COVID-19: ein kleines wissenschaftliches Potpourri


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Kernbotschaften

Schon mehrfach ist über kardiale Komplikationen bei COVID-19-Patienten berichtet worden, etwa über Myokarditiden. Wissenschaftler aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) haben ihren Angaben zufolge nun zeigen können, dass das Corona-Virus in Herzzellen eindringen und sich darin vermehren kann. Zudem sei es in der Lage, die Genaktivität infizierter Herzzellen zu verändern, berichten die Kardiologen und Rechtsmediziner um Professor Dr. Dirk Westermann. Mehrere Untersuchungen belegen inzwischen, dass bei COVID-19-Patienten in seltenen Fällen ein Guillain-Barré- und Miller Fisher-Syndrom auftreten kann. Ein Team der Hamburger Universitätsklinik hat nun bestätigen können, dass während der COVID-19-Pandemie die Lebensqualität von Kindern abgenommen hat. Neurologen befürchten, dass es weltweit zu einer starken Zunahme von Menschen mit kognitiven Störungen nach der Infektionskrankheit kommen könnte. Und Heidelberger Forscher haben womöglich einen neuen Ansatz zur Therapie von schwer kranken COVID-19-Patienten gefunden.

Autopsie-Befunde von 39 Patienten

Die Hamburger Kardiologen und Rechtsmediziner haben das myokardiale Gewebe von 39 gestorbenen Herz-Patienten untersucht, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren (23 Frauen, 16 Männer, Durchschnittsalter 85 Jahre). „Bisher wusste man nicht, in wie vielen Fällen SARS-CoV-2 auch das Herz befällt und – wenn es das tut – ob es sich in Herzzellen vermehren und dort krankhafte Veränderungen hervorrufen kann. Mit den nun vorliegenden Untersuchungsergebnissen haben wir deutlich mehr Klarheit“, sagt der Kardiologe Westermann in einer Mitteilung. Bei 24 der 39 Patienten konnten Forscher SARS-CoV-2 im Herzgewebe nachweisen. In 16 Fällen fanden sie das Virus in Mengen, die klinische Auswirkungen hätten haben können (mehr als 1000 Viruskopien pro Mikrogramm RNA). Bei fünf Patienten mit den höchsten Virusmengen identifizierten die Forscher den Plus- und Minus-Strang des Virus-Erbguts. „Das ist das Zeichen, dass sich das Virus auch in der betreffenden Zelle vermehrt“, erklärt Westermann.

Durch die Infektion verändern sich zwar die Herzzellen. Ob dies allerdings Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf hat, lässt sich noch nicht abschließend klären. Das Wissenschaftlerteam hatte die Aktivität von sechs entzündungsfördernden Genen genauer unter die Lupe genommen. Bei den 16 Patienten mit der höchsten Viruslast war die Aktivität dieser Gene deutlich erhöht. „Dies hätte auf das Vorliegen einer Herzmuskelentzündung schließen lassen können. Gleichwohl haben wir keine typischen Kennzeichen einer solchen Entzündung – etwa das Einwandern von Entzündungszellen aus dem umliegenden Gewebe in den Herzmuskel – finden können. 

 

Unsere Ergebnisse unterstützen die bisherige Beobachtung, dass eine Herzmuskelentzündung im Zusammenhang mit COVID-19 nur sehr selten auftritt“, erklärt Westermann. Die durch die Infektion hervorgerufene veränderte Genaktivität in den Herzzellen könne allerdings Langzeitfolgen für die Gesundheit von Betroffenen haben. Um das zu klären, seien künftig Reihenuntersuchungen mit lebenden COVID-19-Patienten notwendig. Die Befunde werden laut der Mitteilung im Fachmagazin „JAMA Cardiology“ publiziert werden.

Guillain-Barré-Syndrom innerhalb weniger Tage

Bereits im April gab es Publikationen, in denen bei COVID-19-Patienten ein Guillain-Barré- und Miller Fisher-Syndrom (MFS) beschrieben wurden. Nun sind drei neue MFS-Kasuistiken aus Italien, Spanien und Deutschland publiziert worden. Darüber hinaus ist aktuell eine Übersichtsarbeit zu allen bisher weltweit berichteten 24 COVID-19-assoziierten GBS-Fällen (sowie GBS-Subtypen) erschienen. Während sich sonst ein postinfektiöses GBS/MFS meist erst nach mehreren Wochen entwickelt, traten bei allen bisher berichteten COVID-19-assoziierten Fälle die neurologischen Symptome innerhalb von nur (3-)5-10 Tagen auf. Auch bei einer 50-jährigen, bisher gesunden Frau mit SARS-CoV-2-Pneumonie sei die neuromuskuläre Symptomatik schon zehn Tage nach der stationären Aufnahme aufgetreten. Die Patientin hatte eine antivirale Therapie, Antibiotika, Chloroquin und Sauerstoff (35%) erhalten, worunter sie sich pulmonal innerhalb von zehn Tagen erholte. Sie klagte dann aber über Doppelbilder und Gesichtsparästhesien. Diagnostiziert wurden eine Ophthalmoplegie, Ataxie und zerebelläre Dysmetrie der Arme, eine generalisiere Areflexie, leichte faziale Ausfälle sowie eine Hypoästhesie links mandibulär/maxillär im Sinne einer Polyradikulitis. Mittels MRT wurde ein Schlaganfall ausgeschlossen; der Liquor war unauffällig (Zellzahl, Druck, Virus-PCR, Kultur, Gangliosid-Antikörper), abgesehen von einer zytoalbuminären Dissoziation. Unter der Annahme eines MFS erhielt die Patientin Immunglobuline, wodurch sich nach sieben Tagen die neuromuskuläre Symptomatik besserte; nach weiteren sieben Tagen konnte die Frau ohne respiratorische Symptome mit nur noch diskreter Hyporeflexie entlassen werden. 

Bei dem Fall aus Deutschland handelte es sich  um einen 65-jährigen Mann, der sich nach einem Skiurlaub in Österreich am 10. März den behandelnden Ärzten vorstellte, nachdem er drei Tage unter Fieber, Husten und zwei Tage unter Paresen des rechten Arms und der unteren Gliedmaßen (ohne sensorische Störungen) gelitten hatte. Die Paresen verschlechterten sich nach Aufnahme am Folgetag weiter, auch eine leichte Leukopenie wurde festgestellt. Der Patient wurde fünf Tage lang mit Immunglobulinen und Physiotherapie behandelt, was schnell zu einer klinischen Verbesserung führte. Zwölf Tage nach Aufnahme konnte der Patient gesund entlassen werden, wies allerdings noch verminderte Muskeleigenreflexe auf. 

In eine aktuell publizierte Metaanalyse wurden 18 Berichte eingeschlossen, die insgesamt 23 Patienten mit COVID-19-assoziierter Polyradikulitis beschreiben, ein weiterer Patient wurde den Autoren persönlich berichtet. Die Prävalenz des COVID-19-assoziierten GBS beträgt 0,41/10⁵, sie wäre somit niedriger als beim Nicht-COVID-19-assoziierten GBS, dessen jährliche Inzidenz mit 1,1-2,7/10⁵ angegeben wird, so die Autoren. Wie bei dem Nicht‐SARS‐CoV‐2‐assoziierten GBS scheinen ebenfalls mehr Männer zu betroffen zu sein. Die Pathogenese des postinfektiösen, SARS‐CoV‐2-assoziierten GBS ist nicht geklärt. Im Mittel tritt es zehn Tage nach Beginn der ersten nicht-neurologischen COVID-19-Symptome auf. Da das Virus bisher nicht im Liquor  nachgewiesen wurde, scheint keine direkte virale Genese vorzuliegen; wahrscheinlicher sei ein immunvermittelter Mechanismus, so die Autoren.

Hamburger Studie bestätigt: Corona-Pandemie belastet auch Kinder

Die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist einer aktuellen Hamburger Studie nach während der Corona-Pandemie schlechter geworden, sie berichten vermehrt von psychischen und psychosomatischen Auffälligkeiten. Betroffen sind vor allem Kinder aus sozial schwächeren Familien. Das sind laut einer Mitteilung die wesentlichen Ergebnisse der COPSY-Studie, in der Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) die Auswirkungen und Folgen der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht haben. Dafür befragten sie zwischen 26. Mai und 10. Juni über 1000 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1500 Eltern per Online-Fragebogen.

„Die Studie hat gezeigt, dass die Herausforderungen der Pandemie und die damit im sozialen Leben einhergehenden Veränderungen die Lebensqualität und das psychische Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen verringern und das Risiko für psychische Auffälligkeiten erhöhen. Die meisten Kinder und Jugendlichen fühlen sich belastet, machen sich vermehrt Sorgen, achten weniger auf ihre Gesundheit und beklagen häufiger Streit in der Familie. Bei jedem zweiten Kind hat das Verhältnis zu seinen Freunden durch den mangelnden physischen Kontakt gelitten“, sagt Professor Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der Studie und der Forschungsgruppe „Child Public Health“ der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik des UKE.

Die Auswertung der COPSY-Daten zeig laut einer Mitteilung, dass die Kinder und Jugendlichen die seelischen Belastungen der Corona-Pandemie spüren: 71 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich dadurch belastet. Zwei Drittel von ihnen geben eine verminderte Lebensqualität und ein geringeres psychisches Wohlbefinden an. Vor Corona war dies nur bei einem Drittel der Kinder und Jugendlichen der Fall gewesen. „Wir haben mit einer Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens in der Krise gerechnet. Dass sie allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht“, sagt Ravens-Sieberer.

Die Kinder und Jugendlichen erleben während der Krise vermehrt psychische und psychosomatische Probleme: Das Risiko für psychische Auffälligkeiten steigt von rund 18 Prozent vor Corona auf 31 Prozent während der Krise. Die Kinder und Jugendlichen machen sich mehr Sorgen und zeigen häufiger Auffälligkeiten wie Hyperaktivität (24 Prozent), emotionale Probleme (21 Prozent) und Verhaltensprobleme (19 Prozent). Auch psychosomatische Beschwerden treten während der Corona-Krise vermehrt auf. Ausser Gereiztheit (54 Prozent) und Einschlafproblemen (44 Prozent) sind das beispielsweise Kopf- und Bauchschmerzen (40 bzw. 31 Prozent).

Auch bei Themen wie Schule, Familie oder Freunde zeigten sich in der Corona-Zeit auffällige Veränderungen: Für zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen sind die Schule und das Lernen anstrengender als vor der Corona-Pandemie. Sie haben Probleme, den schulischen Alltag zu bewältigen und empfinden diesen teilweise als extrem belastend. Auch in den Familien hat sich die Stimmung verschlechtert: 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen und 37 Prozent der Eltern berichten, dass sie sich häufiger streiten als vor der Corona-Krise.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Corona-bedingten Veränderungen bestimmte Gruppen von Kindern und Jugendlichen besonders stark belasten“, sagt Ravens-Sieberer. Vor allem Kinder, deren Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss beziehungsweise einen Migrationshintergrund haben, erleben die Corona-bedingten Veränderungen als äußerst schwierig. Fehlende finanzielle Ressourcen und ein beengter Wohnraum führen ebenfalls zu einem hohen Risiko für psychische Auffälligkeiten. 

Eine Befürchtung: Zunahme der Patienten mit dauerhaften Hirnschäden

Wissenschaftler befürchten, dass es infolge der COVID-19-Pandemie die Zahl der Menschen stark steigen wird, die durch die Infektion dauerhafte neurologische und psychische Schäden erleiden. 

Über zerebrale Komplikationen bei COVID-19-Patienten sind bereits mehrere Beobachtungsstudien und Fallgeschichten publiziert wurden. Erst kürzlich haben Neurologen des University College London (UCL) im Fachmagazin „Brain“  über 43 Patienten mit gesicherter, wahrscheinlicher und möglicher COVID-19 berichtet, die entweder vorübergehende Hirnfunktionsstörungen, Schlaganfälle, Nervenschäden oder andere zerebrale Störungen hatten.

„Ob wir eine Epidemie in großem Umfang im Zusammenhang mit der Pandemie sehen werden - möglicherweise ähnlich dem Ausbruch der Enzephalitis lethargica in den 1920-er und 1930-er Jahren nach der Influenza-Pandemie von 1918 - bleibt abzuwarten", so Dr. Michael S. Zandi vom UCL-Institut für Neurologie, einer der Leiter der Studie. Auffallend häufig sei bei den COVID-19-Patienten eine akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) diagnostiziert worden, wobei kein Zusammenhang mit der Schwere der Infektionskrankheit festgestellt worden sei. 

Autoren einer systematischen Übersichtsarbeit, Anfang Juli im Fachblatt „The Lancet Neurology“ erschienen, berichten, dass COVID-19-assoziierte Erkrankungen des zentralen oder peripheren Nervensystems prozentuell gesehen wahrscheinlich zwar eher selten aufträten (im Vergleich zu SARS und MERS), durch die pandemisch hohen Infektionszahlen weltweit aber mit einer hohen absoluten Zahl von Patienten mit bleibenden neurologischen Schäden zu rechnen ist.

Er mache sich Sorgen, dass es bereits jetzt Millionen von Menschen mit COVID-19 gebe, so auch der britische Neurowissenschaftler Professor Adrian Owen. Sollten es in einem Jahr zehn Millionen Betroffene sein, die sich erholt haben, dann könnte es eine Menge Menschen mit kognitiven Störungen geben - mit erheblichen Folgen für ihre Arbeitsfähigkeit und ihre Fähigkeiten, Aktivitäten des täglichen Lebens zu bewältigen. Adrian Owen plädiert für systematische Studien und Daten-Erhebungen zum Zusammenhang von COVID-19 und neurologischen sowie psychiatrischen Komplikationen, auch um genaue Erkenntnisse zur Häufigkeit zu gewinnen. Owen selbst führt zusammen mit anderen Wissenschaftlern ein internationales Forschungsprojekt (covidbrainstudy.com) durch, bei dem sich Patienten anmelden können; Ziel des Projektes ist herauszufinden, wie SARS-CoV-2- die kognitiven Fähigkeiten beeinflusst. 

Neuer Therapie-Ansatz

Heidelberger Wissenschaftler haben laut einer Mitteilung durch eine Autopsiestudie neue Behandlungsansätze für schwere COVID-19 Erkrankungen gefunden. Während die meisten SARS-Cov-2 Infektionen mit milden Symptomen einhergehen oder symptomfrei ablaufen, erkrankt ein kleiner Teil der Patienten schwer an der durch das Virus verursachten Krankheit Covid-19.  Mikrothrombosen in den kleinen Lungengefäßen stehen offenbar am Anfang der schweren Krankheitsverläufe. Sie verursachen dann im weiteren Verlauf auch eine Schädigung der Lungenbläschen und scheinen charakteristisch für diese Fälle. Das berichten Wissenschaftler des Pathologischen Instituts am Universitätsklinikum Heidelberg in einer Studie, die nun im „Deutschen Ärzteblatt“ erschienen ist. Das frühe Auftreten von Mikrothrombosen könnte auch erklären, warum bei Covid-19 rasch eine niedrige Sauerstoffsättigung auftreten kann, noch bevor die Lunge ihre Dehnbarkeit verliert.

 

„Wir gehen davon aus, dass diese spezifischen Schädigungen der Lunge der wesentliche Mechanismus beim Fortschreiten der Erkrankung sind," erklärt Prof. Peter Schirmacher, Direktor des Pathologischen Instituts. Die Erkenntnisse liefern wichtige Hinweise für eine bessere medizinische Versorgung bei schweren Verläufen von Covid-19. „Unsere Befunde legen nahe, dass eine konsequente Verhinderung und Behandlung der Gerinnung einen großen Nutzen für die Patienten bringt", so Schirmacher.