COVID-19: Mehr Impfungen und mehr Tests könnten Schulschließungen reduzieren

  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die retrospektive Auswertung und Modellierung der Übertragungsraten von SARS-CoV-2 in französischen und europäischen Schulen unter diversen Szenarien ergab, dass sowohl eine Ausweitung der Impfungen in dieser Altersklasse, als auch reguläre Testungen der Ungeimpften bei guter Adhärenz möglicherweise einen erheblichen Teil der Schulschließungen hätten verhindern können.

Hintergrund

Schulschließungen gehören zu den zahlreichen negativen gesellschaftlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie. Einerseits sind Kinder von Krankheit und Tod durch SARS-CoV-2 weniger bedroht als Ältere, andererseits spielen sie als Überträger von Infektionen eine erhebliche Rolle. Vor diesem Hintergrund wird diskutiert, welche Strategien sinnvoll sind, um einen möglichst ungestörten Schulbetrieb zu gewährleisten und gleichzeitig das Infektionsrisiko gering zu halten.

Design

Eine französische Arbeitsgruppe hat ein Modell entwickelt, um die Übertragung von SARS-CoV-2 anhand empirischer Daten aus 683 Primär- und Sekundärschulen zwischen März und Juni 2021 in dem Land abzubilden, als die Alpha-Variante des Virus (B.1.1.7) dominierte. Aus den beobachteten Prävalenzraten wurden schulspezifisch die Reproduktionszahlen R für die Alpha- und die Delta-Variante von SARS-CoV-2 geschätzt und den unterschiedlichen Interventionen gegenübergestellt.

Ergebnisse

  • Die R-Werte in den Schulen lagen während der Infektionswelle im Frühjahr 2021 für Alpha in Primärschulen bei 1,40 (95%-Konfidenzintervall 1,35 – 1,45) und in Sekundärschulen bei 1,46 (95%-KI 1,41 – 1,51). Dies war höher als die R-Zahl in der Allgemeinbevölkerung, die im gleichen Zeitraum für die Departements Ain, Loire und Rhône auf 1 geschätzt wurde.
  • Für Europa wurden die R-Werte bis Mitte September 2021 für die Delta-Variante in Primärschulen auf 1,66 (95%-KI 1,60 – 1,71) und für Sekundärschulen auf 1,10 (95%-KI 1,06 – 1,14) geschätzt. Die Forscher haben daraus errechnet, dass sich die Zahl der Infektionen in beiden Schulen um etwa 35 % verringern ließe, wenn, statt ausschließlich symptomatische Schüler zu testen, noch 75 % der Ungeimpften in den Primärschulen einen PCR-Test bzw. in den Sekundärschulen einen Antigen-Schnelltest erhielten. Solche regulären Tests könnten im Vergleich zu Schulschließungen als Reaktion auf infizierte Kinder die Zahl der verlorenen Schultage um 80 % verringern. Allerdings hatte die Adhärenz bei mehreren Pilotprojekten zum Screening mit median ≤ 53 % weit unter der notwenigen Schwelle gelegen.
  • Auch wenn die Schüler nur zum Teil geimpft wären, könnten reguläre Tests die Ausbreitung der Krankheit reduzieren. Im Modell ist man hier von einer Impfrate von 50 % ausgegangen, und wöchentlichen Tests bei 75 % der Ungeimpften. Im Vergleich zu Test nur bei Symptomen ließe sich so die zahl der Fälle in Primärschulen um 23 % verringern, heißt es.

Klinische Bedeutung

Die im Rückblick gewonnenen Einblicke zum Nutzen unterschiedlicher Teststrategien an den Schulen enden mit der Schlussfolgerung, dass die Pandemie auch weiterhin deren normalen und sicheren Betrieb gefährden wird. Immerhin könnten aber mehr geimpfte Schüler und reguläre Tests bei hoher Adhärens dazu beitragen die Schulen offen zu halten, wenn hochgradig ansteckende Virusvarianten kursieren.

Finanzierung: EU Framework Programme for Research and Innovation Horizon 2020, Horizon Europe Framework Programme, Agence Nationale de la Recherche, ANRS–Maladies Infectieuses Émergentes.