlauf ins Krankenhaus eingeliefert wurden und bei der Entlassung erhöhte Troponin-Werte auswiesen, hatten kernspintomographische Hinweise auf kardiale Schäden. Dies zeigen laut einer aktuellen Studie MRT-Untersuchungen, die mindestens einen Monat nach der Entlassung der Patienten aus dem Krankenhaus durchgeführt wurden („European Heart Journal“).

Studienleiterin Marianna Fontana, Professorin für Kardiologie am University College London (UK): „Erhöhte Troponin-Werte sind bei COVID-19-Patienten mit einem schlechteren Outcome verbunden.“ Patienten mit einem schweren COVID-19-Verlauf hätten oft schon vorbestehende kardiovaskulär relevante Gesundheitsprobleme wie Diabetes, erhöhten Blutdruck und Fettleibigkeit. Bei eine schweren COVID-19-Verlauf könne jedoch auch das Herz direkt betroffen sein.

Die Forscher untersuchten 148 COVID-19-Patienten (Durchschnittsalter 64 Jahre, Männer-Anteil 70 Prozent), die bis Juni 2020 aus sechs Krankenhäusern entlassen wurden. Die sich erholenden COVID-19-Patienten waren zuvor sehr krank; alle benötigten einen Krankenhausaufenthalt und alle hatten erhöhte Troponin-Werte; etwa jeder dritte Patient habe beatmet werden müssen, erklärt Fontana.

Bei den MRT-Untersuchungen ein oder zwei Monaten nach der Entlassung fanden die Wissenschaftler laut der Kardiologin „Hinweise auf hohe Raten von Herzmuskelverletzungen. Einige dieser Schäden hätten vielleicht schon  vor der Infektionskrankheit  bestanden;  einige seien jedoch neu gewesen und wahrscheinlich durch COVID-19 verursacht worden.