COVID-19: Geringe Sterberate, doch auch das deutsche Gesundheitswesen kann kollabieren


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Zu den seit Tagen diskutierten Fragen zählt außer der Frage nach den besten Maßnahmen gegen die weitere Zunahme der Infektionsfälle die Frage, warum es bei dem Anteil der Menschen mit COVID-19, die sterben (CFR: case fatility rate), weltweit so extreme Unterschiede gibt. Eine simple Antwort gibt es nicht, denn die CFR hängt von vielen Variablen ab. Keine simple Antwort scheint es offensichtlich auch auf die Frage zu geben, welche zusätzlichen Maßnahmen jetzt unbedingt ergriffen werden müssten, um so schnell wie möglich den rapiden Anstieg der Infektionsfälle zu bremsen. Auch ein vergleichsweise so leistungsfähiges Gesundheitswesen wie das deutsche  könnte kollabieren, sollte dies nicht gelingen. So haben vor wenigen Tagen Experten der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie in einer Stellungnahme  betont: „Wenn wir nicht in den kommenden zwei Wochen die Ansteckungsrate radikal senken, wird es zu einer massiven Überforderung des Gesundheitssystems kommen, vor allem der Intensivstationen.“

Sterberate: Einflussfaktoren

Ein paar Zahlen verdeutlichen das Phänomens der extremen Unterschiede bei der CFR :  Mit Stand 20.3. betrug in Italien die CFR 8,30 bei 41.035 Infizierten, in Großbritannien 4,41 (3260 Infektionsfälle), in Frankreich 3,38 ((10.995), in Südkorea dagegen nur 1,09 (8652) und in Deutschland und auch Österreich sogar weniger als 0,3 bei rund 15.000 und 2200 gesicherten Infektionsfällen. Unbestritten dürfte sein, dass es eine Vielzahl von Einflussfaktoren gibt, die nur zum Teil schon bekannt oder zu beurteilen sind. Dazu zählen:

Die Testrate

Die Indikationen für einen Test auf das neue Virus und die Zahl der Tests , die gemacht werden. Werden viele Tests gemacht, wird allein schon dadurch die CFR geringer ausfallen als bei weniger Untersuchungen. Bei strenger Indikation für eine Test oder einem Mangel an Testkits wird es wenige gesicherte Infektionsfälle geben, so dass bereits ein paar wenige Todesfälle zu einer hohen CFR führen können.

Eine große Zahl an Tests (pro Woche über 100.000) gilt zum Beispiel als ein Grund für die aktuell (noch) sehr niedrige CFR in Deutschland. Dabei werden auch Infizierte mit relativ milden Symptomen erfasst - und damit eben auch Menschen mit vergleichsweise geringerer Sterbewahrscheinlichkeit. „In den meisten Fällen ist die Krankheit mild und zeigt nur wenige Symptome, und wir gehen davon aus, dass die Erkennung derart milder Fälle von Land zu Land unterschiedlich ist Land. Statistisch gesehen führt dies zu einem Unterschied bei den Todesfällen“, erklärt der Heidelberger Virologe Professor Hans-Georg Kräusslich. Eine sehr hohe Testrate ist vermutlich auch ein Grund für die geringe CFR in Südkorea. Dort lag (Stand 16.3.) die Restrate bei über 5000 Tests pro eine Million Bürger. Zum Vergleich: In den USA betrug sie zum selben Zeitpunkt nicht einmal Tests pro eine Million Einwohner. 

Alter, Grunderkrankungen, Qualität des Gesundheitswesens ...

Relevant für die CFR ist auch, in welchem Stadium sich die Epidemie gerade befindet. „Wir befinden uns noch in einem relativ frühen Stadium des Ausbruchs in Deutschland“, so der Heidelberger Virologe. Der überwiegende Anteil der Patienten sei erst in den letzten ein oder zwei Wochen infiziert worden. In Zukunft werde es wahrscheinlich schwerere Fälle und auch eine andere, also höhere Todesrate geben.

Zu den Faktoren, von denen die CFR beeinflusst wird, zählen zudem Eigenschaften der Bevölkerung bzw. der Bürger, insbesondere das Alter , mit dem die CFR positiv korreliert. In Deutschland zum Beispiel sind laut Robert-Koch-Institut mehr als 80 Prozent aller mit dem Coronavirus infizierten Personen jünger als 60 Jahre. Italien hat nach Angaben der „New York Times“ die älteste Bevölkerung in Europa; etwa 23% der Einwohner seien 65 Jahre oder älter. Das Durchschnittsalter im Land betrage 47,3 Jahre, verglichen mit 38,3 Jahren in den USA.

Weitere relevante Eigenschaften der Bevölkerung, die Einfluss auf die CFR haben können, sind sicher auch die Häufigkeit von Grunderkrankungen und die Lebensweise (Nikotin-Abusus?) und das Sozialleben - und verhalten der Menschen (Stichworte: „kommunikationsfreudig“, Großfamilien, Single-Haushalte etc.)

So sollen nach Angaben des staatlichen nationalen Gesundheitsamtes von Italien von 2000 Menschen, die an der neuen Infektionskrankheit und ihren Komplikationen gestorben sind, fast alle an einer oder mehreren Vorerkrankungen gelitten haben. Knapp die Hälfte habe drei Vorerkrankungen gehabt; häufige Grunderkrankungen seien Bluthochdruck, Diabetes mellitus und  Herzkrankheiten gewesen.

Von großer Relevanz ist selbstverständlich die Qualität des Gesundheitswesen, etwa die Zahl der Kliniken, die Erreichbarkeit der Kliniken, ihre Ausstattung mit Intensivbetten, moderner Technik und geschultem Personal), das Rettungswesen (Schnelligkeit von Transporten bei Notfällen), die ambulante Versorgung (etwa Arzt-Dichte). Die katastrophale Entwicklung der Epidemie in Italien sei zum Teil auch eine Folge radikaler Einsparungen im Gesundheitswesen, heißt es unter anderem in der „Süddeutschen Zeitung“ .

Auch in Deutschland gibt im Zusammenhang mit der Pandemie eine weiter intensivierte Diskussion über zu starkes „rein profit-orientiertes“ Handeln im Gesundheitswesen, was dazu geführt habe, dass nun in der Krise zum Beispiel geschultes Personal in den Kliniken wie auch in der ambulanten Versorgung, etwa in der Pflege, fehle. Eine ähnliche Diskussion gibt es in Großbritannien, wo gerade die Zahl der Infektionsfälle rapide steigt. 

Ein weiterer relevanter Faktor könnte die Zahl der Menschen in einem bestimmten Gebiet sein, die medizinische Versorgung benötigen - viele schwerkranke Menschen in einer einzigen Region könnten das dortige medizinische System möglicherweise überfordern.  So ist in Italien bekanntlich vor allem die „dicht besiedelte und von starker Wirtschaftsaktivität geprägte Region Lombardei“ von der neuen Infektionskrankheit betroffen.  

Und sehr wahrscheinlich spielt für die CFR auch die Definition eines Todesfalles infolge COVID-19 eine Rolle. Es ist nicht gerade wahrscheinlich, dass es dabei bereits eine weltweit einheitliche Vorgehensweise gibt; die veröffentlichten Zahlen zur CFR sind daher auch nur eingeschränkt aussagekräftig und für Vergleiche tauglich.