COVID-19: Hoffnungsträger Remdesivir in placebokontrollierter Studie ohne klaren klinischen Vorteil

  • Lancet

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine erste, doppelblinde placebokontrollierte zu Remdesivir bei COVID-19-Patienten ergibt zwar einen numerischen Trend dahin, dass Patienten schneller gesund werden, vor allem wenn die Therapie maximal 10 Tage nach Symptombeginn erfolgt. Insgesamt aber ließ sich ein klinischer Vorteil nicht statistisch signifikant belegen. Die Studie wurde wegen des Abklingens der SARS-CoV-2-Infektionen in China und aus Sicherheitsgründen vorzeitig abgebrochen.

Hintergrund
Bislang gibt es keine spezifische Therapie für schwerkranke COVID-19-Patienten. Remdesivir wird in dieser Indikation klinisch geprüft. Es ist ein antiviraler Wirkstoff aus der Gruppe der Nukleosid-Analoga und RNA-Polymerase-Inhibitoren und wirksam gegen verschiedene Coronaviren wie MERS, aber auch gegen Ebolaviren und RSV. Remdesivir ist ein Prodrug und wird zur pharmakologisch aktiven Substanz metabolisiert. Nun sind Daten einer ersten prospektiv randomisierten und placebokontrollierten Studie bei Patienten mit schwerer SARS-CoV-2-Infektion publiziert worden (1).

Design

  • prospektiv randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie bei Patienten mit schwer verlaufender COVID-19-Erkrankung
  • teilnehmende Zentren: 10 Kliniken in der chinesischen Provinz Hubai
  • teilnehmende Patienten: 237 COVID-19-Kranke mit schwerem Verlauf und stationärer Aufnahme maximal 12 Tage nach Symptombeginn
  • schwerer Verlauf definiert als Sauerstoffsättigung des Blutes von maximal 94 % bei Raumluft und radiologisch bestätigter Pneumonie
  • Randomisierung: im Verhältnis 2 : 1 in einen Verumarm (Remdesivir i.v. 200 mg an Tag 1 und anschließend je 100 mg an den Tagen 2-10) oder zu Placebo (Placeboinfusionen derselben Volumina). Zusätzliche antiviral wirksame Substanzen wie Lopinavir–Ritonavir und Interferone, aber auch Kortikosteroide waren erlaubt
  • primärer Endpunkt: Tage bis zur klinischen Verbesserung innerhalb eines Zeitrahmens von 28 Tagen ab Randomisierung
    • klinische Verbesserung definiert als Verminderung um mindestens 2 Einheiten einer 6-Punkte Skala von 1 (1: Entlassung des lebenden Patienten aus der Klinik) bis 6 (Tod).

Hauptergebnisse

Die Studie konnte ab 6. Februar nur bis zum 12. März rekrutieren, weil zum einen ab Mitte März die COVID-19-Inzidenzen in China stark abfielen und zum anderen deutlich mehr Patienten unter Remdesivir die Behandlung wegen unerwünschter Effekte abbrechen mussten als unter Placebo (12 % vs. 5 %). Bei den Nebenwirkungen insgesamt, zum Beispiel gastrointestinalen Störungen oder Hyperkaliämie, gab es keine wesentlichen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen (66 % vs. 64 %; Verum vs. Placebo).

  • Bei den bis Mitte März eingeschlossenen und komplett nachverfolgten 237 Teilnehmern war die 28-Tage-Sterblichkeit in beiden Gruppen ähnlich, nämlich 14 % und 13 % (Remdesivir und Placebo).
  • Die Hazard Ratio (HR) für eine klinische Verbesserung betrug in der Verumgruppe 1,23 gegenüber Placebo, die Differenz war nicht signifikant.
  • Bei Patienten, die innerhalb von 10 Tagen nach Symptombeginn behandelt worden waren, lag die HR für eine klinische Besserung bei 1,52 (Verum vs. Placebo), war aber ebenfalls statistisch nicht signifikant.
  • Auch für andere Endpunkte gab es keine deutlichen Unterschiede, zum Beispiel für die Dauer des Krankenhausaufenthaltes.

Klinische Bedeutung
Der RNA-Polymerase-Inhibitor Remdesivir gilt als Hoffnungsträger für die Behandlung von COVID-19-Kranken. Das unklare Ergebnis aus einer ersten, methodisch guten, aber statistisch „unterpowerten“ Studie sei nicht das „Aus“ für die Substanz in dieser Indikation, heißt es im begleitenden Kommentar (2). Es gebe einen Trend für einen klinischen Benefit, wenn auch keinen statistisch signifikanten. Möglich sei, dass Remdesivir vor allem bei früher Anwendung helfe oder in Kombination mit anderen Strategien wie der Gabe neutralisierender Antikörper aus Rekonvaleszentenplasma.

Außerdem rekrutieren nach Angaben des Kommentators weltweit derzeit 5 weitere klinische Studien zu Remdesivir bei SARS-CoV-2-Infektion. Diese Daten müsse man abwarten. Es werde sich in der Gesamtwertung der prospektiv randomisierten Untersuchungen ein Bild abzeichnen lassen.

Finanzierung: öffentliche Mittel