COVID-19: Forscher warnen, das RKI warnt, der US-Chef-Virologe verbreitet Optimismus


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Eine Berliner Studie zur SARS-CoV-2 bestätigt nun, was seit einiger Zeit schon vermutet wird: Auch kleine Kinder können infektiös sein. Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland sinkt. Gleichwohl warnt das Robert Koch-Institut vor einer zweiten und sogar dritten Welle. Hoffen lassen nun erneut Daten zu Remdesivir. 

Berliner Studie zur Infektiösität von Kindern

Eine aktuelle Studie stützt die Vertreter eher restriktiver Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit dem neuen Corona-Virus: Denn Kinder mit Infektion durch SARS-CoV-2-sind wahrscheinlich ebenso infektiös wie infizierte Erwachsene. Das geht aus einer Studie des Berliner Virologen Professor Christian Drosten und seiner Mitarbeiter hervor. Die Studie ist gestern auf einem Preprint-Server veröffentlicht worden. Die Studie ist also noch nicht durch andere Wissenschaftler begutachtet worden (Peer Review). Die PCR-Untersuchungen auf das neue Corona-Virus (Rachenabstriche) hätten keine signifikanten Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen ergeben,  teilte Drosten auch über „Twitter“ mit.

Die Ergebnisse von Drosten und seinen Kollegen sprechen in Kombination mit anderen Studien-Resultaten für ein restriktives Vorgehen bei der Öffnung von Kindergärten und Schulen. So hat eine gerade im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie gezeigt, dass Schul-Schließungen die Virus-Übertragungen zwar nicht völlig verhindern, aber doch um 40 bis 60 Prozent reduzieren konnten. Die Berliner Forscher warnen daher „vor einer uneingeschränkten Wiedereröffnung von Schulen und Kindergärten in der aktuellen Situation. Kinder könnten genauso infektiös sein wie Erwachsene." 

RKI: Nach wie vor am Anfang des Marathons

Nach Ansicht des Robert Koch-Instituts (RKI) stehe Deutschland trotz einer sinkenden Zahl von Neuinfizierungen noch immer am  Anfang eines Marathons zur Eindämmung der Epidemie. Erst bei einer Durchseuchung der Bevölkerung von 60 bis 70 Prozent sei diese unter Kontrolle, so RKI-Präsident Lothar Wieler. Derzeit liege man in Deutschland im einstelligen Prozentbereich.

Die Mehrheit der Wissenschaftler gehe außerdem von einer zweiten und vielleicht sogar einer dritten Welle aus. „Das Virus ist in unserem Land, es wird noch monatelang in unserem Land bleiben", so Wieler.

Remdesivir-Daten stimmen Virologen optimistisch 

Etwas Optimismus verbreitet hingegen der US-amerikanische „Chef-Virologe“ Professor Anthony S. Fauci. Remdesivir könnte bei COVID-19-Patienten die Standardtherapie werden, so der Direktor des „National Institute of Allergy and Infectious“. Anlass für seine Aussagen waren die vorläufigen Ergebnisse einer staatlich finanzierten placebo-kontrollierten Studie (ACTT: Adaptive COVID-19 Treatment Trial ) mit dem Wirkstoff von Gilead Sciences und 1063 COVID-19-Patienten. Den vorläufigen Ergebnissen der noch unveröffentlichten Studie zufolge kann Remdesivir die Genesung von COVID-19-Patienten beschleunigen. Laut einer Mitteilung des „National Institute of Allergy and Infectious“ benötigten Patienten, die Remdesivir erhielten, im median 11 Tage bis zur Genesung, Patienten mit Placebo hingegen 15 Tage. Dieses Ergebnis war statistisch signifikant (p

Die bisherigen Ergebnisse stimmten optimistisch, sagte Fauci, betonte allerdings zugleich, dass die Daten noch nicht vollständig ausgewertet worden seien und die  Ergebnisse noch von anderen Wissenschaftlern geprüft werden müssten (Peer Review).  

Weniger optimistisch stimmt eine im „Lancet“ publizierte placebo-kontrollierte Studie chinesischer Wissenschaftler. Hauptergebnis dieser Studie mit 237 schwer kranken COVID-19-Patienten ist, dass Patienten mit dem Nukleosid-Analogon zwar schneller gesund wurden, wenn sie rasch nach Beginn der Symptome behandelt wurden (innerhalb von zehn Tagen). Das Ergebnis war mit einer Hazard Ratio für klinische Besserung von 1,52 allerdings, wie berichtet, statistisch nicht signifikant.

Die Daten der Studie sind aber nur bedingt aussagekräftig, da die Autoren nicht genügend Patienten in die Studie aufnehmen konnten. Zudem brachen deutlich mehr Patienten der Remdesivir-Gruppe die Studie vorzeitig ab (12 versus 5 Prozent). Der Münchner Infektiologe Professor Clemens Wendtner, der an einer großen Remdesivir-Studie beteiligt ist, bezeichnet die Studie aus China in einem Interview mit dem „Spiegel“ sogar als „wertlos“.

Für Remdesivir spreche außerdem auch eine andere erst kürzlich veröffentlichte Studie. So trat bei zwei Drittel der hospitalisierten und schwer erkrankten Patienten dieser unkontrollierten Studie unter Remdesivir eine klinische Besserung ein („New England Journal of Medicine“).

Für die Publikation werteten die Autoren Daten von 53 Patienten aus Kliniken in den USA, Kanada, Europa und Japan aus. Die Teilnehmer der von Gilead Sciences finanzierten Studie hatten eine bestätigte Infektion mit SARS-CoV-2 und eine Sauerstoff-Sättigung von maximal 94 Prozent unter Umgebungsluft oder unterstützender Sauerstoff-Gabe; 30 wurden maschinell beatmet, bei vier Patienten war eine ECMO notwendig. Innerhalb einer medianen Beobachtungszeit von 18 Tagen wurde bei 36 (68 Prozent) der Patienten eine klinische Besserung festgestellt. 17 der 30 maschinell beatmeten Patienten konnten extubiert werden. 25 Patienten konnten das Krankenhaus verlassen, sieben Patienten starben.

„Im Moment wissen wir noch nicht sicher, wie effektiv Remdesivir bei Corona-Infektionen ist“, so Wendtner im Interview mit dem „Spiegel“.  Aber: Die Tendenz bei uns gehe „stark in Richtung einer positiven Wirkung“. Endgültig werde jedoch erst Ende Mai klar sein, ob Remdesivir die Therapie der COVID-19-Patienten tatsächlich verbessere oder sich nicht doch noch als ebenso großer Flop herausstelle wie Hydroxychloroquin.