COVID-19: In reichen westlichen Ländern kann die Sterblichkeit deutlich höher sein als in armen

  • PNAS

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei Primärinfektionen mit SARS-CoV-2 kann die Sterblichkeit an COVID-19 in westlichen Ländern deutlich höher sein als in Ländern der so genannten Dritten Welt, Mozambique zum Beispiel. Die Kombination aus Alters- und Haushaltsstrukturen ist in der westlichen Welt vor allem in Südeuropa ungünstig, wo die Menschen durchschnittlich sehr alt werden und meist mit jüngeren Familiengenerationen zusammenleben, zum Beispiel in Italien, Griechenland und Portugal.

Hintergrund

Seit Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie ist eine der wesentlichen Fragen, welche Infektionsschutzsstrategien die Rate schwerer und tödlicher Verlaufe in den einzelnen Ländern am effektivsten senken können. Ein Forscherteam aus Dänemark und Spanien hat ein Modell entwickelt und auf Basis der Daten von 81 Ländern Vorhersagen für die Sterblichkeit durch Primär- und Sekundärinfektionen getroffen.

Design

  • Entwicklung eines Modells zur direkten Sterblichkeit (Sterblichkeit durch Primärinfektion) und indirekten Sterblichkeit (Sterblichkeit nach Sekundärinfektion durch Haushaltsmitglieder) durch Covid-19
  • Basis für exemplarische Modellrechnungen: Daten von 81 Ländern der westlichen Welt, Afrikas und Asiens zu Altersstrukturen und den Strukturen der Lebensgemeinschaften

Hauptergebnisse

Der Vergleich von direkter und indirekter Sterblichkeit (Todesfälle/100 000 Einwohner) zwischen 81 Ländern basiert auf der theoretischen Annahme, dass jeweils 10 % der Bevölkerung, die in privaten Haushalten lebt, infiziert sind. Die zu erwartende direkte Sterblichkeit und indirekte Sterblichkeit ist vom Alter und der Zahl der miteinander lebenden Menschen abhängig. Die Risiken für schwere Verläufe sind bei alten Menschen höher, das Ansteckungsrisiko wiederum ist bei jüngeren Menschen erhöht.

Wären 10 % der in privaten Haushalten lebenden Menschen infiziert, so läge die direkte Sterblichkeit in Portugal, Giechenland und Italien bei 110-120/100 000 Menschen und in Südsudan, Sambia und Mozambique bei 19-23/100 000 Menschen. Die indirekte Sterblichkeit wäre wegen der Kombination aus einem hohen Durchschnittalter und vielen Mehrgenerationenhaushalten in den drei südeuropäischen Ländern mit einer Rate von 100-120/100 000 Menschen vergleichbar hoch wie die direkte, so dass jeweils circa 220-240/100 000 Menschen in Italien, Griechenland und Portugal an COVID-19 sterben würden. Das wäre die höchste Rate unter den berücksichtigten 81 Ländern.

In Mozambique zum Beispiel, einem der ärmsten Länder weltweit, läge die direkte Sterblichkeit bei circa 20/100 000 und die indirekte bei circa 55/100 000, so dass bei einer Infektionsrate von 10 % circa 75/100 000 Menschen sterben würden. In Bangladesch, das weltweit ebenfalls zu den ärmsten Ländern gehört, lägen die Raten jeweils bei 30/100 000 und 100/100 000, also bei 130/100 000 für die direkte und indirekte Sterblichkeit zusammen.

Klinische Bedeutung
In Ländern mit einem hohen Anteil alter Menschen, die entweder allein oder mit anderen alten Menschen in Alten- und Pflgeheimen zusammenleben wie in Deutschland, ist eine Prävention der Infektion in der Altersgruppe 65+ die effektivste Maßnahme, um die Sterblichkeit zu senken. Bei der Kombination aus hohem Alter und vielen Mehrgenerationhaushalten wie in Südeuropa würde der Schutz älterer Menschen vor Infektion die Raten der primären Todesfälle senken und vermutlich auch die Rate der Sekundärinfektionen.

In Ländern mit geringem Durchschnittsalter, aber vielen Mehrgenerationenhaushalten wie in Mozambique oder Bangladesch ist ein Fokus auf ältere Menschen weniger effektiv, da diese sich vermutlich auch über die jüngeren Haushaltsmitglieder anstecken werden.

Finanzierung: Europäische Union