COVID-19: Immunitätsausweis adieu?

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  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
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Kernbotschaften

Manche Patienten zeigen nach einer SARS-CoV-2-Infektion keine oder nur eine schwache Antikörper-Bildung. 

Schweden setzt im Rahmen seiner umstrittenen SARS-CoV-2-Strategie auf die Herdenimmunität nach Infektionen. Und mit dem inzwischen verworfenen Plan, Immunitätsausweise einzuführen, hätte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) Personen mit Antikörpern im Blut Sonderrechte eingeräumt. Doch nun gibt es Daten, die solche Diskussionen sowieso ad absurdum führen. Denn Forscher um Quan-Xin Long von der Chongqing Medical University im chinesischen Chongqing stellen in Nature Medicine“  eine Studie vor, die sie zweifeln lässt, ob Infektionen tatsächlich zur langfristigen Immunität führen: Bei 37 Patienten hatten sich nach asymptomatischer Infektion mit dem neuen Coronavirus die Antikörper-Titer rasch wieder verringert. Nach 2 Monaten könnte vielleicht schon keine Immunität mehr bestehen, schreiben die Forscher [1]. Aufgrund von Erfahrungswerten von SARS oder MERS hatte man bislang vermutet , dass Antikörper zumindest 2 bis 3 Jahre im Blut zirkulieren.

Bisher stammten viele immunologische Daten zur Coronavirus-Pandemie von Krankenhaus-Patienten mit schweren Verläufen, kommentiert  Prof. Dr. Danny Altmann vom Imperial College London, die neuen Daten. Die meisten Infizierten weltweit hätten aber nur leichte oder keine Symptome. Es sei daher eine entscheidende Frage, ob auch sie eine dauerhafte, schützende Immunität besäßen. „Obwohl es sich hierbei um eine recht kleine Stichprobe von Patienten handelt, gibt es zu Recht Bedenken, dass die natürliche Immunität gegen Coronaviren recht kurzlebig sein kann“, so Altmanns Schlussfolgerung aus der Veröffentlichung.

Studie mit 37 asymptomatischen Patienten

Long und Kollegen untersuchten 37 asymptomatische und 37 symptomatische Personen, bei denen eine per RT-PCR-bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen diagnostiziert worden war. Sie wurden gemäß chinesischer Richtlinien im Wanzhou People's Hospital überwacht. Die mediane Dauer des Virusausscheidens lag bei 19 Tagen.

Von den asymptomatischen Personen kam es bei 93,3% (28/30) bzw. 81,1% (30/37) während der frühen Rekonvaleszenzphase zur Verringerung der Spiegel an IgG bzw. an neutralisierenden Antikörpern im Vergleich zu 96,8% (30/31) bzw. 62,2% (30/31). 23/37) bei symptomatischen Patienten.

Immerhin 40% der asymptomatischen Personen waren seronegativ bei den IgG-Antikörpern, verglichen mit 12,9% in der symptomatischen Gruppe. Darüber hinaus zeigten asymptomatische Personen niedrigere Werte bei 18 pro- und antiinflammatorischen Zytokinen.

„Diese Daten legen nahe, dass asymptomatische Personen eine schwächere Immunantwort auf eine SARS-CoV-2-Infektion hatten“, schreiben die Autoren. „Die Verringerung der Spiegel an IgG und neutralisierenden Antikörpern in der frühen Rekonvaleszenzphase könnte Auswirkungen auf die Immunitätsstrategie und serologische Untersuchungen haben.“

Mehr Fragen als Antworten

Welchen Nutzen die Studie praktisch hat, ist derzeit unklar. Die Autoren wissen nicht genau, welche Konsequenz sinkende Antikörperspiegel haben. Dies bedeute nicht zwangsläufig, dass Patienten nach einer überstandenen Infektion wenige Monte später wieder anfällig für SARS-CoV-2-seien, schreiben sie im Artikel. Gleichzeitig warnen Long und Kollegen aber davor, auf Immunitätsausweise und einen damit verbundenen Sonderstatus zu setzen.

„Angesichts der Tatsache, dass Antikörper wahrscheinlich ein Bestandteil der COVID-19-Immunität sind, ist es wichtig, die Ergebnisse in größeren Studien zu bestätigen“, sagte Dr. Beth Kirkpatrick vom Department of Microbiology and Molecular Genetics, University of Vermont, gegenüber ABC News.

Antikörper seien aber nicht die einzige Immunantwort, die im Körper erzeugt würde. „Obwohl die Immunkomponenten, die vor COVID-19 schützen, noch unbekannt sind“, so Kirkpatrick weiter, „könnten Menschen immer noch geschützt werden, selbst wenn die Antikörper nicht nachweisbar niedrig sind“. Er verweist auf die bekannten T-Gedächtniszellen.

Bestätigung früherer Untersuchungen

Ganz überraschend sind die Ergebnisse aber nicht. Auch aus Deutschland gibt es ähnliche Daten. Prof. Dr. Werner Solbach von der Universität Lübeck und Kollegen untersuchten  IgA- und IgG-Antikörperprofile von 110 Patienten mit bestätigter SARS-CoV-2-Infektion. Sie hatten eigenen Angaben zufolge keine oder allenfalls marginale Symptome.

3 Wochen nach der Infektion fanden die Wissenschaftler bei 70% aller Studienteilnehmer Antikörper – bei 30% aber nicht. „Negative Antikörper schließen eine SARS-CoV-2-Infektion nicht aus“, so ihr Fazit. „Zukünftige Studien müssen die Funktionalität der Antikörper in Bezug auf den Schutz und die Fähigkeit zur Übertragung des Virus nach Infektionen weiter untersuchen.“

 

Dieser Artikel von Michael van den Heuvel ist im Original erschienen auf Medscape.de