COVID-19: Infektiologen-Gesellschaft gegen „kontrollierte Durchseuchung“

  • Deutsche Gesellschaft für Infektiologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Es werden zunehmend Forderungen laut, die öffentlichen Beschränkungen zur Eindämmung der SARS-CoV-2-Epidemie rasch aufzuheben, damit wieder ein normales Sozial- und Wirtschaftsleben beginnen kann. Dabei wird häufig eine Strategie der „kontrollierten Durchseuchung“ bestimmter Altersgruppen, beispielsweise der unter 60-Jährigen, vorgeschlagen, um hiermit eine Herdenimmunität zu erzeugen, während für ältere Menschen und für besonders gefährdete Menschen die Restriktionen aufrechterhalten werden sollen. Als Begründung dient hierbei zum einen die relativ niedrige Sterblichkeit von jüngeren Menschen durch COVID-19. Zum anderen wird die rasche Erzeugung einer Herdenimmunität als notwendige Voraussetzung für die Kontrolle der Epidemie angeführt. Die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) spricht sich entschieden gegen ein solches Vorgehen aus.

Kritische Stimmen

„Wir brauchen keine allgemeine, das Infektionsrisiko minimierende Praxis, sondern eine spezifische, die das Infektionsrisiko für die gefährdeten Gruppen möglichst auf null herunterfährt“, so unter anderen der Philosoph und ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin. Hauptaufgabe sei, „jetzt die Gefährdeten konsequent zu schützen. Und dann können wir in den nicht gefährdeten Bereichen die Menschen wieder in das normale Leben entlassen, Schulen wieder aufmachen, den Universitätsbetrieb wieder aufnehmen, Tagungen und Messen wieder beginnen lassen, die Produktion wieder hochfahren, die Geschäfte wieder eröffnen“, argumentiert Nida-Rümelin auf der Online-Plattform „Das Morning Briefing“ des Publizisten Garbor Steingart. 

Im Fall von Covid-19 seien sich große Teile der Fachwelt einig, dass eine sogenannte Herdenimmunisierung stattfinden müsse, dass sich also mindestens 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infizieren müssten, bis die Pandemie abflaue, so dort auch die Schriftstellerin, Sozialdemokratin und brandenburgische Verfassungsrichterin Juli Zeh. Eine möglicherweise sinnvolle Alternative wäre laut Zeh gewesen, über sogenannte risikostratifizierte Maßnahmen nachzudenken. Man schütze dann hochgradig und gezielt die Risikogruppen, während man dem Rest der Bevölkerung erlaube, sich zu immunisieren.

Schutz besonders gefährdeter Menschen nicht gewährleistet

DGI-Präsident Professor Dr. med. Bernd Salzberger ist hingegen von der Idee der sogenannten „kontrollierten Durchseuchung“ alles andere als überzeugt: „Es gibt überhaupt keinen Präzedenzfall für das Funktionieren einer kontrollierten Durchseuchung. Wenn das Virus breit in der (jüngeren) Bevölkerung zirkuliert, muss man damit rechnen, dass die Infektionen bei Jüngeren in einer Art ‚spillover-Effekt‘ auch auf andere Altersgruppen übertragen werden – mit dramatischen Konsequenzen“, so Salzberger in einer Mitteilung der Fachgesellschaft. Ein wirksamer Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen – ausser älteren Menschen solche mit schweren Grunderkrankungen – sei mit dieser Strategie nicht zu gewährleisten.

Ungebremste Ausbreitung extrem riskant

 Aber nicht nur für die bekannten Risikogruppen wäre diese Strategie nach Ansicht des Infektiologen fatal. Auch wenn die Sterblichkeit von COVID-19 bei älteren Menschen deutlich höher ist, wäre die Zahl der Todesfälle bei ungebremster Ausbreitung unter jüngeren Menschen gewaltig. „Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den unter 60-Jährigen rechnen – das lässt sich aus den Daten, die uns zu dieser Infektion vorliegen, ableiten“, so Professor Dr. med. Gerd Fätkenheuer, Vorstandsmitglied der DGI.

Statt sich auf ein solches Szenario mit absehbar katastrophalen Folgen einzulassen, plädiert die DGI weiterhin für eine Verlangsamung des Infektionsgeschehens in allen Altersgruppen. Dazu empfiehlt die Fachgesellschaft eine Strategie der Überwachung und Kontrolle der Infektion. Dringend notwendig seien hierfür ein Ausbau der Testkapazitäten sowie die Isolation positiv getesteter Personen. Dazu müssten alle Maßnahmen ergriffen werden, die bei der Kontrolle der Epidemie helfen können. Hierzu gehören sowohl das Smartphone-Tracking per COVID-19-App wie auch das Tragen von Gesichtsmasken, wenn die Möglichkeit eines direkten Personenkontaktes besteht. „Der Mund-Nasen-Schutz schützt einen Gesunden nicht davor, die Infektion zu bekommen. Er kann jedoch helfen, dass ein Infizierter die Viren nicht per Tröpfcheninfektion an andere weitergibt. Mit steigenden Infektionszahlen kann das Tragen von Mund-Nasen-Schutz in der Bevölkerung also ein wichtiger Teil einer Gesamtstrategie sein“, so Salzberger. Hier sollte bevorzugt auf selbstgemachte Masken zurückgegriffen werden, um dem Gesundheitssystem die dringend benötigte medizinische Ausrüstung nicht vorzuenthalten.