COVID 19: ein Professor ermahnt, ein Virologe kritisiert, Pädiater sind besorgt


  • Dr. med. Thomas Kron
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Kernbotschaften

RKI-Vizepräsident Professor Lars Schaade bittet die Bevölkerung, sich nicht zu sorglos zu verhalten. Der Berliner Virologe Professor Christian Drosten kritisiert Falschinformationen. Mehrere Beobachtungsstudien liefern schlechte Nachrichten für stark übergewichtige Menschen. Pädiater sind wegen einer auffallenden Häufung einer systemischen Entzündungs-Krankheit bei Kindern besorgt.

R-Wert derzeit kein Grund zu großer Sorge

Es sei sehr erfreulich, dass die Infektionsraten in einigen Regionen in Deutschland sehr niedrig geworden seien,  so Lars Schaade. Doch das Virus  sei nicht verschwunden, angepasstes Verhalten daher weiterhin notwendig. Die Reproduktionszahl des Corona-Virus könnte nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) auch in den nächsten Tagen weiter bei etwa 1 liegen. Ursache sei, dass sich die Zahl täglicher Neuinfektionen kaum mehr verringere und sich einem Plateau nähere, so der RKI-Vizepräsident. In Deutschland liegt der R-Wert derzeit bei 1,07. Einzelne Tage, an denen der R-Wert über 1 liege, seien nicht problematisch, so Schaade. Erst, wenn der R-Wert an mehreren Tagen in Folge den Wert von 1,2 oder 1,3 erreiche, müsse genau hingeschaut werden. Generell unterliege der R-Wert Schwankungen. Schaade zufolge wird das RKI daher einen sogenannten geglätteten R-Wert mitteilen, bei dem solche Schwankungen besser ausgeglichen würden. Dieser geglättete Wert habe in der vergangenen Woche an keinem Tag über 1 gelegen.

Über Falschinformationen zum neuen Corona-Virus in ärgert sich der Berliner Virologe Professopr Christian Drosten. In sozialen Medien kursierten zum Beispiel millionenfach abgerufene Videos, die „voller Unsinn" und „falscher Behauptungen" seien, sagte der Virologe, der sich  seit Wochen mit seinem regelmäßigen NDR-Podcast  um sachliche und korrekte Informationen bemüht. Zum Teil werde sogar von Ärzten und Professoren „irgendeinen Quatsch in die Welt“ gesetzt,  die sich nie näher mit dem Thema befasst hätten. 

Auch junge Menschen mit Adipositas gefährdet

Zu den COVID-19-Patienten mit erhöhtem Risiko für schwere Krankheitsverläufe zählen mehreren Daten zufolge auch adipöse Menschen, und zwar auch dann, wenn sie noch unter 60 Jahre alt sind. Hinweise darauf liefert unter anderen eine retrospektive Studie , in der der Zusammenhang zwischen BMI und Krankheitsverlauf bei jüngeren COVID-19-Patienten untersucht wurde. Die statistische Auswertung ergab zum Beispiel einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen einem BMI über 25 und einer radiologisch gesicherten Pneumonie und Sauerstoff-Bedarf. Auch eine britische Studie  lieferte Hinweise auf ein zusätzlich erhöhtes Sterbe-Risiko von übergewichtigen Patienten. Über ähnliche Beobachtung haben zudem US-Ärzte berichtet, die die Daten von über 4000 Patienten in New York City ausgewertet hatten. Den US-Autoren zufolge ergaben die Berechnungen, dass  bei einem BMI zwischen 30 und 40 das Risiko der Patienten für eine Einlieferung ins Krankenhaus oder sogar einen tödlichen Verlauf um das Vierfache, bei extremen Übergewicht mit einem BMI ab 40 sogar um das Sechsfache steigt. Ein Grund für das erhöhte Risiko adipöser Menschen ist vermutlich, dass sie relativ häufig auch an Diabetes mellitus und dessen Folgekrankheiten leiden. Auch Typ-2-Diabetes-Kranke sind Risiko-Patienten für schwere Krankheitsverläufe bei einer Infektion mit dem neuen Corona-Virus. Dies zeigt unter anderen eine aktuelle Studie mit rund 7300 COVID-19-Patienten, darunter fast 1000 Typ-2-Diabetiker .  Die Auswertung der Daten ergab zum Beispiel, dass Diabetes-Patienten eine höhere Mortalität hatten; zudem korrelierte ein gut eingesteller Blutzucker-Stoffwechsel mit einem besseren klinischen Krankheitsverlauf. 

Lebensbedrohliche systemische Entzündung bei Kindern

Im Zusammenhang mit COVID-19 sind in in New York drei Kinder mit positivem Virus- oder Antikörper-Nachweis an einer bereits mehrfach beschriebenen Kawasaki-ähnlichen Organ- und Gefäßentzündung gestorben. Eines der drei Kinder war fünf Jahre alt, ein anderes sieben Jahre  und das dritte im Teenager-Alter.  Dies hat am Wochenende US-Gouverneur Andrew M. Cuomo gemeldet. Laut Cuomo sind inzwischen allein in New York 85 Kinder von diesem Entzündungssyndrom betroffen. Das New Yorker Gesundheitsamt hatte bereits im April von der Krankheit berichtet, bei der es zu einer systemischen Entzündung und dadurch bedingten Organkomplikationen wie einem akuten Nierenversagen und kardialen Problemen kommt. Nach Angaben von US-Gouverneur Cuomo hatten viele der betroffenen Kinder bei Klinikaufnahme keine respiratorischen Symptome; alle seien jedoch positiv auf das neue Corona-Virus oder Antikörper dagegen gewesen.

Über einen „Cluster“  von acht Kindern mit einem „hyperinflammatorischen Schock-Syndrom“ bzw. atypisches  Kawasaki-Syndrom berichten auch britische Pädiater im Fachmagazin „The Lancet“ . Die Kinder - fünf Jungen und drei Mädchen - waren vier bis 14 Jahre alt, sechs von ihnen waren afro-karibischer Herkunft. Alle Kinder waren zuvor gesund. Symptome waren starkes Fieber, Hautausschläge, Konjunktivitis, periphere Ödeme, generalisierte Extremitäten-Schmerzen und gastrointestinale Beschwerden. Alle Patienten entwickelten einen Schock, der nicht auf Volumen-Gabe ansprach; die meisten Kinder hatten keine respiratorischen Symptome; allerdings mussten nach Angaben der Autoren sieben Kinder mechanisch beatmet werden, um sie kardial zu stabilisieren. Bei fast keinem Kind konnte zunächst, trotz laborchemischer Entzündungszeichen, das neue Corona-Virus oder ein anderer Erreger nachgewiesen werden. Nur bei einem Kind wurden Adenoviren und Enteroviren isoliert. Ein Kind mit erhöhten kardialen Enzym-Werten entwickelte schwere Arrhythmien und starb an einem großen zerebralen Infarkt. Nach der Entlassung von der Intensivstation wurden zwei Kinder positiv auf SARS-CoV-2- getestet, darunter auch das gestorbene Kind (Nachweis post mortem).

Das Erkrankungsbild ähnelt dem des sehr seltenen Kawasaki-Syndroms, von dem vor allem Kinder unter fünf Jahren betroffen sind. Dabei handelt es sich um eine Gefäßentzündung der kleinen und mittleren Arterien. Besonders bedeutsam ist die mögliche Beteiligung der Herzkranzgefäße. Die Ursache ist unklar.