COVID-19: eine zweite Welle, eine Dauerwelle und das Janusgesicht des Immunsystems


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

Markus Söder warnt vor einer zweite Welle. Der Virologe Hendrik Streeck glaubt laut der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nicht an eine zweite Welle, dafür jedoch an eine Art Dauerwelle. Die Corona-Warn-App kommt bei jungen Menschen offenbar gut an, bei über 60-Jährigen dagegen eher gar nicht. Berliner Wissenschaftler haben festgestellt, dass das Immunsystem bei COVID-19 eine „gefährliche Doppelrolle“ spielt.

Eine Warnung und ein Appell

„Wir müssen wirklich aufpassen“, so Markus Söder am Wochenende veröffentlichten Videobotschaft. „Wir dürfen nicht riskieren, dass wir sogar noch schneller als befürchtet, vor dem Herbst, eine zweite Welle bekommen, eine schleichende Welle, und überall regionale Lockdowns bekommen.“ In der vergangenen Woche sei „unglaublich viel passiert“, sagte er laut „FAZ“ mit Blick auf Ausbrüche im Kreis Gütersloh, in Niedersachsen oder Berlin. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe angesichts der aktuellen Corona-Ausbrüche an alle Menschen in Deutschland appelliert, weiter vorsichtig zu sein und die Corona-Warn-App zu nutzen. In Bayern solle sich künftig sogar jeder auf das neue Corona-Virus testen lassen können - unabhängig davon, ob er Symptome habe. Die Tests sollen „massiv" ausgeweitet werden, wird  Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) im „Spiegel“ zitiert.

Eine Dauerwelle und eine Eingreiftruppe

Der Bonner Virologe Professor Hendrik Streeck wünscht sich eine Corona-Eingreiftruppe und warnt vor künftigen Pandemien. Anders als Markus Söder glaube er nicht an eine zweite Welle, sondern an eine an eine kontinuierliche Welle, „die immer wieder hoch- und runtergeht“. Der „FAZ“ zufolge sollte es laut Streeck ein Emergency Response Team der WHO geben - eine Einheit, die weltweit Infektionen eindämmen könne. So etwas wünsche er sich auch für Deutschland: „eine Eingreiftruppe für Infektionskrankheiten. Einen Verband, der national agiert, nicht ausschließlich auf der Ebene der Länder“. „Es wäre“, so Streeck weiter, „sinnvoll, dies beim Robert-Koch-Institut anzudocken, eigenes Eingreifpersonal zu haben und auf das THW zurückgreifen zu können“.

Warn-App: bei jungen Menschen ein Erfolg

Eine Woche nach dem Start der Corona-Warn-App sei sie bereits millionenfach heruntergeladen worden, teilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit. 28 Prozent der über 14-Jährigen in Deutschland gäben an, die App schon zu verwenden. Dies zeigten die Umfrageergebnisse des aktuellen „BfR-Corona-Monitors“ . Dabei nutzen anscheinend Jüngere die App eher als Ältere. „40 Prozent der unter 40-jährigen sagen, dass sie die App zu Hilfe nehmen“, sagt BfR-Präsident Professor Dr. Dr. Andreas Hensel. „Bei den stärker gefährdeten Personen ab 60 Jahren sind es dagegen mit 19 Prozent deutlich weniger.“ Auch die Nutzung von sozialen Medien als Informationsquelle zum neuartigen Coronavirus unterscheide sich zwischen den Altersgruppen. Während diese für Personen ab 60 Jahren fast keine Rolle spielten, gäben etwa die Hälfte der unter 40-jährigen an, sich mit ihrer Hilfe zu informieren. Über alle Altersgruppen hinweg liege dieser Anteil bei rund einem Viertel.

An manche Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie habe sich die Bevölkerung anscheinend gewöhnt. So akzeptieren laut der Umfrage mehr Menschen seit der letzten Erhebung die (mittlerweile gelockerten) Kontaktbeschränkungen: Während seit Mai jeweils rund 70 Prozent der Befragten die Kontaktbeschränkungen als angemessen einstuften, steigt dieser Anteil in der aktuellen Befragung auf 79 Prozent. Die Pflicht zum Tragen von Masken in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln werde sogar von 88 Prozent der Befragten akzeptiert. 

Die gefährliche Doppelrolle des Immunsystems bei COVID-19

Die Infektion mit SARS-CoV-2 verläuft höchst unterschiedlich: Manche Betroffene merken gar nicht, dass sie infiziert sind, andere erkranken so schwer, dass ihr Leben in Gefahr ist oder sie sogar sterben. Eine wichtige Rolle für den Ver lauf der Erkrankung spielt das Immunsystem, wie nun Wissenschaftler vom Berlin Institute of Health (BIH), der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie Kollegen aus Leipzig und Heidelberg herausgefunden haben: Anhand von Einzelzell-Analysen entdeckten sie, dass die vom Virus befallenen Epithelzellen „das Immunsystem zu Hilfe rufen“. Doch die daraufhin einwandernden Immunzellen schießen gelegentlich über das Ziel hinaus und richten mit ihrer übersteigerten Reaktion teilweise größeren Schaden an als das Virus selbst („Nature Biotechnology“). 

Schon bevor die ersten COVID-19 Patienten in der Charité versorgt wurden, haben Professor Roland Eils, Gründungsdirektor des Digital Health Center des BIH, und Professorin Irina Lehmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Molekulare Epidemiologie am BIH, einer Mittelung zufolge eine Studie initiiert, um die molekularen und zellulären Ursachen von COVID-19 zu erforschen. „Wir haben vermutet, dass bei den unterschiedlichen Krankheitsverläufen das körpereigene Immunsystem eine Rolle spielt. Und das wollten wir gern genauer verstehen“, so Irina Lehmann in einer Mitteilung des Instituts.

Eils und sein Team rund um Dr. Christian Conrad setzten dabei auf sogenannte Einzelzell-Analysen; dabei wird jede einzelne Zelle, die aus den Atemwegen von COVID-19 Patienten gewonnen wurde, untersucht. Insgesamt untersuchten die Forscher Proben von 19 COVID-19 Patienten und von fünf gesunden Probanden (Kontroll-Gruppe). Acht der COVID-19 Patienten zeigten einen eher moderaten, elf einen kritischen Krankheitsverlauf. Die Proben stammten aus dem Nasen-Rachenraum, von zwei Patienten zusätzlich aus den Bronchien. Von fünf Patienten konnten mehrmals Proben gewinnen werden, so dass die Wissenschaftler die Möglichkeit hatten, den Verlauf der Erkrankung im selben Patienten zu verfolgen. In den Proben fanden die Wissenschaftler ausser Immunzellen vor allem Zellen aus der obersten Schicht der Atemwege, also verschiedene Epithelzellen. Aus diesen Zellen haben sie dann die RNA isoliert, die das Viruserbgut enthält, aber auch die Abschriften der aktiven Gene der menschlichen Zellen. Basierend auf diesen Daten und klinischen Informationen konnten die Forscher dann den Ablauf der Infektion auf Einzelzell-Ebene nachvollziehen.

Das neue Corona-Virus gelangt in die Zellen, indem es sich an deren ACE2-Rezeptor heftet. „Wir haben gesehen, dass der ACE2-Rezeptor in den Epithelzellen der COVID-19-Patienten doppelt bis dreimal so stark exprimiert ist wie in den Epithelzellen der nicht-infizierten Kontroll-Probanden“, erklärt Christian Conrad. Die infizierten Zellen senden daraufhin einen „Hilferuf“ an das Immunsystem und locken Immunzellen an, die helfen, die Infektion zu bekämpfen, indem sie die infizierten Epithelzellen gezielt abtöten und das Virus neutralisieren. 

Interessanterweise trägt ausgerechnet der Immunbotenstoff Interferon, der eigentlich eine zentrale Abwehrstrategie des Immunsystems gegen Virusinfektionen ist, im Fall von COVID-19 dazu bei, dass die Epithelzellen mehr ACE2 bilden und damit verwundbarer für eine Virusinfektion werden“, berichtet die Immunologin Irina Lehmann und fügt hinzu: „Im Fall von COVID-19 hilft das Immunsystem so dem Virus, weitere Zellen zu infizieren und verstärkt somit die Erkrankung.“ Außerdem beobachteten die Wissenschaftler, dass insbesondere bei schwer erkrankten Patienten die Immunzellen mit einer überschießenden Entzündung reagieren.

Die Ergebnisse legen den Autoren zufolge nahe, dass die Behandlungen von COVID-19 Patienten nicht nur gegen das Virus selbst gerichtet sein muss; es müssen auch Therapien in Betracht gezogen werden, die das Immunsystem in seine Schranken weisen bzw. supprimieren.